„Fieberhaft! Das waren tolle Tage.“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Nora Gomringer, Bachmannpreisträgerin 2015 _ Bamberg/D 20.9.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Nora Gomringer, Bachmannpreisträgerin 2015 _ vor der Lesung _
ORF Studio Klagenfurt/2015

im Interview _ 

Nora Gomringer/D  _ Bachmannpreisträgerin 2015,

Bachmannpreisjurorin 2018-2020

Liebe Nora, Du hast 2015 den Bachmannpreis in Klagenfurt, den größten und reichweitenstärksten deutschsprachigen Literaturpreis, gewonnen. Wie hast Du Deine Lesung/Kritik, die Lesetage, die Preisverleihung, diese Zeit rundum vor Ort erlebt? 

Fieberhaft! Das waren tolle Tage. Meine Mutter, meine Verleger, mein Bandkollege Philipp und meine Assistentin waren dabei. Ich hatte eine Art „Pit Stop Team“. Das war wunderbar, weil ich zum Fremdeln neigen kann. Ich war also gelöst und gut drauf und freute mich auf das Lesen des Texts. Sandra Kegel, die Jurorin auf deren Einladung hin ich teilnahm, war sehr von ihm überzeugt. Die wunderbare Maskenbildnerin Michaela Haag hat mich fröhlich gemacht und dann lief der Auftritt rasch und klar ab, es gab Lacher und danach Bravo-Rufe. Ich war happy. Das schönste Geräusch war das Mitblättern der Studiogäste. Die Besprechung der Juroren danach habe ich nicht richtig mitbekommen. Es war das Übliche an Kritik und freundlichen Lobes, sah ich danach. Die restlichen Tage (es war super gut, dass ich am ersten Tag dran war! Das wünsche ich immer allen; da ist die Presse wach, viele Leute schauen drauf und das setzt den Ton) waren eher amüsant. Bei mir war damals ja auch Jürg Halter und Ronya von Rönne, die mit Security ankam.

Am Morgen der Verleihung bin ich in den Gottesdienst und stellte fest, dass ich einen Fleck auf dem designierten Outfit hatte, also musste ich improvisieren. Hätte ich gewusst, was der ORF nach der Preisverleihung noch für den Rest des Tages geplant hätte, hätte ich ein Survival Pack ins Studio gebracht. Danach war es, als hätten sie mich kurzfristig angestellt. Drei Stunden Dreh und Herumfahren. Nette Leute von der Produktion, aber natürlich nicht das Richtige, wenn man gerade gewonnen hat und Eltern, Freunde und Kollegen einen sprechen möchten und man noch 9 Stunden nach Hause fahren muss, um am nächsten Tag um 8 Uhr im Büro zu sein. Die Preisverleihung war also etwas unglücklich, wobei der Moment an sich – im Studio – auf den Fotos viel Glück zeigt. Ich nehme an, dass ganz Österreich extrem enttäuscht war, dass Theresa Präauer nicht gewann. Persönlich gratulierte ich Dana Gregorcia sehr herzlich, denn eigentlich hatte ich mir den 3Sat Preis sehr gewünscht. 

Nora Gomringer, vor der Lesung _ Bachmannpreis 2015
Jury 2015 (nicht im Bild Klaus Kastberger, Hildegard Elisabeth Keller)

Kurz bevor wir gefahren sind, haben wir meinen Studioblumenstrauss noch bei Ingeborg Bachmann aufs Grab gelegt. Das war mir wichtig. Meine Mutter und ich haben die Situation fotografiert. Meine Mutter hat meinem Verleger vor Spannung im Studio fast die Hand gebrochen. Eine niedliche Vorstellung, dass sie Händchen hielten. 

Nora Gomringer im Siegerininterview
Familiengrab Bachmann _ Ingeborg Bachmann und ihre Eltern _
Klagenfurt/Annabichl
Klagenfurt/Henselstraße _ hier wuchs Ingeborg Bachmann auf _ Foto: 2015

Du bist jetzt über 10 Jahre Bachmannpreisträgerin. Wie wirkte/wirkt sich dieser Preis auf Deinen literarischen/künstlerischen Weg aus?

In den Jahren bis Covid wurde ich immer mit dem Preis vorgestellt; letzthin kam jemand in mein Büro und bot sich als Sprechtrainer für Stipendiaten und eventuell auch mich an, falls ich mal beim Bachmann-Preis mitmachen wollte. Als ich ihn informierte, dass ich ihn tatsächlich auch mal gewonnen hatte, war er ahnungslos. Es ist also nicht so, dass sich der Gewinn fest in die Leute einprägte, aber er ist ein Ausweis in der eigenen Vita. Und verbindet mich mit einer gewissen Aura, die das alles trägt. Das ist schön, ehrenvoll und irgendwie tröstlich. Außerdem hat der Preis genau den guten Namen, den es braucht, um ausländische Verlage und Übersetzer – die interessantesten Menschen und Leser der Welt! – auf einen aufmerksam zu machen. Durch die vielen Übersetzungsprojekte, die klugen Fragen meiner Übersetzerinnen und Übersetzer vieler Sprachen verstehe und sehe ich die Welt besser. Denen ist so viel zu danken. So unendlich viel. 

Pressekonferenz nach der Preisverleihung _ Nora Gomringer, Bachmannpreisträgerin 2015 (dritte von rechts) mit Valerie Fritsch (zweite von rechts) _ Kelag Preis und BKS-Bank-Publikumspreis  (Stadtschreiberstipendium Klagenfurt) _
Dana Grigorcea (erste von links) _ 3sat-Preis
und Hubert Winkels (Juryvorsitzender, erstmals)

2018-2020 warst Du in der Bachmannpreisjury. Wie hast Du diesen Studiotischwechsel erlebt? 

Hm. Ich fühlte mich …seltsam uninformiert. Abgesehen davon, dass ich mir die etwa 180-250 Einsendungen wirklich alle händisch angesehen habe, die mich persönlich erreicht hatten, verstand ich, dass das so wohl längst nicht alle Juroren taten. Jeder schien ein eigenes System zu haben und da ich einfach kein Insider im Literaturbetrieb bin, außer, dass er mich hier und da zu einem macht, weil er dann für Kürzestmomente um mich oder meine Produkte kreist, verstand ich nicht, wie ich mit den anderen Kritikern darüber hätte sprechen können. Auch war ich gegen eine 2020-Produktion. Ich hätte es passend gefunden, im Jahr der globalen Unsicherheit, diese durch ein Aussetzen zu markieren. Aber natürlich nachvollziehbar, dass wenn etwas einmal seine Abwesenheit unbeschadet erlebt, Geldgeber sagen können: Ach, dann braucht es das ja nicht mehr. Man muss in der Kultur auf der Hut sein, sich nicht selbst abzuschaffen, weil man so preiswert, handlich, gefällig wird. Kurzum: Die Juryarbeit, die ich heute in drei Gremieren mache, mache ich besser. Die Autorinnen und Autoren, die ich aber da ins Licht setzen konnte im Studio, hinter denen stehe ich voll und ganz und interessiere mich für deren Wege und Projekte. 

Jury 2020 _ online Bachmannpreis _ Jurorin Nora Gomringer (oben ganz rechts) _
Christian Ankowitsch moderiert den online Bachmannpreis 2020 im leeren ORF Studio/Klagenfurt

Was unterscheidet die Kritik einer Autorin von jener einer literarisch nicht schreibenden Jurorin? Was ist ihre Stärke? 

Ich fühlte zu viel Benommenheit, um pointiert und gut im Juryverband zu wirken. Meine Stärke war vielleicht, besondere sprachliche Bilder recht schnell als Bullshit oder poetische Potenz zu erkennen. Im Schreiben gibt es unendlich viel „Gepose“. Autoren erkennen untereinander, wer sich da wie vor den Spiegel stellt. Es ist dann feine Diplomatie, den stillen Pakt mit Kollegen zu erhalten oder zu verraten, was da läuft. 

Jury Bachmannpreis 2019 _ Nora Gomringer (zweite von links)

Welche Bedeutung hat der Bachmannpreis für die deutschsprachige Literatur – für Schreibende, Verlage, Presse, Publikum? 

Er ist ein Ausweis der Exzellenz. Jede Szene baut sich ihre Formen der Distinktion. Der Preis ist ein großer Teil davon. Der ORF, 3sat und SRF ? machen das mit viel Power. Ich fand die Produktion an sich sehr spannend. Denn was für ein Horror: So viel Text und Bild zu verbinden. Das eine strebt zum Langsamen, das andere verschnellert sich nur noch. Crazy. Zwei Gangarten, die die Sache an sich zu zerreißen drohen und doch: gelingt es. Immer wieder. 

Was ist Dein Bachmannpreis 50er Geburtstagswunsch? 

Dass sich die große Bachmann nicht zu oft im Grabe umdrehen musste bisher. Dass wir nachfolgenden Autorinnen und Autoren ihrem Namen Ehre machen. Und ich wünsche der Produktion des Bewerbs stetige Gelder, um das Aussehen der Produktion stets in ihr Ansehen wandeln zu können. 

Robert Musil Literaturmuseum _ Klagenfurt

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute! 

Nora Gomringer, Bachmannpreisträgerin 2015, vor der Lesung

Zur Person/Website: Nora Gomringer » Vita 18.9.26

Bachmannpreis 2015 _

1. bis 5. Juli 2015 im Klagenfurter ORF-Theater des Landesstudios Kärnten

Die Preisträgerinnen:

Nora Gomringer _ Bachmannpreis

Valerie Fritsch _ Kelag Preis und BKS-Bank-Publikumspreis  (Stadtschreiberstipendium Klagenfurt)

Dana Grigorcea _ 3sat-Preis

Jury:

Meike Feßmann

Stefan Gmünder

Klaus Kastberger (erstmals)

Sandra Kegel

Hildegard Elisabeth Keller

Juri Steiner

Hubert Winkels (Juryvorsitz, erstmals)

Lesestuhl Bachmannpreis _ ORF Studio Klagenfurt

Alle Fotos_ Bachmannpreis 2015/Klagenfurt _ Walter Pobaschnig/2015

Walter Pobaschnig, 18.9.2026

https://literaturoutdoors.com

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