„Dass wir jetzt erst recht strukturelle Ungleichheiten nicht hinnehmen.“ Jana Volkmann, Schriftstellerin, Wien 3.5.2020

Liebe Jana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe noch nicht viel verloren, aber die Fähigkeit, Zeit als Kontinuum zu begreifen, ist mir komplett abhanden gekommen. Die Tage sind hermetisch geschlossene Einheiten geworden, die keinem speziellen Schema folgen, geschweige denn einem Plan. Aber ich lese und schreibe viel, arbeite an anderen Dingen, und schaue aus dem Fenster. Die Krähen haben sich noch nicht anfüttern lassen. Ein Zitronenküchlein, das ich ihnen auf die Fensterbank gelegt habe, lag am nächsten Tag noch immer da. Jetzt ist nur noch eine gelbe Aureole übrig, aber vielleicht ist das Küchlein einfach heruntergefallen. Ich kann mit Natur leider nicht viel anfangen, aber das kommt mir jetzt, wo sie eh so weit weg ist, zupass. Ich schminke mich jeden Tag, als hätte ich was vor, und lackiere mir die Nägel. Meine Freundin sagte am Telefon, die Soldaten, die aufhören sich zu rasieren, sind am nächsten Tag tot. Zum Glück sieht man keine Bärte unter den Mund- und Nasenmasken.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Gleiche, was auch vorher wichtig war, nur haben wir es wohl weniger stark gemerkt: dass wir aufeinander aufpassen. Uns bewusst werden, dass das, was wir tun, nicht nur uns allein betrifft, sondern dass unser Verhalten Auswirkungen auf die Menschen um uns herum hat. Umsichtig sein, zugewandt sein. Natürlich wünsche ich mir, dass davon niemand ausgenommen wird: keine Erntehelferinnen, keine 24-Stunden-Pfleger, keine Menschen ohne festen Wohnsitz oder mit dem falschen Pass. Wenn das, was jetzt gerade in den kleinsten sozialen Gefügen – zum Beispiel unter Nachbarn – schon halbwegs klappt, auch im großen Rahmen ginge, wäre viel gewonnen. Leider ist das Gegenteil der Fall. Wichtig ist also auch, dass wir jetzt erst recht strukturelle Ungleichheiten nicht hinnehmen.

Jana Volkmann _ Manfred Pohr

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich mag das doppelte Futur: dieses wir werden werden. Wenn man sich die Geschichte anschaut, sind tatsächliche Aufbrüche, im Sinne von Neuanfängen, sehr selten. (Zufällig schreibe ich diese Zeilen am 150. Geburtstag von Lenin, der dazu wahrscheinlich sehr viel zu sagen hätte.)

Mein Vater hatte eine Anstecknadel am Sakko, auf der stand: kan kunst de wereld redden? Man muss kein Holländisch verstehen, um leise Zweifel an der Kompetenz der Künstlerin als alleiniger Retterin der Welt zu hegen. Wenn Literatur – und Kunst – allerdings eins kann, dann zeigen, wie andere Leben und andere Formen des Zusammenlebens aussehen können. Andere Arten, mit der Welt zu interagieren und sie wahrzunehmen. Das sind keine unwesentlichen Fähigkeiten, wenn es darum geht, sich eine Wirklichkeit nach einem solchen Ereignis, wie wir es gerade erleben, vorzustellen.

Ich bewundere übrigens immer, wie schnell und fundiert gerade das Theater auf gesellschaftliche Eruptionen reagiert. Da könnten sich andere Sparten viel abschauen.

 

 

 

Was liest Du derzeit?

Relativ viel Theorie, die in Buchhandlungen wahrscheinlich unter „politisches Sachbuch“ einsortiert werden würde. In ruhelosen Zuständen, immer wieder: Sarah Kanes gesammelte Stücke. Zunehmend zwanghaft: alles von Walter Benjamin, die vielen Briefe von Samuel Beckett.
Beendet habe ich zuletzt den neuen Roman von Monika Helfer, „Die Bagage“.

 

Welchen literarischen Impuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das Kunstwerk hat Wert nur insofern, als es von Reflexen der Zukunft durchzittert ist.“ – André Breton, zitiert nach Walter Benjamin.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Jana, viel Freude und Erfolg für Deinen kommenden Roman „Auwald“, der im Herbst des Jahres erscheinen wird https://www.verbrecherverlag.de/ , und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jana Volkmann, Schriftstellerin, Journalistin, Literaturwissenschaftlerin

http://www.janavolkmann.de/

 

23.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Manfred Poor

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s