„Die ganze Palette an aktiven und passiven Mikro- und Makroaggressionen, also an psychischer und physischer Gewalt des Patriarchats, ob narzisstisch grundierte Selbstüberhöhung, Erniedrigung durch Beleidigungen und Gaslighting, Besitzergreifung und Kontrolle, wird in Bachmanns Werk präzise vor Augen geführt.“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Günter Vallaster, Schriftsteller _ Wien 26.8.2026

Ingeborg Bachmann _ Günter Vallaster

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview __ Günter Vallaster, Schriftsteller _ Wien

Lieber Günter, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

Da ich besonders in jüngeren Jahren lieber Lyrikbände als umfangreiche Prosa gelesen habe, weil man angenehm schnell durch ist und dennoch im besten Fall viele der darin enthaltenen Gedichte ein Leben lang nachwirken können, war meine erste Begegnung mit dem Werk von Ingeborg Bachmann ihre Lyrik, die mich nach wie vor sehr beeindruckt. In meinem Germanistik-Studium war ich auch von der Vielschichtigkeit ihres Erzählzyklus „Das dreißigste Jahr“ sehr angetan.

Für Epik und Romane muss ich mir immer einige Tage Zeit nehmen (können), an denen ich mich aber nahezu exklusiv dem Werk widme, mir auch einige der darin genannten Alltagsgegenstände und Schauplätze zumindest im Internet anschaue, mit meinen Erfahrungen oder nach den Kriterien Damals und Heute vergleiche und die eingesetzte Musik anhöre. Und allein schon unter diesen Aspekten ist Ingeborg Bachmanns „Todesarten“-Zyklus sehr ergiebig, etwa mit dem Soundtrack von „Malina“, der von Arnold Schönbergs Melodram „Pierrot lunaire“ nach Gedichten von Albert Giraud bis zu Miles Davis’ stimmungsvoll improvisierter Filmmusik zu Louis Malles erstem Spielfilm „Ascenseur pour l’échafaud“ („Fahrstuhl zum Schafott“) mit Jeanne Moreau und Maurice Ronet aus dem Jahr 1958 reicht.

„Ungargassenland – Ivans house“ _
Romanschauplatz „Malina“ Wien _
Walter Pobaschnig 6/26

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Dazu möchte ich eine ganze Palette von der Besonderheiten nennen: Ihre schonungslose, kritische und von einem aufklärerischen Impetus getragene Herangehensweise an eminent wichtige, aber allzu oft verdrängte Themen wie Patriarchat, Faschismus, Krieg, „die Tagesunordungen der neuen Welt“ („Malina“), die damit verbundenen Traumata und die Abstumpfung: „(…) Das Unerhörte / ist alltäglich geworden (…)“ („Alle Tage“).

Dann die zeitlose Modernität ihrer poetischen Ausdrucksmittel, etwa die Montage oder die „Satzgruppen“ („Malina“), also die unvollständigen Sätze des sich blind verstehenden Aneinandervorbeiredens. Und nicht zuletzt den Klangreichtum und die hohe Musikalität ihrer Texte, die Vielschichtigkeit und auch Drastik ihrer Sprachbilder und natürlich auch ihre konzise und elegante Sprache: Bei Ingeborg Bachmann war „stecken“ noch ein starkes Verb, mit Präteritum „stak“.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Bei den von mir rezipierten Werken sind meine persönlichen Favoriten aus „Die gestundete Zeit“ die Gedichte „Alle Tage“ und „Im Gewitter der Rosen“, aus „Anrufung des großen Bären“ die Gedichte „Curriculum Vitae“, „Reklame“, „Schwarzer Walzer“ und „Bleib“, aus „Das dreißigste Jahr“ die Erzählung „Unter Mördern und Irren“ und aus dem „Todesarten“-Zyklus „Malina“ sowie „Der Fall Franza“, darin besonders das dritte Kapitel „Die ägyptische Finsternis“.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Hochaktuell. Mich erstaunt ja, wenn ich in einer Besprechung eines Doppelbandes „Die gestundete Zeit – Anrufung des Großen Bären“ aus den 70er-Jahren lesen muss: „Es wäre höchst ungerecht, vor zwanzig Jahren entstandene Gedichte so zu beurteilen, als seien sie heute, 1974, geschrieben“ (Die Tat, 16.11.74) und „Denn in der Tat brachte Ingeborg Bachmanns Dichtung seinerzeit [sic!] einen neuen Ton in die deutschsprachige Lyrik“ (ebd.). Daraus spricht für mich Verdrängung, auch Distanzierung. Denn kein Mensch würde das heute, 2026, über Lyrik aus dem Jahr 2006 sagen. Was sind schon zwanzig Jahre.

Vielleicht ist das aber wiederum Zeichen eines gewissen Stillstands heute, eben des alltäglich gewordenen Unerhörten, um mit Ingeborg Bachmann zu sprechen. Eines Stillstands, bei dem unter dem Deckmantel und mithilfe des rasanten technischen Fortschritts, der auch Schnelllebigkeit suggeriert und mit all seinen Ablenkungen und Zeitfresserchen die Zeit unbemerkt verfliegen lässt, ein sozialer, genauer: patriarchaler Backlash leider immer mehr um sich greift. Und genau hier setzt Ingeborg Bachmanns Werk nach wie vor punktgenau an.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Eine Auseinandersetzung mit dem Werk Ingeborg Bachmanns ist unter dem Gesichtspunkt des allgemeinen Umgangs miteinander, also nicht alleine in Liebesbeziehungen, für alle Gender und gerade auch für Männer jeden Alters ratsam, denn es sensibilisiert in hohem Maße für die Red Flags, die man(n) setzt, aber selbst teils gar nicht als solche wahrnimmt. Die ganze Palette an aktiven und passiven Mikro- und Makroaggressionen, also an psychischer und physischer Gewalt des Patriarchats, ob narzisstisch grundierte Selbstüberhöhung, Erniedrigung durch Beleidigungen und Gaslighting, Besitzergreifung und Kontrolle, wird in Bachmanns Werk präzise vor Augen geführt.

Dazu auch das Rollenkorsett, in die das Patriarchat nach wie vor Frauen und Männer zwängt, eben auch als eng umrissene und im wahrsten Sinne des Wortes altväterische Kategorien „Frauen“ und „Männer“, mit all den damit verbundenen klischeehaften Anforderungen, Codes, Erwartungen und Projektionen, mit geringer Frustrationstoleranz bei Nichterfüllung. Es ist somit eine Schule der Sprach- und Selbstreflexion, Empathie und sozialen Kompetenz, was Männern sehr oft fehlt und in Dänemark ja auch erfolgreich als Schulfach eingeführt wurde.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ich denke, da gibt es die unterschiedlichsten Beweggründe, Zugänge und Erfahrungen. Rein als Tätigkeit betrachtet und themenabhängig kann und darf das Erstellen von Literatur und Kunst ja auch Spaß machen. Und eine Schreibexistenz muss keineswegs einsam sein, wie zahlreiche Schreibgruppen und künstlerische Kooperationen belegen, wobei das Gefühl der Einsamkeit natürlich auch in einer Gruppe entstehen kann.

Der Aspekt des Martyriums betrifft die meisten Autor*innen somit vor allem hinsichtlich der Rahmenbedingungen für das Schreiben: Es fehlt allzu oft die Zeit, es fehlt nach wie vor das Verständnis vieler Mitmenschen und es fehlt daraus resultierend weitgehend die Anerkennung, auch durch angemessene, indexangepasste Honorierung der aufwändigen schriftstellerischen und künstlerischen Arbeit. Meines Erachtens zielt Ingeborg Bachmanns Charakterisierung durchaus auch auf diese Umstände ab. Das Martyrium ist oft das Nicht-zum-Schreiben-Kommen.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Wahrscheinlich hätte ich eine nichtssagende, austauschbare Allerweltsfrage gestellt, wie der Journalist Mühlbauer mehrfach in der Interview-Passage im ersten Kapitel von „Malina“, also:

„Frage: …….?“

Und ihre Antwort wäre als wohl kurze, aber bestimmt sehr genaue Analyse aller Welt ausgefallen.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Derzeit bin ich hauptsächlich mit der Vorbereitung auf die Kurse und Workshops, die ich im Herbstsemester halten werde, beschäftigt. Einzelne literarische Projekte gibt es aber auch, etwa das transmedial-poetische Festival „räume für notizen“ im Jänner 2027, das ich gemeinsam mit den Autor*innen und Medienkünstler*innen Renate Pittroff, Christoph Theiler und Jörg Piringer und in Kooperation mit der Alten Schmiede, der Galerie wechselstrom und der Kunsttankstelle Ottakring als Autor*innenprojekt kuratiere und für das ich somit auch einen eigenen Ausstellungsbeitrag erstelle.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Gerne! Aus dem reichhaltigen Fundus an möglichen Zitaten und Texten habe ich das Gedicht „Bleib“ aus dem dritten Teil der „Anrufung des Großen Bären“ ausgewählt. Das Gedicht kann auch von Ingeborg Bachmann selbst gelesen auf Youtube angehört werden:

Für mich kommt darin Sprachreflexion und Reflexion der dichterischen Produktion zu höchstem und klarstem dichterischen Ausdruck. Die Literatur ist „immer ein Sammelsurium von Vergangenem und Vorgefundenem“ (Ingeborg Bachmann in ihrer fünften Frankfurter Poetik-Vorlesung „Literatur als Utopie“ im Wintersemester 1959/60). Und sie ist immer auch „Ein Ort für Zufälle“, um den Titel ihres sehr experimentellen literarischen Berlin-Portraits aus dem Jahr 1965 anzuführen. Sozusagen zur richtigen Zeit am richtigen Ort am richtigen Wort. Oder auch alles in Falsch.

Dada hatte den Zufall, die Aleatorik überhaupt zum Stilmittel erhoben, vor allem
mit Collagen, und der Surrealismus nahm einen „objektiven Zufall“ („hasard
objectif“) an, der sich auf eine tiefenstrukturelle Ordnung verweisend in allen
Alltagsbegegnungen zeigt, exemplarisch ausgeführt von André Breton in seinem
autobiografischen Bericht „Nadja“ aus dem Jahr 1928, in dem sich durch das
Prinzip Zufall auch Traum und Realität mischen und verbinden. Zufall, Traum und
Wirklichkeit sind ja auch wichtige Elemente in Ingeborg Bachmanns „Todesarten“-
Zyklus.

Bleib

Die Fahrten gehn zu Ende,

der Fahrtenwind bleibt aus.

Es fällt dir in die Hände

ein leichtes Kartenhaus.

Die Karten sind bebildert

und zeigen jeden Ort.

Du hast die Welt geschildert

und mischst sie mit dem Wort.

Profundum der Partien,

die dann im Gange sind!

Bleib, um das Blatt zu ziehen,

mit dem man sie gewinnt.


Ingeborg Bachmann: Bleib. In: Sämtliche Gedichte. Ungekürzte Taschenbuchausgabe. Piper Verlag, München, 16. Auflage 2026, S. 144.


Herzlichen Dank für das Interview!

Günter Vallaster, Schriftsteller

Zur Person: Günter Vallaster, Autor, Herausgeber, Schreibpädagoge, Kursleiter für Deutsch als Zweitsprache. Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und des Berufsverbandes österreichischer Schreibpädagog*innen BÖS.

Website: https://guenter-vallaster.net/

Demnächst erscheint ein Beitrag in der Anthologie „grrr & brrr“ (Edition Das fröhliche Wohnzimmer, Wien 2026).

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Günter Vallaster _ Station bei Ernst Jandl/100.Geburtstag von Ernst Jandl _ Wohnort Wien; Walter Pobaschnig 6/25

Fotos: Ungargasse/Wien _ Walter Pobaschnig 6/26

Walter Pobaschnig, 19.8.2026

https://literaturoutdoors.com

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