„Uns vor anderen Menschen nicht zu fürchten. Gedichte lesen. Singen (im Freien). Musik.“ Andrea Grill, Schriftstellerin _ Wien 15.9.2020

Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mittlerweile ist September, heute war Schulbeginn in Wien, vor den Schulgebäuden herrschte ein erfreuliches Gewusel. Solange es dabei bleibt, dass die anderen hinaus dürfen und nur ich (wie immer) zuhause arbeite, nutze ich die fünf oder sechs Stunden, an denen die Wohnung mir allein gehört. Ich lese, schreibe, denke nach, höre oder spiele Musik, zeichne usw. Ohne dieser Möglichkeit des Alleinseins kann ich künstlerisch kaum arbeiten. Schreibende Frauen, angefangen von Virginia Woolf über Ingeborg Bachmann („schreiben ist solitär“) und Marlen Haushofer (die sich zum Schreiben in die Küche setzte) erleben das in allen Zeiten ähnlich: du brauchst einen Raum, an dem dich niemand stören kann. Vor einem halben Jahr, als plötzlich alle monatelang dauernd zuhause waren, ging ich fast täglich laufen. Ab und zu stellte sich dabei ein Satz, eine Zeile ein, die mir festhaltenswert erschien, die habe ich dann in mein Mobiltelefon getippt. Sonst habe ich damals nichts Nennenswertes geschrieben.

Ich bewundere Dichterinnen wie Anna Achmatova, die unter den widrigsten Umständen die Kraft und Konzentration finden, beeindruckende Texte zu schreiben; und auch diejenigen, die im Morgengrauen gut arbeiten können. Bei mir gibt es gewisse Stunden des Tages, an denen es mir gelingt: zwischen zehn und zwei, vormittags wie nachts.

Andrea Grill _ Foto_März 2020_privat

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uns vor anderen Menschen nicht zu fürchten. Gedichte lesen. Singen (im Freien). Musik.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Ich glaube nicht, dass ausgerechnet eine Krankheit einen großartigen Neubeginn hervorrufen wird. Ich beobachte: die Menschen, die es sich leisten können, kaufen sich jetzt ein Auto, suchen sich ein Haus am Land, ziehen sich in ihre Familie zurück. Mir scheint, die ganze (menschliche) Welt ist in einer Wartehaltung, die darauf abzielt, es „wenn alles vorbei ist“ wieder genauso zu machen wie vorher. Als sich vor einigen Monaten zeigte, wie viel dessen, das bis dahin als unverzichtbar galt, von einer Stunde zur nächsten gestoppt werden konnte, da ja, da habe ich kurz gedacht, dass wir ab jetzt einiges anders machen würden. Dass nicht mehr alles bedingungslos dem Wachstum der sogenannten „Wirtschaft“ untergeordnet würde.

Dieser Zustand, als es nicht mehr genug Flächen gab, um all die Flugzeuge zu parken, die plötzlich nicht mehr dauernd in der Luft waren!

Da habe ich gedacht, wir sehen jetzt, es ginge auch anders. Wir haben das Glück gehabt, zu erleben, was wäre, wenn wir Menschen uns nur ein wenig zurücknehmen würden in unserem Herumsausen und Fuhrwerken auf der Erde. Delfine in Venedig! Wölfe in Holland! Luchse in Belgien! Schwalbenschwänze in Paris. Saubere Atemluft in Millionenstädten.

Aber nein. Bald zeigte sich, wir (die es sich leisten können) wollen auf Urlaub fliegen und bei ZARA und Max Mara die neuesten Kollektionen einkaufen. Sei es mit Maske.

Was kann die Literatur? Erzählen. Zum Beispiel die Geschichte des Pangolin, das einst häufig war in vielen Regionen der Erde, bevor es von den Menschen aufgegessen oder zu Cowboystiefeln oder Potenzmitteln verarbeitet wurde. Das Pangolin rollt sich ein, wenn es sich in Gefahr wähnt. Dieses Verhalten wurde ihm zum Verhängnis; eingerollt kann ein Mensch es einfach hochheben, mitnehmen und mit Ingwer und Zwiebeln servieren.

In in einem Gedicht, einer Erzählung können wir alle einmal Pangolin werden. (Und das überleben.)

Was liest Du derzeit?

Ich lese (nicht gleichzeitig, aber verschränkt, einmal in dem Buch, einmal in dem anderen) Dorothee Elmiger „Aus der Zuckerfabrik“, Jhumpa Lahiri „Dove mi trovo“, Christina Maria Landerl „Alles von mir“, Gabriela Cabezón Cámara „The adventures of China Iron“, eine Biographie von Elsa Schiaparelli von Meryle Secrest und von Jürgen Habermas „Auch einen Geschichte der Philosophie“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

clothes … change our view of the world and the world’s view of us“, schreibt Virginia Woolf in Orlando.

Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Andrea Grill, Schriftstellerin

https://www.m-orld.org/

7.9.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s