„Erlernt wurde Unsicherheit, Furcht – aber auch Positives: eine andere Art Nähe, Hilfsbereitschaft“ Inken Gaebel, Künstlerin_Berlin 5.10.2020

Liebe Inken, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die jetzige Situation gibt natürlich einen neuen Rhythmus vor. Ich bin freischaffend von Zuhause tätig, und bin Mutter von zwei Schulkindern; der Tag erhält seinen Takt durch ihren Zeitplan und dem Erfüllen ihrer Bedürfnisse.

Meine Arbeitszeit waren/sind die fünf Stunden morgendliche Schulzeit, mein Nachmittag dreht sich um die Kinder, deren Hobbys, unsere Tiere und den Haushalt. Ich brauche, um kreativ arbeiten zu können, Ruhe und Zeit am Stück. Wenn ich jederzeit mit Störungen und Unterbrechungen rechnen muss, werde ich unruhig und ungenau, schlampig und hektisch, das funktioniert gerade bei der akribischen Umsetzung von Vorlagen in realistische Malerei nicht.

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Diese ungestörte Arbeitszeit gab es für mich nicht mehr, da Schule und Freizeitaktivitäten so stark eingeschränkt waren. Das Gefühl, nicht mehr mit seinen beruflichen Projekten voran zu kommen, gebremst zu sein, hat mich anfangs sehr nervös, unruhig, ja, fast wütend gemacht. Dann habe ich mich den Umständen bewusst angepasst und statt einer Ausbremsung neue, andere Möglichkeiten gesehen.

Nun gibt es viel Familienzeit. Wir stehen morgens auf, frühstücken lang, quatschen viel und albern herum. Dann setzen wir uns in den schulfreien Wochen an das homeschooling, was vor allem zeitlich eine ziemliche Herausforderung ist.

Dann folgen Projekte: gemeinsames Kochen, Fahrradtouren zum Haus von dem ‚schimpfenden Mann’, Spaziergänge mit den Hunden durch den Bach und hoch zum Hexenwald, ein Zwiebel- Erdbeer-Beet anlegen, eine Sprungschanze aus Holzschrott bauen, den Hunden Kunststücke beibringen, Telefonstreiche.

Und zwischendrin komme ich auch zu ungestörter Arbeitszeit, in der ich jetzt kleinere, unaufwändigere Arbeiten mache, die sich gut schaffen lassen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ganz profan:

Sich nicht zu sehr zu sorgen und dadurch in Stress zu geraten, sondern die Zeit schön zu verbringen..

Das ein oder andere Pflanzen- Projekt starten, viel Erdbeeren in der Sonne essen und sich ins hohe Gras zu legen und mal zu kucken, wie strahlend blau der Himmel im Moment ist.

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Ich denke, das Erleben dieses Neubeginns basiert auf dem, aus einer ungewöhnlichen Erfahrung Erlernten, und wie dies uns als Personen geprägt hat.

Erlernt wurde Unsicherheit, Furcht vor der Unberechenbarkeit einer Situation, Distanz, Skepsis, Abwehr und Eigenschutz.

Aber auch Positives: eine andere Art Nähe, Hilfsbereitschaft, eine neue Wertschätzung von Familien und Freunden, Freiheit, Einschränkungen als Chance für sinnvolle Umstrukturierung (zum Beispiel: sind die vielen geschäftlichen Flüge nötig, oder zeigt sich nicht gerade, wie simpel die Meetings mit einer Internet Konferenz abgehalten werden können ohne dass irgendjemand sich umweltbelastend vom Fleck bewegen muss)

Und die hoffentlich lehrreiche Einsicht, wie die Natur durch ein paar zu bewältigende Maßnahmen in der Krise, für eine Sekunde Erholung bekam.

Zeitgenössische Kunst war immer eine radikale Auseinandersetzung mit den Vorgängen der Gegenwart, also wird und sollte die Erfahrung mit dieser Krise und ihre Zusammenhänge in Werke mit einfließen.

Die Frage ist, was mit den Kunstschaffenden, den Museen, den Theatern geschieht. Ich arbeite nicht nur als Künstlerin sondern auch als Illustratorin, habe einen kleinen Internet Handel, in dem ich Poster, Kunstdrucke, Karten und Allgemeine Papeterie meiner Illustrationen vertreibe, so dass ich ein zweites Standbein habe, das mich stützt in Zeiten, wo Ausstellungen und Messen, in denen ich meine Kunst/ Malerei zeige, abgesagt wurden.

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Was liest Du derzeit?

Ich lese zur Zeit ein bezauberndes Buch von Juli Zeh: „Gebrauchsanweisung für Pferde“

Ich bin etwa gleich alt wie Juli, und bin, wie sie, schon Reiterin, seit ich laufen kann. Sie schildert ihre Anfänge der Reiterei mit so viel Charme und Witz, ich finde mich darin genau wieder und habe einen großen Spaß an ihren klugen Beobachtungen mit Augenzwinkern..

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Mein Lieblings Zitat, das ich auch schon illustriert habe, ist von Pat Parelli: ‚handsome is, who handsome does‘.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen und gleich morgen anwenden!

Vielen Dank für das Interview liebe Inken, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Inken Gaebel, Künstlerin

https://www.etsy.com/de/shop/inkengaebel

Alle Fotos_Inken Gaebel

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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