„Verdrängtes Sehnen kommt zurück, irgendwann.“ Karin Peschka _Schriftstellerin. Interview station by station_ Wien

 

 

IMG_4273aIch treffe Karin Peschka, Schriftstellerin, Trägerin des ALPHA Literaturpreises (2015) und des Bachmann Publikumspreises (2017), an einem öffentlichen Verkehrsknotenpunkt Wiens, Urban Loritz Platz. Alles ist in Bewegung hier. Wie auch im neuen Roman „Putzt euch, tanzt, lacht“ der österreichischen Autorin, der Ende Februar dieses Jahres erschienen ist. Menschen machen sich darin auf die Suche nach Möglichkeiten und Modellen des Lebens und Zusammenlebens. Hinterfragen das Vorhandene, das Innen und Außen, und sind unterwegs. Zentral dabei Fanni, eine 57jährige Supermarktverkäuferin. Alles ist zunächst geordnet bei ihr, mit Ehemann, erwachsenen Kindern und Haus, die Pension in Sichtweite. Doch dann die Ausfahrt aus diesem Leben, plötzlich – „So hatte etwas Neues begonnen…“.

 

Ich mache mich nun mit Karin Peschka auf den Weg. Es geht mit der Straßenbahn 49 zur West_Ausfahrt Wien, dem Romanschauplatz zu Buchbeginn.

 

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Liebe Karin, heute ist Valentinstag, ich darf Dir im Namen Deiner begeisterten LeserInnen ein süßes Herz überreichen. Danke für Dein so spannendes, mitreißendes wie auch nachdenkliches Schreiben!

 

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Der Valentinstag führt auch zu meiner ersten Frage. Lebenswege mit Herz, Sinn und Mut im persönlichen Orientieren, Hinterfragen und Ankommen sind auch eine Mitte Deines neuen Romans. Was lässt Liebe dauern?

 

Karin Peschka: Geduld und Realismus. Was ich beobachte ist, dass der Übergang vom Verliebtsein zur Liebe oft nicht funktioniert. Es ist wie das Scheitern an einer Illusion. Was suche ich in einer Beziehung, was erwarte ich, wie ehrlich bin ich zu mir, zu meinem Partner – das sind wesentliche Fragen. Sich selbst nicht zu verleugnen ist vielleicht ein wesentlicher Schlüssel für Moment und Dauer in einer Partnerschaft.

 

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Im Roman bricht Fanni aus ihrer Ehe mit Bernhard, ihrem langjährigen Partner, aus. Mit ihm hat sie Kinder großgezogen, ein Haus gebaut. Sie steigt ins Auto und fährt davon. Wie wichtig ist es in der Liebe eine Reißleine zu ziehen und aufzubrechen?

Karin Peschka: Liebe kennt verschiedenste Formen. Fanni verlässt nicht ihre Familie, ihre „Liebe“, wenn man so will, sondern bricht vielmehr aus ihrem alten Leben aus. Sie hasst ihren Mann nicht, mit dem sie eine jener Kompromiss-Beziehungen führt, die auch gut funktionieren können. Fanni hat sich verloren und sucht einen Weg.

 

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Fanni und Bernhard führen ja ein sehr geordnetes Leben. Schließlich scheitert dies. Nicht laut und nicht im Rosenkrieg. Aber es geht zu Ende. Wie viel Ordnung und Unordnung braucht Liebe, um bestehen zu können?

Karin Peschka: Jede und jeder braucht Ordnung und Struktur in einem eigenen, individuellen Ausmaß, als Orientierung und Halt. Die einen mehr, die anderen weniger. Gewisse Gewohnheiten und Rituale etwa, die sich über die Jahre in der Partnerschaft mit meinem Lebensgefährten etabliert haben, schätze ich sehr. Und habe bemerkt, dass ich sie zum Teil auch dann beibehalte, wenn er nicht bei mir ist, wie etwa bei meinem StadtschreiberInnenaufenthalt in Klagenfurt (2018) oder letztes Jahr beim Schreibprojekt im Kosovo. Pedanterie mag ich nicht, aber Gewohntes mit einer gewissen Lässigkeit beizubehalten, habe ich zu schätzen gelernt.

 

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Fanni ist am Weg zum Erstgespräch mit einem Therapeuten. Aber Sie fährt einfach weiter und weg. Was lässt Fanni zum Punkt des Verlassens von Vertrautem und Gewohntem kommen?

Karin Peschka: Fanni erinnert sich an ihre Sehnsüchte, die sie als siebzehnjähriges Mädchen, als junge Frau hatte. An die Lebensentwürfe, von denen sie damals träumte. Ich denke, je konkreter Träume, Wünsche und Ideen sind, die man für sich entwirft, umso eher kommen diese zu einem zurück. Besonders an diesen Kreuzungen im Leben, die einen Richtungswechsel fast schon heraufbeschwören. In schwierigen Zeiten, meine ich. Dann kann die Frage schon mit Vehemenz vor einem stehen: Wie weit lässt sich eine Sehnsucht verwirklichen, was versuche ich, worauf bin ich bereit zu verzichten? Verdrängtes Sehnen holt einen irgendwann im Leben ein. Sich ihm zu stellen, ist eine Herausforderung.

 

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Holen Fanni also um Ihre Lebensmitte Ihre ungelebten Träume ein?

Es ist in ihrem Leben nicht zum ersten Mal so, vielleicht war es nur noch nie so deutlich.

Ich vermute, dass für Frauen oft eine typische Haltung gilt: Ich habe Verantwortung übernommen und jetzt muss ich mich kümmern, ohne mich bricht das System zusammen. Das Ich-habe-zu-funktionieren-Gen, das fordert, erst soll es allen anderen gut gehen, dann bin ich an der Reihe. Das Wohlergehen der Familie als Zentrum der Welt. Das ist per se nichts Verwerfliches, natürlich. Solange es einen nicht auffrisst. Und/oder in eine Krise stürzt, wenn zum Beispiel die Kinder eigene Wege gehen. Braucht es nicht spätestens dann eine neue Dynamik von Verantwortung, Freiheit und Sinnfindung? Dieser Perspektivenwechsel oder diese innere Fragestellung sind wichtig. Fanni geht diesen Weg, zwar sehr spontan und ohne anfangs groß darüber nachzudenken. Aber letztlich konsequent.

 

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Was lässt Fanni aufbrechen?

Karin Peschka: Sie weiß das selbst nicht genau und kommt erst nach und nach auf mögliche Gründe. Klar ist ihr von Beginn an nur, es geht nicht darum, Bernhard zu verlassen, sondern dem eigenen inneren Schwung zu folgen.

 

 

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Ist der neue Weg Fannis auch eine Selbstkritik an ihrer Rolle als Mutter, da ja Ihre Tochter dasselbe Modell von Liebe und Ordnung gewählt hat?

Karin Peschka: Nein, Fanni wählt ihren persönlichen Weg, ohne Modelle von Liebe und Partnerschaft grundsätzlich abzulehnen. Auch nicht jenen ihrer Tochter Ines, deren Entscheidung sie akzeptiert. Was hätte sie auch sonst tun sollen? In der Charakterisierung von Ines im Roman hinterfrage höchstens ich, als Autorin, etwas. Nachbetrachtet glaube ich, dass Ines als Figur tragischer ist, als ich es beim Schreiben erkannt habe.

 

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Bei Fanni und Bernhard ist Sex kein Thema (mehr). Welche Rolle kommt der Sexualität heute im Anspruch von Partnerschaft in verschiedenen Lebensphasen zu?

Karin Peschka: Ob Sexualität zwischen den beiden kein Thema mehr ist, wird im Buch nicht erwähnt, das ist eine Annahme, die man treffen kann, die aber nicht zutreffen muss. Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.

Dem einen Paar genügen drei Umarmungen im Monat, das andere will bis ins hohe Alter lustvolle Sexualität leben. Dazwischen gibt es hundertausend Schattierungen. Sex ist Sex, in diversen Formen und Intensitäten, nicht mehr und nicht weniger.

Die Vorgaben allerdings können zum Problem werden. Was man machen soll, kann, muss. Was zu einer Art Norm wird, erzeugt doch im Umkehrschluss immer Unsicherheit. Ständig auf die Körperform, auf Ausstrahlung, auf sexuelle Attraktivität zu achten, ist anstrengend.

Ich kenne viele „best ager“, die Singles sind und denen es gut damit geht. Menschen, Lebensentwürfe sind vielfältig.

 

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Fanni lebt auch Sexualität in ihrem Neubeginn wieder. Was bedeutet Sexualität für sie?

Karin Peschka: Fanni entdeckt sich wieder. Um es ganz profan zu sagen: Sie ist auf dem Weg zu sich selbst. Je besser ihr das gelingt, umso mehr ergibt sich alles andere ganz natürlich.

 

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Fanni bricht auf und kehrt zu früheren Lebensorten zurück. Erinnerungen kehren zurück, Begegnungen, Gespräche ereignen sind dort. Wie wichtig sind Lebensorte für uns?

Karin Peschka: Ist nicht der wesentliche Ort zuallererst immer in einem selbst? Eine Landschaft, die man in sich trägt. Die Frage ist, wie wohl man sich darin fühlt, wie neugierig man ist, das zu erkunden. Ich habe erlebt, dass ich mich so gut auf eine fremde Umgebung, auf andere Länder und Lebensumstände einlassen kann.

 

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Welche Anziehungskraft und Notwendigkeit haben Orte in verschiedenen Lebensphasen?

Karin Peschka: Die, die man ihnen zugesteht. Der Ort ist doch per se neutral. Ob ich dort bin oder nicht, ob ich eine Landschaft schön finde, mich darin wohlfühle, sie bewundere, ablehne, mich darin verliere, ist komplett nebensächlich. Der Ort ist, ob ich da bin oder nicht. Seine Bedeutung entsteht durch das, was ich erlebe – und hängt auch von den Menschen ab, die mir begegnen oder eben nicht begegnen. Sie haben wohl einen großen Anteil an der Bedeutung, die man Orten zumisst.

 

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Fanni kehrt zurück zu Träumen und Orten – ist das Leben immer eine Bewegung hin nach einem Sehnsuchtsort?

Karin Peschka: Fanni macht sehr vieles nicht aus bewusster Überlegung. Sie ist in einer Krise und lässt sich treiben. Das Treibenlassen führt zu Orten, die für sie überraschend sind, die sie nicht erwartet hat. Sicherlich spielt das Unbewusste eine große Rolle. Ob es immer eine Bewegung hin zu einem Sehnsuchtsort gibt? Das weiß ich nicht.

 

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Der Aufbruch von Fanni ist auch von einem biblischen Zitat begleitet „Haltet mich nicht auf, denn Gott hat Gnade zu meiner Reise gegeben“ (Mose 24,56). Warum hast Du diesen Bezug gewählt?

Karin Peschka: Ich habe in den Psalmen gestöbert, um ein gutes Zitat zu finden. Dabei bin ich auf diese Mose-Stelle gekommen, die genau zur Intention des konsequenten Aufbruches passte. Ich bin nicht bibelfest und war nur in meiner Jugend religiös. Damals, vor allem in der Kindheit, hatte das Römisch-Katholische logischerweise Einfluss auf mich.

 

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Konsequenz im Weg von Leben und Liebe drückt sich im biblischen Kontext aus. Isaak lernt seine spätere Frau Rebekka in einem fremden Land kennen und hält an ihr über Landesgrenzen hinweg fest. Ist Konsequenz im persönlichen Weg von Leben und Liebe auch ein Charakterzug von Fanni?

 

Karin Peschka: Ja, vielleicht. Sie lebt ja davor konsequent und bricht konsequent auf, als die innere Qual sehr groß wurde.

 

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Was hat Dich zur Themenwahl Deines neuen Roman geführt?

Karin Peschka: Ich wollte dieses Buch schreiben, wollte dabei auch ein Risiko eingehen und sehen, wohin es mich führt. Dass es eher freundlich geworden ist, hat mich zuerst überrascht, aber dann nicht mehr groß gewundert. Nach den dystopischen Bildern in „Autolyse Wien“ war es das Schreiben an „Putzt euch, tanzt, lacht“ vielleicht auch eine Art Konsequenz.

 

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Liebe Karin, herzlichen Dank für das Gespräch und viel Freude und Erfolg für Deinen neuen Roman!

Buch-Neuerscheinung: „Putzt euch, tanzt, lacht“ Karin Peschka. Roman. Otto Müller Verlag.

 

Interview_alle Fotos _ Walter Pobaschnig 14.2.2020. 

 

 

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