„Ihre Art zu schreiben ist so intim, fast verwechselt man die geschriebenen Gedanken mit den eigenen“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Lilith Noah, Schriftstellerin _ Wien 9.10.2026

Ingeborg Bachmann _ Lilith Noah

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Lilith Noah, Schriftstellerin _ Wien

Liebe Lilith, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?  

Ich habe sie zugegebenermaßen erst vor kurzem zum ersten Mal gelesen: „Malina“ war vor ein paar Monaten mein Einstieg in Bachmanns Welt. Ich habe es geöffnet und gedacht: So etwas wie dieses Buch habe ich noch nie gelesen.

Das nächste ihrer Bücher liegt schon auf meinem Schreibtisch und ich will, als Lyrikerin, auch definitiv mehr von Bachmanns Lyrik lesen.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus? 

Ihre Art zu schreiben ist so intim, fast verwechselt man die geschriebenen Gedanken mit den eigenen. So ging es mir jedenfalls beim Lesen von „Malina“. Es ist mehr als stream of consciousness, es ist ein fließender Genrewechsel, der einzigartig ist und mich ein bisschen atemlos zurücklässt.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben? 

„Alle Tage“, ein pazifistisches Gedicht, beginnend mit „Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt. Das Unerhörte ist alltäglich geworden.“ Viele Zeitungsartikel der letzten Zeit sollten durch dieses Gedicht ersetzt oder ergänzt werden.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ihr Werk ist heute so aktuell wie damals. Die negativen Auswirkungen und Ausuferungen des Patriarchats sind noch immer zu spüren – beispielsweise auch mehr als 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Malina“. Was Ingeborg Bachmann wohl zur Manosphere sagen würde? Zu Looksmaxxing? zur IncelCulture? Man bringe mir ein Ouija-Board.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Wie lieben wir überhaupt? Ich glaube, die Frage kann jede*r nur für sich selbst beantworten. Und ich hoffe die Antwort ist „Viel. Jeden Tag aufs Neue.“

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Um eine meiner Lieblings-Lyrikerinnen Hera Lindsay Bird zu zitieren:

„Because I don’t have a right-sized reaction to the world

To write a book is not a right-sized reaction

To put all your bad thoughts on paper

And make someone else pay for them“

Schreiben und Kunst sind für mich aber weniger Martyrium, sondern mehr emotionaler Exhibitionismus. Gefühls-Abverkauf. Alles muss raus!

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben? 

Die große Liebe zur Sprache, die man in jedem Satz merkt. Ihren Antifaschismus. Ihren Feminismus. 

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt? 

Ich hätte sie, wenn man sie heute wiedererweckt, gerne gefragt: „Ist die Zukunft so, wie du sie erwartet hast? Bist du enttäuscht oder erfreut? Geht es uns wirklich gut, ohne dass wir es merken, oder stehen wir am Rande einer Krise? Sind wir schon mittendrin? Möchtest du deinen Kaffee auch mit Hafermilch?“ 

Was sind Deine aktuellen Projektpläne? 

Nachdem mein zweiter Lyrikband gerade erschienen ist, arbeite ich an meinem ersten Romanprojekt. Ich möchte noch nicht viel über den Inhalt verraten aber so viel sei gesagt: Die Auswirkungen des Patriarchates spielen auch hier eine große Rolle. 

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten? 

„Auch unsere Mütter haben

von der Zukunft ihrer Männer geträumt,

sie haben sie mächtig gesehen,

revolutionär und einsam (…)“

aus dem Gedicht „Curriculum Vitae“

Herzlichen Dank für das Interview!

Lilith Noah, Schriftstellerin

Zur Person/über mich: Maria Rohnefeld ist Lyrikerin und Künstlerin, sie schreibt und veröffentlicht unter dem Pseudonym Lilith Noah. Ihr erster Lyrikband „receipts“ wurde 2021 veröffentlicht, ihre Gedichte erschienen unter anderem in „Der Standard“ und waren Teil von Ausstellungen in Wien und Basel. 2024 erhielt sie das Startstipendium Literatur für ihr Projekt „die angst, dass alles anders wird  die angst, dass alles so bleibt wie es ist“ – erschien 2026 im Czernin-Verlag und ist ihr deutschsprachiges Debüt.

Aktuelle Buchveröffentlichung:

Lilith Noah, die angst, dass alles anders wird | die angst, dass alles bleibt, wie es ist. Gedichte _ Czernin Verlag

Ausstattung: Softcover mit offenem Rücken und Fadenheftung Format: 12,5 x 19 cm

Seiten: 80

ISBN: 978-3-7076-0913-4

Preis Buch: Euro 20,00

»die angst, dass alles anders wird, ist unvermeidlich wie der sonnenaufgang oder kebabflecken auf der frisch gewaschenen bettwäsche«, notiert das lyrische Ich von Lilith Noah.

In ihren Gedichten, die auf Instagram mehr als 90.000 Menschen erreichen, gibt sie dem Lebensgefühl der Generation Z Ausdruck und schafft eine starke emotionale Nähe zu ihren Leser*innen, die sie mit Slogans wie »build your own poem« miteinander ins Gespräch bringt und zu Kompliz*innen ihrer Kunst erklärt.

Zu entdecken ist eine Autorin mit großer Sprachlust und einem unverwechselbaren Sound, die ein neues Publikum für Lyrik begeistert und zugleich einen überraschenden Blick auf die Zumutungen und Zukunftsängste unserer Gegenwart eröffnet.

Die Autorin auf Instagram: @lilithnoah

(Presseinfo Verlag)

die angst, dass alles anders wird | die angst, dass alles bleibt, wie es ist (Gedichte) – Czernin Verlag – Bücher 25.9.2026

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Lilith Noah _ privat.

Walter Pobaschnig, 25.9.2026

https://literaturoutdoors.com

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