„Besser ein lebender Hund als ein toter Löwe“ Peter Hodina, Schriftsteller _Berlin 1.9.2020

Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Wesentlichen nicht anders als sonst. Nur zu den Spitzenzeiten von COVID-19
in Österreich, als bereits an bestimmten Orten die Berge abgesperrt worden
waren, kaum noch Autos fuhren, die Busse komplett leer waren, kam es vor,
dass ich ganz gegen die Uhrenvernunft bereits um halb fünf in der Früh einen
Spaziergang machte. Das Schauspiel der leeren Straßen und des reinen Himmels
habe ich auch genossen, in mich eingesogen. Andererseits machte ich schon vor
Corona lange Spaziergänge immer, in langsamem Tempo, wie mir andere
sagen. Durch Corona gab es viel zusätzlich zu schauen. Furcht hatte ich sehr
lange nicht, erst als die Kurve wirklich exponentiell anstieg und es tausend
Neuinfektionen pro Tag gab, teilweise Hamsterkäufe sich abzuzeichnen
begannen, wurde mir die Sache unheimlich. Dann aber gingen bald und
kontinuierlich die Zahlen zurück. Ab Mitte April war für mich Corona kein
wirkliches Thema mehr, zumindest was Österreich betrifft. Als die Gastronomie
wieder aufmachte, war das für mich spürbar eine Lebenserleichterung, weil ich
kein Koch bin. Ich hielt problemlos alle Schutzmaßnahmen ein. Erst im Juli dann
wieder zeichnete sich eine zweite Welle ab.

 

ptfbty

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Maske aufzusetzen, Abstände einzuhalten und nicht die Nerven zu verlieren.
Und es nicht in Leichtsinn umschlagen lassen (Corona-Partys usw.) wie in
einigen Ländern. Das ist unsozial und gemeingefährlich, das müsste mit saftigen
Geldstrafen abgestellt werden.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die alte Rolle und die alte Bedeutung, die sie, seit es sie gibt, gehabt hat. Sie
dient der Konkretisierung der Situation, ihrer Bewusstwerdung, aber vermittelt
diese mit den Gefühlen, sie hat auch eine kommunikative Funktion. Es ist zwar
ein unmodernes Wort: eine tröstende und tröstliche. Und als LeserInnen sind wir
ja schon in eine gewisse Isolation eingeübt: meist sitzt man ja mit sich allein bei
einem Buch. Abwarten, Lesen und Teetrinken. Abenteuerromane lesen, Joseph
Conrad etwa. Oder Camus‘ „Die Pest“, warum nicht?

 

 

Was liest Du derzeit?

Mehreres. Die Heimito-von-Doderer-Biographie von Wolfgang Fleischer, ferner
die Memoiren von Chateaubriand („Aufzeichnungen von jenseits des Grabes“),
einige Bände von Leo Schestow. Auch erarbeite ich mir das philosophische
Hauptwerk von Salomo Friedlaender/Mynona, „Das magische Ich“, das 60 Jahre
brauchte, um posthum veröffentlicht zu werden und das Dokument des
Durchhaltens eines Einzelnen unter widrigsten Außenbedingungen ist: hier eines
jüdischen Künstlerphilosophen im besetzten Paris, der, wenn ich es etwas
salopp formuliere und verkürze, so lange im Bett blieb, bis der
Nationalsozialismus vorbei war.

 
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Tja, das wird jetzt schwierig. Ich schau mal in die Bücher vor mir, ob ich etwas
angestrichen habe. Es bringt ja doch alles nichts, wenn ich eins suche, finde ich
kein Geeignetes. Ja, bleiben wir beim genannten Mynona, einem Freund von
Alfred Kubin: „Das Ich wird nicht gesucht, sondern gefunden.“ Und noch aus der
Bibel, aus dem Buch Kohelet, schicke ich nach: „Besser ein lebender Hund als ein
toter Löwe.“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Peter viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Peter Hodina, Schriftsteller

http://www.dielavoir.com/category/hodinas-lavoir-philosophie/

 

24.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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