„Schwierige Situationen schärfen den Blick fürs Wesentliche“ Niko Stoifberg, Schriftsteller_Luzern_18.9.2020

Lieber Niko, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe auf, notiere meinen letzten Traum (das mache ich seit Anfang des Jahres und hab mir vorgenommen, es bis ans Lebensende zu tun), mache Frühstück für das Töchterlein, gehe zur Arbeit. Wenn ich abends nach Hause komme, schreib ich eine Stunde, dann wird gekocht und gegessen. Dann gelesen oder Musik gehört, noch ein bisschen Milch oder Schnaps getrunken, und dann auch schon wieder geträumt.

Diese alte/neue Normalität ist allerdings nur möglich, weil ich erstens nicht vom Schreiben leben muss (ich arbeite als Redakteur bei getAbstract, wo ich Sachbücher zusammenfasse), und weil wir unsere Tochter zu den Großeltern geben dürfen. Beides – einen Job und Kinderbetreuung zu haben – ist keine Selbstverständlichkeit.

Niko Stoifberg _ Hendrik Dietrich

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Freundschaft. Wenn du weißt, es gibt Leute, die auf dich warten, die dich vermissen, die sich freuen, dich bald wieder zu sehen – dann lassen sich ein paar Monate Isolation problemlos aushalten.

Wir sollten aber nie vergessen, dass das längst nicht für alle Menschen so ist. Und ab und zu nachdenken, wer unsere Aufmerksamkeit am Dringendsten benötigt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Schwierige Situationen schärfen den Blick fürs Wesentliche. Wenn wir plötzlich für dies oder jenes keine Zeit, kein Geld oder keine Nerven mehr haben, merken wir, dass wir vielleicht von Vornherein darauf hätten verzichten können. Und umgekehrt: Wir merken, auf was wir keinesfalls verzichten können.

Das gilt auch für die Kunst. Die ist in den besten Fällen schon immer trotzdem entstanden. Wenn du etwas trotz widriger Umstände durchziehst, dann heißt das: Es liegt dir tatsächlich was dran. Die Chance, dass es etwas taugt, ist höher.

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer einiges parallel. Zurzeit Marlen Haushofers «Die Wand», Karl Ignaz Hennetmairs Thomas-Bernhard-Tagebuch, Lina Fritschis letzte Gedichte, Ian McEwans «Nutshell». Ach ja, und Camus «La Peste» – die mich seltsamerweise von allen fünf Büchern am wenigsten berührt.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vielleicht geht es bald wieder aufwärts. Aber Achtung: aufwärts ist anstrengender.

Vielen Dank für das Interview lieber Niko, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schreibprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!5 Fragen an KünstlerInnen:

Niko Stoifberg, Schriftsteller

https://stoifberg.com/de/

Foto: Hendrik Dietrich

4.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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