„Niemand zwingt uns dazu, egoistische Nutzenmaximierer zu sein“ Birgit Birnbacher, Bachmannpreisträgerin 2019 _ 5 Fragen an SchriftstellerInnen_ 19.3.2020

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Liebe Birgit, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wir sind betroffen von den geschlossenen Kindergärten, alle sind zuhause. In meinem zweiten Beruf als Sozialarbeiterin gehe ich zweimal pro Woche normal in die Arbeit. Normalerweise wäre ich jetzt gerade sehr viel mit meinem Buch unterwegs gewesen. Jetzt fügt sich alles gut, denn nun werde ich gebraucht, wo ich gerade bin. Ich mag außerdem nicht mit Tatsachen hadern, die nicht zu ändern sind und herumjammern, dass mir Lesungen ausfallen, wenn die Welt in einem solchen Zustand ist. Man muss das Ganze schon auch im Verhältnis sehen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Da fragen Sie mich was! Dass wir vor Angst um unsere Kinder und Familien nicht augenblicklich zu Tieren werden. Dass wir verdammt noch mal tun, was man uns sagt: Drinnen bleiben, sich einschränken, Kontakt vermeiden. Ab und zu einmal einen gscherten Schmäh machen, das hilft auch.

 

In Deinem neuen Roman „Ich an meiner Seite“ geht es um Herausforderungen am Weg zurück „ins Leben“. Der Kontext ist dabei eine Haftentlassung. Grundsätzlich ist es aber ein Neubeginn, von dem wir ja auch jetzt gesellschaftlich stehen bzw stehen werden. Welche inneren und äußeren Prozesse sind für einen Neubeginn ganz wesentlich?

Wir kennen das doch alle: Man wird ja nicht gefragt. Es gibt diesen Effekt, den wir von ernsten Diagnosen kennen oder schlimmen Beinaheunfällen: Über einen gewissen Zeitraum hinweg wollen wir vieles wirklich anders machen. Je nachdem, wie einschneidend unsere Erlebnisse sind, gelingt das ja auch ab und zu.

 

Was liest Du derzeit?

Ich habe mich noch rechtzeitig mit Frühjahrsneuerscheinungen von Karin Peschka, Nava Ebrahimi, Valerie Fritsch und Helena Adler eingedeckt. Jedes dieser Bücher ist auf seine Weise herausragend. Jedes werde ich noch öfter verschenken.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem neuen Roman möchtest Du uns mitgeben?

Weil ich mich nicht so gerne selbst zitiere, vielleicht lieber ein Gedanke, von dem das Buch getragen ist: Niemand zwingt uns dazu, egoistische Nutzenmaximierer zu sein. Weil im Moment Vieles auseinanderfällt, was wir gerade noch für selbstverständlich gehalten haben, haben wir vielleicht auch gute Chancen, uns zivilgesellschaftlich weiter zu entwickeln.

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Vielen Dank für das Interview liebe Birgit und viel Erfolg für Deinen großartigen neuen Roman und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Birgit Birnbacher, Schriftstellerin, Bachmannpreisträgerin 2019

Aktuelle Romanneuerscheinung:  Birgit Birnbacher, Ich an meiner Seite, Zsolnay Verlag

 

18.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Fotos_Walter Pobaschnig 1_2020_Lesung am BRG19 Vienna, 1190 Wien.

 

https://literaturoutdoors.com

 

 

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