„Diese Selbst- und Fremd-Ausbeuterei im Kultur- und Literaturbetrieb müsste aufhören“ Anja Nora Schulthess, Schriftstellerin_Luzern 19.7.2020

Liebe Anja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Immer anders, ich arbeite an der Struktur, wobei ich diese, falls sich überhaupt eine etabliert, dann gerne wieder umwerfe. Wenn ich mich nicht um meine vierjährige Tochter kümmere, schreibe oder recherchiere ich morgens und gehe nachmittags zum See, lese, höre Musik. Abends bin ich meistens zuhause –  corona- und schwangerschaftsbedingt – koche, gieße Pflanzen, erzähle meiner Tochter die immergleichen Gute-Nacht-Geschichten. Gerade geht es eher unspektakulär zu und her.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es scheint mir etwas anmaßend, diese Frage für die Allgemeinheit zu beantworten, aber gut: Wichtig ist vermutlich diese Unsicherheit auszuhalten, nicht vereinfachenden Narrativen zu verfallen, kritisch zu bleiben und solidarisch – wobei ich nicht jene geheuchelte und «gehashtagte» Solidarität meine, sondern Rücksichtnahme und Umsicht im Stillen.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, dass wir vor einem Aufbruch stehen, bezweifle es jedoch auch immer wieder. Wesentlich wäre eine radikale Umwertung von Arbeit. Diese Klatscherei für die Systemrelevanz braucht niemand. Es braucht faire Löhne, gerade für Care-Arbeit und Wertschätzung, auch in finanzieller Hinsicht, für unbezahlte Reproduktionsarbeit in der Familie. Und diese Selbst- und Fremd-Ausbeuterei im Kultur- und Literaturbetrieb müsste aufhören.

Was die Rolle der Literatur und Kunst betrifft, sofern man das verallgemeinern kann, würde ich meinen, dass sie die Aufgabe hat uns zu stören und zu irritieren, unsere Seh-, Hör- und Denkgewohnheiten zu durchbrechen und dadurch den Blick zu öffnen. Das ist jetzt sehr emphatisch. Ich finde: auch kluge Unterhaltung und Katharsis haben ihre Berechtigung.

Anja_Nora_Schulthess_2_A4_Photo_Ralph_Kuehne

 

Was liest Du derzeit?

Prosa von Natalia Ginzburg, «Glück» von Dragica Rajčić, Interviews mit Ilse Aichinger, Reportagen von Niklaus Meienberg, «Chaos gegen den Terror» von Pasolini und viele Kinderbücher.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 „Für mich wird der Umgang mit der normalen Sprache immer schwieriger. Sie kommt mir so leer vor, wie leere Patronenhülsen … Je unmöglicher für mich die Sprache wird und klischeehafter –wenn man schon sagt »Wie geht es Ihnen«, das stimmt ja alles nicht mehr! – desto mehr ist es vonnöten, mit der Sprache wieder etwas zu sagen; vielleicht dadurch, dass man sie aufbricht.“

(Ilse Aichinger, Es muss gar nichts bleiben, Interviews)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Anja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anja Nora Schulthess, Schriftstellerin

http://www.anjanoraschulthess.ch/

Anja Nora Schulthess, geb. 1988, studierte Philosophie, Kulturanalyse und Literaturwissenschaft in Zürich. Sie schreibt kulturwissenschaftliche Texte, Essays, Lyrik und Prosa. 2017 erschien ihr Lyrikdebüt «worthülsen luftlettern dreck». Ihr Buch «Müllern, Spotten, Brechen!» zu den Untergrundzeitungen der Zürcher Jugendbewegung erscheint im Herbst 2020 im Limmat Verlag. Sie lebt mit ihrer Tochter in Luzern. 

Foto_Porträt_Ralph Kühne

 

9.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

 

 

 

 

 

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