„Lyriker leben immer noch gefühlt von Licht und Liebe“ Elizaveta Kuryanovich_Lyrikerin, Autorin _Frankfurt/Main 14.8.2020

Liebe Elizaveta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich durch die Pandemie nicht verändert. Nur, ich arbeite nun von zuhause, statt ins Büro zu fahren, und meine zwei Russisch Golden Katzen sind heilfroh, mich so oft zu Gesicht zu bekommen. Ich koche auch überwiegend selbst, also lebe viel
harmonischer als früher. Dadurch, dass die Fahrzeiten entfallen, habe ich mehr Zeit für mich und meine Hobbys, wie im Wald spazieren gehen, Wind und Wasser erfahren (Fahrrad fahren und schwimmen). Das nährt natürlich ungeheuer: alles in einem, eine fruchtbare Zeit für Lyrik und neue Projekte.

Elizaveta Kuryanovich _ Daria Murashko

 
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Entschleunigung ist das Wort, das mir gleich dazu einfällt. Verlangsamung, weg vom Veloziferischen (nach Goethe), auf dem Weg zu sich selbst sein. Den Sinn hinter einer 5-tägigen Arbeitswoche verstehe ich in unserer Zeit nicht mehr: Das ist ein Atavismus aus der Epoche der Industrialisierung. Ich glaube, in Finnland überlegt man, auf eine 4-tägige Arbeitswoche umzusteigen. Natürlich schreibe ich Gedichte ohne Wochenende und Urlaub. Dennoch sind wir insgesamt  zu getrieben durch die Wirtschaft. So sind viele Dichter schlecht bezahlte Workaholiker. Ein weiterer Traum: das bedingungslose Grundeinkommen, ganz im Sinne von Oscar Wilde („The Soul of Man Under Socialism“).

 

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Künstler sind sensible Visionäre, die etwas, was die Gesellschaft erst spürt, zum Ausdruck bringen und somit für eine Handlung als Anfangsidee fertigstellen. Lyrik ist
eine ganz besondere Gattung, eine höchst intellektuelle Praxis, die beinah außerhalb des Wirtschaftskreises funktioniert. Sogar Yoga hat es geschafft, sich daran anzuschließen, zu vermarkten, zu monetisieren. Lyriker leben immer noch gefühlt von Licht und Liebe. Rilke konnte sich seine eigenen Bücher nicht leisten. Heute, 100 Jahre später, hat sich nicht viel daran geändert.

 

Elizaveta Kuryanovich

 

Was liest Du derzeit?

Intensiv: Silke Scheuermann. Für mich eine der ungewöhnlichsten Stimmen in der deutschen Lyrik: mystisch, märchenhaft, magisch. Alte Liebe: Sascha Tscherni, ein russischer Dichter, der kaum ins Deutsche  übersetzt war. Ich wage es zu versuchen. Immer wieder: Ilma Rakusa. Ihre Mehrsprachigkeit fasziniert mich.

 

 
Welchen Impuls aus Theaterprojekten möchtest Du uns
mitgeben?

Ich liebe das Theater Willy Praml in Frankfurt: Dort gelingen hervorragende lyrische Inszenierungen, mit viel Feingefühl und ausgesprochener Detailliertheit. Ich liebäugle gerade mit einer Idee, die ich mir in diesem Theater gut vorstellen kann. Weiterhin schwebt mir vor: Balanchines „Edelsteine“ in Sankt Petersburg, mit Musik von Fauré, Strawinsky und Tschaikowski.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Elizaveta, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur- und Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen

Elizaveta Kuryanovich, Lyrikerin, Autorin

https://www.elizaveta-kuryanovich.de/

Fotos_Daria Murashko und Elizaveta Kuryanovich

 

 

16.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

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