„Wir brauchen eine neue Solidarität“ Siljarosa Schletterer_Schriftstellerin_ Innsbruck_17.9.2020

Liebe Siljarosa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das kommt auf die Definition von “jetzt” an: Die Antworten reichen von intensiver Festivalsvorbereitung (und Hoffnung, dass die Kunst auch überleben darf) über ein gänzliches Verkriechen in Buchmanuskripte bis hin, dass ich mich der Natur, dem Mee(h)r, wortwörtlich verschreibe.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Covid-19-Pandemie hat vieles Prekäre aus der Verdrängung geholt oder besser unverdrängbarer gemacht, aber leider genauso vieles vergessen lassen. Deshalb bin ich der Meinung, dass es gerade jetzt an der Zeit ist unsre Ur-Menschlichkeit des Mitfühlens, der Sensibilität und Wertschätzung wieder aufs Neue gewahr zu werden. Wir brauchen eine neue Solidarität. Wir brauchen eine neue Begreifung für Selbst- und Nächstenliebe – vielleicht wäre es sogar Zeit für ein neues Wort: der Miteinanderliebe. Wir brauchen nicht nur hörende Herzen sondern auch hörende Augen und eine gehörige Portion Mut, dieses  Gehörte auch umzusetzen. Und wir brauchen ein neues Wieder-Bewusstsein dafür, wie alles zusammengehört: “liegt eine scherbe im fluss, dann blutet auch hier dein erdiges herz”, schrieb ich in einem meiner letzten Gedichte.

 

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

…im Spiegelich, im Spiegelwir war und ist oder sollte und muss (gerade jetzt) die Kunst Seismograph jeder Gesellschaft sein. Sie hat die Möglichkeit unsere Eigen- und Weltwahrnehmung zu ändern. Sie ist nicht nur durch ihre kathartische Wirkung lebenserhaltend und systemrelevant: Wer von uns hätte die Quarantäne überlebt ohne Musik/ Literatur/ Film?

„Wenn wir unserer orientierungslosen Menschheit wieder etwas Hoffnung geben wollen, müssen wir über den bloßen Dialog der Kulturen und Überzeugungen hinausgehen und zu einem Dialog der Seelen übergehen. So wie wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen, ist das die unersetzliche Mission der Kunst.“ Amin Maalouf

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Was liest Du derzeit?

Neben einem Berg an Mails, Planungslisten, Abstracts, Korrekturfahnen und Gedichtnotizen, wie immer Vieles gleichzeitig (und nein es gibt nicht ein Zuviel, wenn es um Bücher geht). Hier ein Auszug aus meinen Bücherstapeln am Schreibtisch, im und neben dem Bett, in der Schublade und in der Handtasche und anderswo:

– Caroline Criado-Perez: Die unsichtbaren Frauen, btb-Verlag

– Undine Materni: „Irr-Land“, Gedichte, Hellerau-Verlag

– Ernst Toller: Masse Mensch, Reclam

– Cyrill von Jerusalem: Mystagogische Katechesen

…und natürlich immer wieder neu verliebend in die Gedichte von Paul Celan oder Selma Meerbaum-Eisinger…

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Von mir?  Dann: “…wer wir sind und wie wir niemals waren, wird im augenblick erprobt” aus „EIN DIALOG DER SEELEN für Jordi Savall“ Übersetzung: Claudia Kalász

Vielen Dank für das Interview liebe Siljarosa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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5 Fragen an KünstlerInnen:

Siljarosa Schletterer_Schriftstellerin

https://siljarosaschletterer.wordpress.com/

Fotos_privat_Sylvy Sprenger

28.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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