„Dass sie so vielen Menschen Mut gemacht hat“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Patrick Wilden, Schriftsteller _ Dresden 22.9.2026

Ingeborg Bachmann _ Patrick Wilden

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _ Patrick Wilden, Schriftsteller _ Dresden

Lieber Patrick, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Nicht viele, aber dafür bleibende. Rund um meinen dreißigsten Geburtstag stieß ich vor vielen Jahren auf ihre Erzählung „Das dreißigste Jahr“, die ich sehr bewegend fand. Außerdem las ich Terézia Moras Roman „Alle Tage“, der damals (2004) erschien und Bachmanns gleichnamiges Gedicht zum Motto nimmt. Und über einen Kurzessay von Libuše Moníková geriet ich an ihr Gedicht „Böhmen liegt am Meer“.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Eine unauffällige Prägnanz, der man sich erst allmählich bewusst wird, eine freundlich-unnachgiebige Lust an der Wahrheit, ja, der Wahrhaftigkeit. Und durch ihr Schicksal auch eine Tragik.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Angeregt durch den Film „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ (2026) auf alle Fälle ihre Dankesrede zum Erhalt des Hörspielpreises der Kriegsblinden (1959): „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Sie trifft den Nagel auf den Kopf – in dem Maße, wie die Autorin unverstanden blieb, sich unverstanden fühlte. Ihre Äußerungen in Interviews – zu diesem Thema, aber auch zum (miserablen) Zustand der Welt allgemein – wirken wie dahingesagt und verraten doch eine poetische Sicht und Einsicht. Es ist keine kurzatmige, sondern eine sehr tiefgehende Kritik. Und nie plakativ.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Glücklicher, hoffe ich, bedingungsloser – und zugleich mit einem gerechteren Begriff von Freiheit.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Daraus klingt mir eine viel zu starke Absicht. Sicher, wenn man schreibt – und wie Ingeborg Bachmann, noch dazu in einer für Frauen schier unmöglichen Zeit, Erfolg hat – entsteht etwas Bleibendes, nämlich das Werk, welches ein solches Martyrium erträglich, verkraftbar macht. Aber in der Zwickmühle des Schreibens, noch dazu wenn man, wie Bachmann, davon auskömmlich leben will oder muss, spürt man nichts davon. Es ist eine Überzeugung, vielleicht auch eine Berufung: Man muss das tun – und Punkt. Es ist harte Arbeit. Es ist zum Verzweifeln. Sie ist noch dazu durch ihre nachsichtige, aber auch tragische Unnachgiebigkeit für viele Frauen zum Vorbild geworden.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Mir fällt noch ein menschlicher Zug ein. Ich habe sie in den Ausschnitten aus Interviews, die ich gesehen habe, nie wirklich unfreundlich, patzig, ausrastend erlebt. Wie schafft so jemand das nur, der ,im öffentlichen Interesse‘ stehend sich permanent blöd anreden lassen muss…?

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Dass sie so vielen Menschen Mut gemacht hat.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich versuche mich gerade an Gedichten, die ich zu Bildern eines Dresdner Fotografen und zu Radierungen einer Leipziger Grafikerin schreibe. Den Winter über habe ich ein Langgedicht verfasst, das den Calembour als poetische Form nutzt. Ich hoffe nun auf eine Veröffentlichungsmöglichkeit.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

„Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen.
Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.“

Herzlichen Dank für das Interview!

Patrick Wilden, Schriftsteller

Zu Person/Werk_ Website: Patrick Wilden, Schriftsteller Patrick Wilden – Lyrik, Kolumnen, Kurzprosa | Infos. Termine.

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Patrick Wilden _ Dirk Skiba

Walter Pobaschnig, 28.8.26

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