„Vielleicht ist die größere Herausforderung jene, die soziale Krise solidarisch zu bewältigen“ Daniel Zipfel, Schriftsteller, Wien 5.5.2020

Lieber Daniel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich befinde mich derzeit in Heimarbeit, teile mir gemeinsam mit meiner Frau die Kinderbetreuung auf, verbringe viel Zeit mit den Kindern im Wald und lese wieder meine alten Hemingway-Bücher. Gleichzeitig bin ich als pflegender Angehöriger momentan auch mit anderen Realitäten konfrontiert, mit dem Notbetrieb in Krankenhäusern, mit dem Bewusstsein, dass es neben der Verbreitung des Corona-Virus auch andere existentielle Themen gibt. Letzteres nehme ich gerade auch durch meine Arbeit im Flüchtlingsbereich wahr, insbesondere das Ausmaß der sozialen Krise bei vielen, die im Niedriglohnbereich beschäftigt sind. Momentan erlebe ich meinen Alltag daher gerade als ein Nebeneinander vieler Welten und ich frage mich, welche Perspektiven später dominant sein werden, wenn wir von der Corona-Krise erzählen.

 
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auf einer persönlichen Ebene würde ich sagen, es ist für den Einzelnen auch in einer Krisenzeit dasselbe wichtig wie zuvor, nur wird einem das Wichtige in besonderen Umständen besser bewusst. Schließlich formt sich die Bedeutung einer Sache auch nicht plötzlich, sondern bildet sich immer mit der Zeit heraus.
Auf einer gesellschaftlichen Ebene ist es wohl wichtig, sich vor Augen zu halten, dass es immer mehr Welten gibt als die eigene, in der man gerade gezwungenermaßen viel Zeit verbringt. So wird ein frisch verliebtes Pärchen anders von der Corona-Krise erzählen als eine Alleinerzieherin, der das familiäre Netzwerk wegbricht, ein Rettungssanitäter oder eine Angestellte im Gastronomiebereich, die ihren Job verliert. Vielleicht liegt die größere Herausforderung für die Gesellschaft weniger darin, Abstand zu halten und zuhause zu bleiben, als die soziale Krise solidarisch zu bewältigen.

 
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Wesentlich wird sein, dass in der Rezeption der Corona-Krise nicht eine Darstellung die Oberhand gewinnt und die unterschiedlichen Lebensrealitäten und Folgen der Krise Geltung erfahren. Die Literatur kann dazu beitragen, indem sie Wirklichkeiten zugänglich macht, mit denen man sonst nicht in Berührung kommt und auf diese Weise Einblicke gewährt und Verständnis schafft.

 

Daniel Zipfel _ Manfred Weis
Was liest Du derzeit?

Meine alten Hemingway-Bücher. Vor allem Kurzgeschichten.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ganz klassisch aus dem derzeit viel gelesenen Camus (Die Pest): „Mais qu’est-ce que ça veut dire, la peste ? C’est la vie, voilà tout.“ ( „Aber was soll das denn bedeuten, die Pest? Es ist das Leben, das ist alles.“)

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ganz klassisch aus dem derzeit viel gelesenen Camus (Die Pest): Mais qu’est-ce que ça veut dire, la peste ? C’est la vie, voilà tout.“ ( Aber was soll das denn bedeuten, die Pest? Es ist das Leben, das ist alles.“)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Daniel, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman „Die Wahrheit der Anderen“ und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Daniel Zipfel, Schriftsteller

Aktueller Roman: „Die Wahrheit der Anderen“  Kremayr&Scheriau Verlag, 2020

 

23.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Manfred Weis.

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