„Gegenwart lässt sich nur retrospektiv erzählen“ Demian Lienhard, Schriftsteller_Zürich 13.8.2020

Lieber Demian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Grunde sieht mein Tagesablauf noch immer aus, wie er schon seit geraumer Zeit aussieht: Ich stehe auf, dusche und frühstücke, trinke einen zweiten Kaffee, kontrolliere meinen Posteingang, um zu überblicken, was am Abend noch auf mich zukommt (in der Regel beantworte ich die Nachrichten erst dann), lege mich erneut ins Bett, um mich einzulesen, meistens eine, anderthalb Stunden, in zwei, manchmal drei Büchern, damit schon einmal Sprache geflossen ist durch meine Gehirnwindungen, die Leitungen wieder frisch sind, die Gedanken klar. Dann, weil Hunger mein größter Feind – sozusagen mein Angstgegner – ist, esse ich noch etwas, um dann um die Mittagszeit mit dem Schreiben anzufangen. Später als 14 Uhr sollte es nicht werden, Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich schreibe meistens bis halb sieben, sieben, nur in seltenen Fällen wird es acht oder später, bei spontanen Impetus oder Einfällen außerhalb der Routine. Dann esse ich zu Abend oder gehe spazieren, oder umgekehrt. Dann führe ich Korrespondenz, schließlich  lese ich, mache Notizen, gegen zwei Uhr lösche ich das Licht.

 

Demian Lienhard _Laura J-Gerlach

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir die Nerven nicht verlieren, dass wir besonnen vorwärts schauen, Maßnahmen treffen, die unser physisches ebenso wie unser wirtschaftliches Überleben möglichst sichern. Ich bin überzeugt, dass unsere Gesellschaft damit fertig werden wird.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Der Literatur ist schon immer die Rolle zugekommen, der Gesellschaft, ihren Entwicklungen, Tendenzen und vor allen Dingen den Akteuren genau auf die Finger zu schauen – allerdings funktioniert das nur retrospektiv. So wie sich die derzeitigen Entwicklungen und ihre Folgen kaum abschätzen lassen, lässt sich auch Gegenwart nicht erzählen (trotz oder entgegen den paradoxen Versuchen des sog. präsentischen Erzählens). Gut möglich also, dass der Corona-Roman erst in fünf bis zehn Jahren erscheinen wird, und nicht, wie wir alle witzeln, zur nächsten Leipziger Buchmesse (wobei sich natürlich die Frage stellt, wann die nächste Leipziger Buchmesse stattfindet).

 

 

Was liest Du derzeit?

Thomas Pynchon, Vineland, bei dem ich im Schnitt zweimal pro Seite lache; Jeremias Gotthelf, Die Schwarze Spinne, das in einer derart urtümlich-archaischen Sprache daherkommt, dass ich staunend zurückbleibe, und Julian Barnes, Die Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln – bereits das erste Kapitel (die Geschichte der Arche Noah aus der Sicht eines Holzwurms) zeugt sprachlich und erzählerisch vom großen Können des Engländers.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die sogenannte Schönheit gleicht einem faulen Zahn. Man bleibt so oft mit dem Zahn daran hängen, und sie wird wund. Er macht sich ständig bemerkbar, bis der Schmerz unerträglich wird, dass man ihn ziehen lässt. Und wenn man das blutige, schmutzig braune kleine Etwas dann auf der Handfläche sieht, fragt man sich, wie ein Stückchen Materie so viel Schmerz bereiten und so viel Aufmerksamkeit verlangen kann.“

Yukio Mishima, der Goldene Pavillon

 

Vielen Dank für das Interview lieber Demian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen

Demian Lienhard, Schriftsteller

https://www.fva.de/Rightslist/Ich-bin-die-vor-der-mich-meine-Mutter-gewarnt-hat.html

Foto: Laura J.Gerlach

 

16.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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