5 Fragen an Künstler:innen
Karl Johann Müller, Schriftsteller
Lieber Karl Johann, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin ein Bewohner des Alltäglichen. Diese Struktur fesselt mich mehr als sie mir Freiheit gibt. Schon am Morgen begegnen mir Belanglosigkeiten, wie lauwarmes Wasser in der Dusche, Zahnbürste und Rasierapparat. Ich rieche Gewohnheit und Hygiene. Die Kleidung von gestern hat sich nicht von der Stelle bewegt. Für dieses Heute ist sie mir noch frisch genug.
Der Kühlschrank wirft ein kaltes Frühstück auf den ungedeckten Tisch. Manchmal denke ich darüber nach, ob ein warmes Porridge für meinen Magen nicht erträglicher wäre. Und manchmal, wenn mir meine Frau eines aufkocht, esse ich es auch brav und denke dabei an frische Brötchen, Marillenmarmelade und Butter. Erst der brühwarme Kaffee erinnert mich daran, dass die Nacht vorbei ist, meine Träume auf die nächste Schlafenszeit warten dürfen und mir die wachen Stunden, die vor mir liegen, Chancen offenbaren, die ich zu selten in der Lage bin, auch zu nutzen.
Ich hätte doch so viel zu sagen, soviel zu schreiben, aber die Trägheit meiner Gedanken und meines Körpers verharren stümperhaft in den leicht zu bewältigenden Gewohnheiten, die keine Mühe erfordern. Seit meine berufliche Tätigkeit ihre Notwendigkeit verloren hat, ist mein Tagesablauf zwanglos geworden. Ich unterliege nur noch der selbstverschuldeten Aufgabe, Texte für das Theater zu lernen, Regiekonzepte auszudenken, den Rasen zu mähen und auf die Mülltrennung nicht zu vergessen.
Aber es gibt sie noch diese Minuten und Stunden, wenn auch nicht täglich, an denen sich Ideen in geschriebene Worte verwandeln. Dann halte ich die Gedanken fest, binde sie an Papier und möchte sie nicht mehr loslassen, bis die Filter, die da heißen Form, Logik und Gemüt, nur wenig davon übriglassen.
Das sind die schönen Tage, an denen der Abend sich mit ein paar Sätzen schließt, die mir wert scheinen, sie zu bewahren.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Für mich ist jetzt besonders wichtig, dass die Menschen es endlich schaffen, ihr Handeln und Denken nach Immanuel Kants kategorischem Imperativ auszurichten: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Heruntergebrochen auf unser tägliches Leben formuliert es die Goldene Regel als universeller ethischer Grundsatz folgendermaßen: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Wir sollten als Menschheit endlich lernen, was auch in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union verankert ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Es scheint aber, dass es nicht in unserer Natur liegt, sich an solche Grundwerte zu halten, weil sonst würden wir mit mehr Respekt miteinander umgehen. Der Mensch ist eben ein Mängelwesen und diese Mängel sind die Ursache für viele kleine und große Probleme, mit denen wir seit jeher zu tun haben und wahrscheinlich, solange die Menschheit existiert, zu kämpfen haben werden. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“, singen die Engel in Goethes Faust. Mir geht es nicht um die Erlösung, sondern um das Bestreben, die eigene Freiheit dort enden zu lassen, wo die Freiheit des anderen beginnt. Mehr können wir nicht tun, als uns darum zu bemühen, in jedem den Menschen zu sehen, den Menschen in seiner Unzulänglichkeit und Unverlässlichkeit. Und die Mängel, die wir für uns selbst in Anspruch nehmen, auch jenen zuzugestehen, über die wir uns so gerne erheben. Wenn es möglich wäre, uns Menschen dieses Streben als naturgegeben einzupflanzen, könnte es sein, dass viele Konflikte nicht mehr existent wären.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?
Was für einen gesellschaftlichen Neubeginn und Aufbruch soll es denn geben? Ich sehe keinen. Ich wünschte mir so sehr, es gäbe ihn. Und „alle“ suggeriert die Illusion von einer Gemeinschaft, in der jede und jeder zumindest annähernd die gleichen Ansichten teilt. In diesem Sinne gibt es kein Alle. Jeder hat die Freiheit, mit dem, was er wahrnimmt, was er liest und lernt, was die alten und neuen Medien ihm bieten, nach seinem Dafürhalten umzugehen. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Noch dürfen wir individuelle Entscheidungen über unser Denken, unsere Einstellung zur Gesellschaft, der Welt und zu unserem Tischnachbarn selbst treffen. Das, finde ich, ist erhaltenswert. Über bestehende Gefahren, die diese Freiheit bedrohen, nachzudenken, zu diskutieren, ist ebenfalls wichtig. Die Welt wächst zusammen. Leider nicht als Gemeinschaft, sondern als Konvolut, innerhalb dessen die einzelnen Teile darum streiten, wer von wem mehr abhängig gemacht werden kann.
Genauso werden die sogenannten „westlichen Gesellschaften“ zunehmend vom Streit der Ideologien beherrscht. Die einen sind auf der Suche nach dem Verbindenden, die anderen nach dem Trennenden, während wir alle unausweichlich in die Abhängigkeit von Digitalriesen und Geldbaronen schlittern und die sogenannte „Mittelschicht“ langsam ausgedünnt wird. Der Schutz der Freiheit des Individuums innerhalb der Regeln, die für ein Zusammenleben unabdingbar sind, ist derzeit nach meinem Dafürhalten die größte Herausforderung. Der Streit innerhalb unserer Gesellschaft um die Vorherrschaft einer Ideologie ist in vollem Gange. Dabei scheinen jene im Vorteil zu sein, die auf unsere emotionalen Reflexe setzen. Insoweit muss es enorm befriedigend und erhebend sein, Schuld zuzuweisen, Feindbilder zu schaffen, ohne dabei genau hinsehen und recherchieren zu müssen.
Genau Hinsehen – das ist die Aufgabe, die der Kunst im Allgemeinen und dem Theater und der Literatur im Besonderen zukommen sollte und im Großen und Ganzen auch zukommt. Sie können, zumindest solange sie diese erhaltenswerte Freiheit noch haben, gesellschaftliche Herausforderungen auf die individuelle Ebene herunterbrechen, Sprachrohr für Einzelschicksale sein und Verallgemeinerungen desmaskieren. Genauso können Sie Utopien und Dystopien entwickeln, ohne den Anspruch auf Realität zu erheben. Real ist nur die Kunst selbst. Ihre Interpretation bleibt individuell. Aber nicht nur ihre Interpretation, auch ihre Wirkung ist es. Wenn vor etwa 250 Jahren Friedrich Schiller von der Schaubühne als moralische Anstalt, als einem Ort der Aufklärung und sittlichen Bildung sprach, mag das damals auf jene Teile der Oberschicht, die sich Theateraufführungen angesehen haben, in eingeschränktem Maße zugetroffen haben. Für alle anderen war es damals schon unbedeutend. Kunst ist vielschichtig, greift nach allen Richtungen. Wenn das nicht so wäre, hätte sie ihre Freiheit verloren. Da sich damals wie auch heute bei Weitem nicht alle Menschen mit Kunst beschäftigten bzw. beschäftigen, sind ihre Themen, Provokationen, leisen Andeutungen, rührenden und umrührenden Performances nur in sehr beschränktem Ausmaß dazu geeignet, gesellschaftlichen Einfluss auszuüben, Denkweisen zu ändern oder zu lenken. Zumal diejenigen, die sich intensiv und bewusst mit Kunst auseinandersetzen, das zum größten Teil nur tun, weil ihnen der ideologische Unterbau, auf dem ein Kunstwerkt ruht, auf den ein Theaterstück Bezug nimmt oder den ein literarischer Text vertieft, schon vorher vertraut waren. Und doch braucht die Gesellschaft alle diese Formen der künstlerischen Auseinandersetzung mit sich selbst, sowohl zur Identifikation, zur Selbstbestätigung, als emotionale Ergänzung als auch als Feindbild, Reibebaum oder kognitive Herausforderung. Ohne die Kunst in ihren vielfältigen Ausdrucksformen wäre die Gesellschaft wie eine Landschaft ohne Farben.
Was liest Du derzeit?
Zuletzt gelesen habe ich „Das Café ohne Namen“ von Robert Seethaler und „Der Abituriententag. Die Geschichte einer Jugendschuld“ von Franz Werfel. Jetzt habe ich eine Ausgabe von Ingeborg Bachmanns sämtlichen Erzählungen zum Wiederlesen zur Hand genommen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Freiheit herrscht nicht“ von Erich Fried
Vielen Dank!

Zur Person: Karl Johann Müller, geb. 1960 in Bludenz, lebt in Vorarlberg, schreibt Kurzgeschichten und Lyrik seit 2013, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, Hauptpreisträger Hildesheim 2017 und Lyrik Preis International 2024, 2. Preis Lyrik beim Landschreiber Wettbewerb 2025, Einzelveröffentlichung: „Da war doch noch. Prosa trifft Lyrik – Edition ArtScience 2024
Foto: Karl Johann Müller _ privat
Motiv: Walter Pobaschnig.
19.7.2026_ Walter Pobaschnig
19.7.2026_ Walter Pobaschnig