„Kunst ist die Arena des Gegenwartsdiskurses“ Thomas J.Jelinek_Regisseur, Konzept_Künstler _ Wien 8.8.2020

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Entschleunigt. Was ich ehrlich gesagt sehr schätze.
Da es zur Zeit keine Touren oder physischen Auslandsprojekte gibt, heißt das
weniger Reisen, weniger Flughäfen, weniger Termine, was dazu geführt hat, dass ich
jetzt vorwiegend, wie so viele, im „homeoffice“ arbeite.
Der Ablauf dort hat sich nicht grundlegend verändert. Aber ich habe mehr Zeit, auch
mehr Zeit für mich und meine Familie. Zeit zu denken, zu lesen, zu schreiben und
auch konzentriert kreativ zu arbeiten. Als medial arbeitender Künstler, auch
Regisseur und Dramaturg, was nicht unbedingt eine bestimmte Form des Ausdrucks
braucht, habe ich das Glück die Schwerpunkte meiner Arbeit wechseln zu können.
Die Arbeit ist dadurch nicht weniger geworden. Aber anders und vor Allem weniger
gehetzt. Ich sehe das nicht als Einschränkung, sondern eher als gewonnene Zeit.

 

©osaka_20180524_196 (1)

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Diese gewonnene Zeit zu nutzen, sich selbst, die eigenen Prioritäten und Ziele zu
prüfen und zu überdenken. Auch in unserer Gesellschaft, die gegenwärtig labile
Situation, zu analysieren und mit etwas Abstand, einzuschätzen.
Auch wenn einige meinten verrückt zu werden, scheint mir der „Stop“ zu kurz
gewesen zu sein.
Die größte Gefahr ist, dass wir wieder in die alten Muster zurückfallen.
Das wir eine Ökonomie entwickelt haben, die durch eine Pause von nur 3-4 Monaten,
ohne Zeiteffizienz und Ressourcenvergeudung, zusammenbricht, zeigt, dass wir ein
grundlegend falsches System gewählt haben.
Ich möchte also behaupten, dass Corona weniger das Hauptproblem, sondern eher
ein Symptom einer bereits kranken Zivilisation ist.
Es steht eigentlich gerade alles am Spiel, die Freiheit, die Demokratie, das Leben
selbst, zumindest alles was uns Menschen ausmacht und das Leben lebenswert
macht.

 

Shanghai(c)Pucher

 
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle
gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich
sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, dem Schauspiel,
der Kunst an sich zu?

Ich persönlich arbeite, künstlerisch und entwicklungstechnisch, mit einem großartigen
Kollaborativ, an hybriden Formen der Performance und Installation, zwischen
digitalen und physischen Räumen und Ablaufprozessen, die versucht alle Formen
zukünftiger künstlerischer oder diskursiver Kommunikation prozessieren zu können.
Aber um die Frage zu beantworten, ein Aufbruch und Neubeginn würde
voraussetzen, dass wir das „Alte“ (Desaster) hinter uns gelassen hätten. Das haben
wir nicht.
Das ist, zugegeben, auch nicht einfach.
Aber die Rückkehr zur sogenannten „Normalität“ des toxischen und vollkommen
„verrannten“ Zustands vor dem Lock-down ist keineswegs erstrebenswert.
Ich möchte das näher erklären:
Neben dem Covid-19 Virus, der in unseren Medien fast alles überschattet, stehen
noch größere Probleme oder Themen am Plan.
Wir befinden uns in einem umfassenden Umbruch unserer Zivilisation, die wir
menschheitsgeschichtlich in diesem Ausmaß wahrscheinlich noch nie erlebt haben.
Fraglos steht an erster Stelle die stattfindende Veränderungen der Biosphäre, die
sich und damit auch für uns Menschen zur Klimakatastrophe verdichtet – dabei ist
unerheblich ob sie von der menschlichen Zivilisation ausgelöst wurde oder ob die
menschlichen Aktivitäten nur als Brandbeschleuniger wirken.
Dann wäre die bis ins kleinste, bereits privatesten Bereiche Algorithmisierung
unserer Gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Prozesse, die, medial
verkürzt, als die Übernahme der Gesellschaftssteuerung durch künstliche Intelligenz
beschrieben wird.
Und, last but not least, der Zusammenbruch der politischen Systeme und der
drohende Zerfall unserer Zivilisation.
Das Ende der alten Denkmodelle des Materialismus aus dem 19ten Jahrhundert, der
sich mit dem Niedergang des Kapitalismus, der folgerichtig dem Zusammenbruch
des (notwendigen) Counterparts der „real existierenden Sozialistischen Diktaturen“ –
ideologisch als kommunistische Regime bezeichnet – folgen musste und den wir
gerade mit der Implosion der USA und Englands erleben. – die wir in den 60er und
70er Jahren bekämpft aber dann immer zu bequem waren zu verändern, was sich
jetzt leider rächt.
Eine seit den Ende 80er Jahren begonnene und seit der Jahrtausendwende manifest
werdende sich beschleunigende Ungleichheit nicht nur Kontinental sondern
mittlerweile schon innerhalb Europas und der immer noch krampfhaft festgehaltenen
Nationalstaaten.
Die Veränderungen finden statt, egal ob wir es wollen oder nicht.
Es wird also die Normalität, von der alle gerne sprechen, so oder so nicht geben
können.
Was soll da noch Kunst ?
Die Vordergründige „Funktionslosigkeit“ der Kunst ist ihre Qualität.
Aber…
Ohne Kunst verfallen wir in eine zersetzende Demenz.
Weil wir unsere kreativen Fähigkeiten nicht trainieren, den Widerspruch nicht üben,
unsere Entscheidungs- und Beurteilungsfähigkeiten nicht schärfen. Zuletzt aber
wahrscheinlich am wichtigsten, kann unsere Empathiefähigkeit am „Modell“ an der
„Realsimulation“ nicht gebildet werden.
Empathie ist ja die positive Kraft mit der ich Leiden und Freude anderer
nachempfinden und internalisieren kann, banal gesagt, der Auslöser warum wir
einander helfen und nicht bekämpfen, was aber entscheidend sein wird für unser
Überleben als Spezies. Es ist aber noch fundamentaler die Grundvoraussetzung
überhaupt Situationen, Realitäten zu begreifen zu verstehen und als internalisiertes
Wissen auch beurteilen zu können.
In der Entwicklung von deep-learning KI in der „Robotik-Entwicklung“ nennt man das
„mirroring“.
Ich behaupte, dass wir ohne Empathie als Spezies, vermutlich auch als Individuen,
nicht mehr lebensfähig sein werden. Offensichtlich psychopathologische Grenzfälle
wie die Präsidenten der von Corona am meisten heimgesuchten Länder führen uns
das tagtäglich, prominent und deftig, vor Augen.
Ich möchte aber abschließend zur „Kunstfrage“ zurückkehren.
Nachdem wir Menschen ein kurzes Gedächtnis haben, möchte ich jetzt wiederholen
oder in Erinnerung rufen was, zumindest in meinem künstlerischen Umfeld,
Freund*innen und Umgang, Allgemeinplätze sind.
Kunst ist nicht nur ein Spiegel, Kunst ist die Arena des Gegenwartsdiskurses, eine wichtige,
weil freie Art unsere Gegenwart, uns selbst, im Kontext zu simulieren.
Wir lernen und üben im Spiel und in der Kunst, reflektieren und lernen neue Ansätze des
Denkens und Betrachtens der Dinge, letztlich unserer Realität, die wir uns täglich selbst
schaffen.
Wenn wir diese Kreativität verlieren, verlieren wir unser Mandat uns selbst zu bestimmen, die
Gesellschaft mitzugestalten und damit die Grundpfeiler der Demokratie, die gegenwärtig
bereits stark ausgehöhlt und zersetzt ist.
Dem möchte ich aktuell und verärgert hinzufügen, dass speziell das Theater in die
Kunst und nicht in die Politik gehört.

 

Jelinek@NEtNEt

 
Was liest Du derzeit?

Ich lese chaotisch, immer vieles „gleichzeitig“. Manches nur quer. Manches dann
wieder. Zur Zeit sind meine Schwerpunkte, auch der Arbeit geschuldet, „Kapital und
Ideologie“ von Thomas Piketty, „Das terrestrische Manifest“ von Bruno Latour und
„Future Politics“ von Jamie Susskind.
Mehr privat „Decamerone“ von Boccaccio, weil eine Freundin eine On-line Lesung im
shut-down veranstaltet hat und ich Lust hatte da wieder nachzulesen, und
lustigerweise, „Licht und Schatten“ von Pablo Casals.

 

©osaka_20180524_181 (1)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich könnte jetzt einfach sagen:
Keine Angst ! Denn Angst ist der schlechteste Ratgeber,
aber wenn wir eine andere Welt wollen, müssen wir sie alle wollen.
Oder Casals zitieren:
„Die einzigen Waffen, die ich hatte waren mein Cello und mein Taktstock, und
während dieses Bürgerkriegs habe ich sie, so gut ich konnte, eingesetzt, um die
Sache zu unterstützen, an die ich glaube – die Sache der Freiheit und Demokratie“
Aber das wäre mir doch zu einfach.
Also sage ich konzertiert:
1) Wir müssen uns endlich als Gesamtheit begreifen lernen.
Das heißt wir, die wir uns als „Menschen“ bezeichnen, nicht nur in unserer vielfältigen
aber dann doch nicht so unterschiedlichen Form und Denkstruktur als Menschen,
sondern im Zusammenhang mit allen, die wir als „Tiere“ und „Pflanzen“ bezeichnen,
inklusive Mikroben, bis zur oszillierenden Grenze der Biosphäre unseres Planeten,
der nicht nur sein Magnetfeld bis zur Umlaufbahn des Monds einschließt. Wenn wir
uns so begreifen, werden wir anders entscheiden.
2) Wir müssen schnell wieder lernen Verantwortung zu übernehmen.
Und:
3) Es ist also höchste Zeit, dass von der Gesellschaft und vor allem der Politik, im
eigenen Interesse, der Kunst ein anderer Stellenwert als dem gegenwärtigen
zugemessen wird. Es ist der letzte halbwegs freie Denkraum.
Mein Nachsatz: Wir haben dazu nicht mehr viel Zeit, aber die Menschheit, wie wir
einzelnen Individuen, haben das Potenzial in extremen Stresssituationen – unsere
Gegenwart ist so eine – eine enorme Kraft entwickeln zu können. Darauf müssen wir
nicht nur hoffen, sondern daran müssen wir arbeiten, wenn wir nicht jetzt schon
aufgeben wollen.

 

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunst- und Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen

Thomas J.Jelinek, Regisseur, Dramaturg, Installations- und Projektkünstler.

Thomas J. Jelinek
Regisseur, transdisziplinär arbeitender Konzept-Künstler, Dramaturg und Kurator
Arbeitet an der Herstellung von laborhaften Diskursräumen, kontextuellen Performance Prozessen, medialen und situativen Rauminstallationen.
Künstlerischer Leiter und Gründer von NOMAD-theatre und der LABfactory,
Co-gründer u.A. der transdisziplinären Kunst- Aktionsgruppe MESSING-network und der Performance-Company Liquid Loft

Preise (Auswahl): donaufestival / “best short”/ Kunststücke-Preis ORF 2003/
mit Liquid Loft: “Goldener Löwe” der Biennale Venedig 2007.

Fotos_Pucher_Jelinek

 

 

16.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s