
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
im Interview – Tali Okavi, Schriftstellerin _ Kiel
Liebe Tali, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
„… Mein Schweigen bedeutet vor allem, dass ich die Wochen behalten wollte, wie sie waren, ich wollte nichts, als eben ab und zu durch eine Karte von Dir die Bestätigung bekommen, dass ich nicht geträumt habe, sondern alles wirklich war, wie es war. Ich hatte Dich lieb gehabt, ganz unverändert, auf einer Ebene, die „jenseits der Kastanien“ war.“ August 1949, Ingeborg Bachmann an Paul Celan.
Mein persönlicher Zugang zu Ingeborg Bachmann liegt vor allem in den Themen Melancholie, Sehnsucht und allen Arten von Beziehungen, besonders das Zwischenmenschliche. Ihre Texte zeigen, wie eng Liebe und Schmerz miteinander verbunden sein können – vielleicht auf fatale Weise. Besonders beeindruckt mich, wie sie Gefühle von Einsamkeit, Hoffnung und Enttäuschung beschreibt. Ein Satz, der mich besonders anspricht, lautet: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Er zeigt für mich, wie wichtig Ehrlichkeit ist – auch wenn sie schmerzhaft sein kann und die eigene Schwäche sichtbar macht. Ihre Figuren sehnen sich nach Nähe und Verständnis, erleben aber oft Konflikte und Verletzungen in ihren Beziehungen, genauso wie sie es erlebt hat in ihrem Leben. Gerade diese Mischung aus Liebe, Sehnsucht und Melancholie macht ihre Werke für mich besonders bewegend und zeitlos. Ihre Melancholie trägt eine Wärme in sich, die mich erinnert, dass Tiefe oft im Stillen wächst. Das Schweigen kann so vieles Lebendigkeit und Auseinandersetzung in sich tragen, das Innere Leben ist genauso erregbar wie das äußere, vielleicht auch noch mehr.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ich finde, bei Bachmann ist Sprache das Wichtigste. Sie schreibt sehr klar und direkt, aber trotzdem steckt unglaublich viel zwischen den Zeilen. Mich beeindruckt, wie sie über Themen wie Erinnerung, Schuld, Identität und Freiheit schreibt, ohne einfache Antworten zu geben. Ihre Figuren suchen ihren eigenen Platz und kämpfen oft gegen Erwartungen von außen. Außerdem gefällt mir, dass ihre Texte zum Nachdenken anregen und zeigen, wie viel Macht Sprache haben kann – sie kann verletzen, aber auch Menschen eine Stimme geben. Genau das macht ihr Schreiben für mich so besonders.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ein bestimmtes Werk Bachmann hervorzuheben wäre ein einseitiger Akt, den ich ungern vornehme. Es gibt aber ein Lieblingsgedicht; es ist das Gedicht „Das Spiel ist aus“. Das ist aber eine private Sache, es ist persönlich, und hat nur für mich eine spezifische Bedeutung.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
In unserer Zeit ist es absolut aktuell auf mehreren Ebenen. Wir erleben grade den Globalen Wahnsinn der sich durch die Macht dieser Strukturen ermöglicht. Ingeborg Bachmann kritisiert in ihren Werken eine Gesellschaft, die von Macht, Gewalt und patriarchalen Strukturen geprägt ist. Sie zeigt, dass Frauen oft nicht als gleichberechtigt wahrgenommen werden, sondern Erwartungen und Zwänge ausgesetzt sind. Dadurch sind ihre Werke heute selbstverständlich hochaktuell und regen zum Nachdenken über Gleichberechtigung, Geschlecht, Freiheit und Validität an.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Wir lieben immer noch mit der gleichen Intensität und dem Streben nach dem Wesentlichen. Heute würde man es psychologisch als „Trauma-Bonding“ nennen (die zerstörerische Beziehung mit Celan und Max Frisch). Heute hat man vielleicht mehr Bewusstsein dafür, man redet von „toxischer Männlichkeit“, „narzisstischen Männern“ und so weiter. Nichtsdestotrotz schützt Wissen allein nicht vor Verletzlichkeit, denn in jeder Beziehung, die wir mit jemand anderem eingehen, nehmen wir uns selbst mit, und unsere zuerst unheilbaren Teile agieren mit … Aber genug vom Psychologisieren.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Das ist eine sehr gute Frage, die viel Zeit zum Nachdenken braucht. Meines Erachtens geht es hier nicht um Martyrium, sondern um eine Art, das Leben und die Existenz wahrzunehmen – eine ständige Auseinandersetzung mit dem Selbst, dem Umfeld und dem sprachlichen Ausdruck. Schreiben erfordert oft stille, konzentrierte Phasen, in denen Beobachtung und Reflexion über das Innen- und Außenleben im Mittelpunkt stehen. Der Lärm des Alltags ist präsent, doch der eigentliche Raum entsteht in der Stille zwischen den Zeilen, in der sich Gedanken klären und Gefühle ordnen können. Manche erleben das Schreiben als eine Art fließende Leidenschaft, andere als eine harte Disziplin – beides kann intensiv und verdammt zugleich sein. Ob man dieses Schreiben bewusst wählt, hängt sicher vom Temperament ab, von der Bereitschaft, sich verletzlich zu zeigen, und von dem Mut, Grenzen zu verschieben.
Und ja, ob es fröhliche Schriftstellerinnen gibt ?
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Die Zärtlichkeit – die feine, poetische, weiche und zerbrechliche Seite ihrer Persönlichkeit, die sich in ihren Gedichten ausdrückt – zeigt sich in einer sensiblen Wahrnehmung des Anderen, einer tiefen Empathie und der Bereitschaft, Verletzlichkeit zuzulassen. Sie findet sanfte Töne neben scharfer Kritik, lässt Räume der Stille zwischen den Worten entstehen und verleiht Sprache eine zarte, fast berührbare Nähe. Diese Zärtlichkeit ist aber auf gar kein Fall eine naive Sanftmut sondern eine fast religiöse tat der Offenbarung : “ Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers.“
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich verstehe total, wie Du das meinst.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Gerade arbeite ich daran, meinen Text zu lektorieren, der im kommenden Herbst in der literarischen Zeitschrift „Lichtungen“ erscheinen wird, es handelt sich übrigens um die zerstörerischen Wirkungen des Krieges. Dazu arbeite ich an einem neuen Buchprojekt. Da ich auf zwei Sprachen arbeite, suche ich einen deutschsprachigen Verlag für mein Aktuelles Buch, „The Art Of Distance“ das im April 2025 auf Hebräisch erschienen ist.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
ENTFREMDUNG
In den Bäumen kann ich keine Bäume mehr sehen.
Die Äste haben nicht die Blätter, die sie in den Wind halten.
Die Früchte sind süß, aber ohne Liebe.
Sie sättigen nicht einmal.
Was soll nur werden?
Vor meinen Augen flieht der Wald,
vor meinem Ohr schließen die Vögel den Mund,
für mich wird keine Wiese zum Bett.
Ich bin satt vor der Zeit
und hungere nach ihr.
Was soll nur werden?
Auf den Bergen werden nachts die Feuer brennen.
Soll ich mich aufmachen, mich allem wieder nähern?
Ich kann in keinem Weg mehr einen Weg sehen.
(Ingeborg Bachmann, 1948/49)
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person/über mich: Ich bin Tali Okavi, eine Schriftstellerin und Dichterin – geboren 1970 in der kleinen Stadt Afula im Norden Israels. Ich studierte Kunst und Pädagogik in Israel sowie später in der Schweiz, was mir neue Perspektiven eröffnete und mein Verständnis von Sprache, Ausdruck und Kultur vertiefte. Seit dem Jahr 2000 lebe ich in Kiel, an der Ostsee – einem Ort, der mir Ruhe, aber auch eine produktive Distanz zu meinen Wurzeln schenkt – fern meiner Herkunftslandschaft und doch in enger Verbindung zu ihr, innerlich und sprachlich. Obwohl ich in Deutschland lebe und in zwei Sprachen denke, schreibe ich nach wie vor auf Hebräisch. Meine Gedichte und Erzählungen erscheinen regelmäßig in renommierten israelischen Literaturzeitschriften und Tageszeitungen.
2013 veröffentlichte ich meinen ersten Gedichtband “ Eardrum of the Night“ beim Indiebook-Verlag in Tel Aviv – ein Werk, das sich mit Klang, Körperlichkeit und dem Fragmentarischen des Erinnerns auseinandersetzt. Es folgten „Strip“ (Bella Luna Verlag, 2017), das auch meine auf Deutsch übersetzte Erzählung Silvester enthält, sowie 2018 der Erzählungsband „Gland of Joy“, der beim angesehenen Verlag Kinneret-Zmora-Bitan-Dvir erschien und von Prof. Yigal Schwarz lektoriert wurde.
2019 wurden fünf meiner Gedichte in der deutschsprachigen Anthologie „Was es bedeuten soll“. Neue hebräische Dichtung in Deutschland (Parasitenpresse) veröffentlicht – herausgegeben von Gundula Schiffer und Adrian Kasnitz.
2020 nahm ich am Parataxe-Symposion in Berlin teil, einer bedeutenden Plattform für inter-nationale Literatur im deutschen Kontext. In der 17. Ausgabe des Stadtsprache Magazins wurden zwei meiner Gedichte veröffentlicht – Texte, die sich mit Fremdheit, Übergängen und dem Spannungsverhältnis von Nähe und Distanz beschäftigen.
Im Jahr 2023 wurde ich zum internationalen Lyrikfestival in Czernowitz eingeladen – eine Stadt, deren literarisches Erbe spürbar und inspirierend ist. Die Begegnungen dort, mit anderen Schreibenden, Sprachen und Geschichten, bereicherten mein Werk und Denken nachhaltig. 2025 erschien mein Aktuelle Buch „Die Kunst des Ferne“ im Pardes Verlag – eine Sammlung von drei Novellen, lektoriert von Prof. Yigal Schwarz. Im Herbst 2026 wird ein Text von mir zum Thema Krieg, im „Lichtungen“ Magazin publiziert.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Tali Okavi _ privat
Walter Pobaschnig, 29.7.2026