„Der Ausstieg aus der paternalistischen Welt bleibt die Aufgabe, um eine Runde weiterzukommen“ Lydia Mischkulnig, Schriftstellerin_Wien_16.9.2020

Liebe Lydia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nachdem ich meinen ersten Kaffee zubereitet habe, setze ich mich an meine Arbeit: Lese, stimme mich ein ins Schreiben und lege los. Am frühen Nachmittag telefoniere ich und beantworte emails etc und dann verlasse ich die Wohnung, da mir sonst die Decke auf den Kopf fällt. Spaziergänge und Besuche und Gespräche mit Freunden und Kollegen beflügeln dann zumeist  und eine weitere Schreibphase setzt ein, die sich  bis in die Nacht hineinziehen kann. So viel zum Schreib-Leben, ich lebe aber mehrere Rollen gleichzeitig und so flechten sich die Stränge vom Familienleben und Beziehungsleben und Reiseleben und Tanzleben und Rechercheleben mit dem Schreibleben zu einem Zopf, den man sich wie einen Turban um den Schädel gewickelt vorstellen kann, in dem dieses Bild entstanden ist.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Umverteilung. Gleichstellung. Soziale Gerechtigkeit.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur ist mir ein Werkzeug das Leben zu ignorieren, frei nach Pessoa. Es ist ja nicht anders auszuhalten. Lesen bietet Trost, Schreiben ist die größte Konzentration, die ich erbringe, um mich an den Skurrilitäten, Widersprüchen und Brüchen meiner Erfahrungswelt, die auch unsere ist, abzuarbeiten und Wut und Ohnmacht und Trauer vielleicht auch als Rache zu kanalisieren. Schön ist es, geschrieben zu haben- ein Gefühl der Lust. Die Literatur ist mir ein Korrektiv, wenn sie gelingt, tut sie allen wohl. Blöd nur, dass sie mir sehr oft nicht gelingen will und vielleicht noch nie gelungen ist, so scheitert man halt. Deshalb muss man weiterüben, damit wenigstens die Ansprüche nicht verloren gehen.

Tiefgang und Genauigkeit mit der Schärfung der Gedanken sind in all den Alltagszwängen und unterschiedlichen Professionen an der Kunst und Literatur, die eine Sprachkunst ist,  auszuprobieren und erzeugt eine tiefe Zufriedenheit an der Gestaltung von Sinneinheiten im sinnentzerrten Leben. Die Menschen suchen eine Orientierung und Ordnung, literarische Gebilde sind menschlicher Ausdruck davon.

Was liest Du derzeit?

Nichts außer Zeitungen. Ein wenig Mishima, der Seemann der die See verriet, Ideale anzustreben ist teuflisch.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Es gibt nur zwei Arten von Männern, Feministen und Trottel.“ Also das ist mein Satz, den eine Protagonistin im Roman „die Richterin“ sagt. Ich denke bei diesen Worten an John Lennon und Yoko Ono, die  1972ein Lied veröffentlichten: „Woman ist the nigger of the world“.  Heute noch gültig und der Ausstieg aus der paternalistischen Welt bleibt die Aufgabe, um eine Runde weiterzukommen und die Menschrechte zu erkämpfen.

Vielen Dank für das Interview liebe Lydia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lydia Mischkulnig, Schriftstellerin

http://www.lydiamischkulnig.net/

Foto_privat

31.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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