Habitat_pandemic version – Doris Uhlich. Atemberaubende Uraufführung_TQW. 3.10.2020.

Es beginnt.

Der leere Raum, Das Licht, das Leben. Der tastende Mensch. Nackt und vorsichtig. Still und suchend. Sich suchend. Spürend. Der Einzelne. Die Einzelne. Stumm. Nur Körper. Allein.

Bin ich da? Wo?

Jetzt den Körper fühlen. Im Raum. An und in den Möglichkeiten des Raumes. Den Grenzen des Raumes. Breite und Höhe.

Der Raum füllt sich. Menschen betreten das Licht, den Tag. Sind da.

Mit Maske. Der Abstand im Dasein.

Jetzt.

Bewegungen. Hintereinander nicht Miteinander. Schnell und dicht.

Der Blick zu den anderen. Den Sitzenden. Dem Gegenüber. Da und dort. Still und stumm.

Dann der Weg der Gruppe. Das Zeigen. Aufstehen. Und zurückkehren. Es bleibt beim Blick. Weiter geht es nicht. Darf es nicht.

Aber der Körper bebt, bewegt sich. Emotion. Grazie und Muse am schmalen Grat. Schönheit und Ausdruck. Dahinter das Hämmern des Körpers am Boden. Das Nicht-Weiterkommen. Das Alleinsein. Gegensätze in der Stille. In der Abwesenheit von Nähe.

 

Dann der Schutzanzug. Wieder Nahekommen im umhüllten, fernen Körper. Eng ist nun das Zusammenstehen. Halten.

Und dann das Umarmen. Ein Lauf, ein Stürzen aufeinander zu. Innig und kräftig. Endlich. Zu Zweit. Für den Moment. Ein Fall in das Du. Für den Moment.

Dann wieder der Blick hinauf, hinaus. Das Gesicht. Die Maske.

Der Blick zueinander.

Dann das Dunkel. Das Licht erlischt. Der Mensch ist da.

40 Menschen. Nackt im Licht und Dunkel der Zeit…

Wir sind da.

Doris Uhlich gelingt mit Habitat pandemic version eine eindringliche wie mitreißende Choreografie der emotionalen Innenwelten in Zeiten der Pandemie. In expressiver Körpersprache und dichter Performanceintensität der 40 TänzerInnen wird dem Innenleben der Zeit beeindruckend Ausdruck und Raum gegeben. Das Alleinsein, das Bedürfnis von Nähe und Miteinander wird in aller Spannung und Ambivalenz, individuell wie kollektiv, wuchtig und direkt in den fließenden Spielraum zwischen Bühne und Sitzreihe gesetzt. Das menschliche Leben in Bedürfnis und Notwendigkeit kommt eindringlich in den Kunstblick und entführt das Publikum in eigene Innenwelten der letzten Monate und der Gegenwart.

Die Nacktheit als direkteste ästhetische Ausdrucksform schafft eine Intensität für den Blick auf den Menschen in aller Ganzheit, Schönheit und Zerbrechlichkeit. Es hat etwas von Anfang, Geburt, Liebe wie auch Endlichkeit.

Beeindruckend ist die Performance der TänzerInnen in Synchronizität und dem Tempo in Maske und Bewegung. Was hier an tänzerischer Qualität und körperlicher Höchstleistung geboten wird, ist atemberaubend!

Ein genialer Kunstgriff in Idee, Choreografie und sensationeller Ensembleleistung!

Der dichten existentiellen psychologischen Komponente in Habitat  (=Lebensraum) korrespondieren zahlreiche mythologisch-religiöse wie gesellschaftshistorische Bezüge.

Das Licht, die Leere, der nackte Mensch (der Spielraum) lassen stark an die jüdische Tradition des Anfangs denken. Das Erschaffen-Werden, das Leben im Paradies und das Geworfensein, das Vertrieben-Sein in das Dasein in Mühe, Leiden und Sterben.

Die Zahl 40 selbst (Anzahl der TänzerInnen) steht in theologisch-mythologischer Analogie für eine Zeit der Veränderung, Orientierung. Die Zeit der Wüstenwanderung. Die Zeit von Aschermittwoch in der christlichen Tradition. Die Säulenzahl antiker Tempel. Die Symbolzahl in Babylonien und Ägypten. Die Frage nach Existenz und Sinn/Transzendenz im Wahrnehmen von Zerbrechlichkeit und Gefährdung des Lebens.

Ebenso leitet sich von der Zahl 40 – quarante (franz.: vierzig) – das Wort Quarantäne ab. Seit dem Spätmittelalter gibt es 40-tätige Zeitspannen der Isolation bei bzw. zur Verhütung von Pestepidemien.

„Eine mitreißende Performance, die kraftvoll und atemberaubend Zeit und Seele an nackter Angst und Sehnsucht packt – genial!“

Walter Pobaschnig 4.10.2020 

https://literaturoutdoors.com

Fotos_ Alexi Pelekanos

Habitat_pandemic Version

Konzept, Choreografie

Doris Uhlich

Doris Uhlich _ Choreografin _ Foto_ Katarina Soskic

Performance

Oliver Arnold, Jonas Becker, Eleonora Ciani, Manuela Deac, Florian Decker, Lukas Froschauer, Verena Giesinger, Doris Haidvogl, Marie Handl, Veronika Harb, Fiona Hauser, Sophia Hörmann, Stefanie Hörmanseder, Sarah Horvath, Christina Hurt, Klaus Lengefeld, Karin Lux, Noa Molato, Ann Muller, Iris Omari Ansong, Lukas Pollhammer, Florian Reither, Thomas Richter, Vera Rosner-Nogel, Alina Schaller, Marie Schmitz, Mim Schneider, Moritz Schöll, Ursula Schönherr, Manaho Shimokawa, Fio Sierwald, Valentino Skarwan, Ulla Stahlstadt, Maritina Theodοrou, Indra Tjoa, Živa Vavpotič, Barbara Vörös, Patrick Wolf, Michael Wolloch, Michael Würmer

DJ

Boris Kopeinig

Lichtdesign

Sergio Pessanha

Dramaturgische Beratung

Sebastian Lorenz, Theresa Rauter

Körpertanks

Proper Space (Juliette Collas, Zarah Brandl)

Konfektionsfertigung, Maßschneiderei

Mick Hennig

Produktion

Sebastian Lorenz

Administration

Margot Wehinger

Presse, Kommunikation

Jonathan Hörnig

Internationale Distribution

Something Great (Berlin)

Eine Koproduktion von Tanzquartier Wien und insert Tanz und Performance GmbH. Mit Unterstützung der Kulturabteilung der Stadt Wien. Projektpartner der Habitat-Serie sind: donaufestival (Krems), ImPulsTanz (Wien) in Kooperation mit Secession Wien, Tanzquartier Wien.

Weitere Informationen/Spieltermine:

https://tqw.at/event/habitat-halle-e-uhlich-pv/

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