„„Malina“ verschlang ich geradezu – im Sommer 1997, in der Hängematte unterm Nussbaum des Elternhausgartens in Wels“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _  Isabella Breier, Schriftstellerin _ Wien 18.8.2026

Ingeborg Bachmann _ Isabella Breier

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _   Isabella BreierSchriftstellerin _ Wien

Liebe Isabella, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?  

Was meine Zugänge anbelangt, so glaube ich, besten Gewissens behaupten zu können, dass sie sich in den Jahren bzw. Jahrzehnten meiner mehrmaligen Lektüren zahlreicher Texte deutlich veränderten.

Als Fünfzehnjährige wagte ich mich zum ersten Mal an die Gedichte aus „Die gestundete Zeit“ und „Anrufung des Großen Bären“ – eine naive, launig intuitive Lesart. Je nach Befindlichkeit wählte ich „Lieblingsverse“, die ich begeistert mit Freundinnen besprach.

Als Studentin der Philosophie und Germanistik –  als letztere einige Vorlesungen und Seminare zum Werk von österreichischen Schriftstellerinnen des 20.Jahrhunderts und zum „Todesarten“-Projekt besuchend – begann ich, mich eindringlicher und systematischer mit der Prosa und entsprechender Sekundärliteratur zu beschäftigen. Zwar gab’s mit Anfang zwanzig schon mehr Hintergrundwissen meinerseits als in meinen Teenie-Tagen, sowohl bezüglich allgemein historischer und literaturgeschichtlicher Zusammenhänge als auch konkrete biographische Aspekte betreffend. Trotzdem war meine Herangehensweise nach wie vor hauptsächlich emotionaler, enthusiastischer Natur.

„Malina“ verschlang ich geradezu – ich erinnere mich: im Sommer 1997, in der Hängematte unterm Nussbaum des Elternhausgartens in Wels, wollte ich die signifikantesten Wendungen mit Leuchtmarkern unterstreichen, bald bemerkend, dass jede umgeblätterte Seite durchgängig gelb, orange, grün schimmerte.

In jenen Jahren, Ende der Neunziger, besorgte ich sämtliche Bachmann-Bände, die sich auftreiben ließen. Was ich mir leisten konnte, kaufte ich. Den Rest lieh ich mir. Als die aus dem Nachlass editierte Sammlung „Ich weiß keine bessere Welt“ als gebundene Ausgabe erschien, stand ich am erstmöglichen Morgen – mit meiner damals wenige Monate alten Tochter in der Babytrage – im Buchgeschäft.

Kurz: Bis Mitte Zwanzig schien ich ein schwärmerisches Bachmann-Fan-Girl gewesen zu sein. Und das lässt sich erklären: Man kann sich nämlich in das Œuvre – selbstredend nicht bloß in ihres – „happy-go-lucky“ hineinbegeben und staunend herumstreunen. Mit ein bisschen Glück wird man  wiederholtermaßen mit „therapeutisch-kathartischen“ Exactly! That’s it!-Momenten belohnt, weil zum Beispiel eine eigene existentielle Entfremdungserfahrung oder der Eindruck eines vagen Unbehagens einen anspruchsvoll welthaltigen poetischen Ausdruck bekommt. Dies verleiht dem (noch) nicht in Schritt für Schritt erläuternde Sätze sortierten, sprachlich und insofern gedanklich-argumentativ nicht präzise erarbeiteten, weder in erforderliche Kontexte gesetzten noch perspektivenreich begutachteten „Erleben“ eine Art empowernde Bestätigung. (Eventuell begegnet man bereits Bekanntem – doch nicht als dahinhuschende Silhouette im Nebel, ruckzuck erspäht, sondern in angemessenem Licht, klarer umrissen, konzentrierter geprüft.) Ein diffuses „Gefühl“ als im Alltag stetig oder immer mal wieder aufpoppende, häufig bis dauerhaft verdrängte oder mühsam mitgeschleifte Wahrnehmung (… irgendwas fehlt oder tut weh oder stimmt nicht mit/in dem, was ist oder wovon versichert wird, dass es sein solle … was sind das für schreckliche Hackordnungen, was sind das für bescheuerte Regeln? … ich möchte hier nicht mitspielen … etwas kränkt oder spürt sich grundlegend „falsch“ an, „ungerecht“, „ekelhaft“, „bestialisch“, „verlogen“ … was läuft schief? was verursacht mir Bauchweh, was hemmt oder lähmt mich, was macht mich verloren, was lässt mich denken oder ahnen: „I’d prefer (not) to“? …) erweist sich als – erstens – wirklich ernstzunehmen, nicht lediglich einer ausufernden Phantasie oder übertriebenen Prinzessinnen-Empfindlichkeit anzulasten und – zweitens – nicht nur rein persönliche Causa, sondern im Gegenteil fundamental weltbezogen, politisch relevant: etwas aufzeigend, was weit übers Selbst oder die private Sphäre hinausreicht. (Solche u.a. teils therapeutische Effekte implizierenden Erkenntnisse können sich durch die Auseinandersetzung mit soziologischen, geschichts-, politikwissenschaftlichen Untersuchungen oder während psychoanalytischer Prozeduren ereignen oder durch Kunst und Literatur. Ob Gedichte oder Romane, ob Theaterstücke oder Hörspiele: Jedweden Gattungen respektive Textsorten wohnt das Vermögen inne – im Rahmen ihrer (nicht wissenschaftlichen) Möglichkeiten –, zur „Aufklärung“ beizutragen. Kritische Belletristik ist in der Lage, soziopathologische Strukturen – Problematiken und Ungeheuerlichkeiten der (auch symbolischen) Gewalt gesellschaftlicher Normen und Normalitäten – zu versinnbildlichen.)

Mit Anfang bis Mitte zwanzig veranschaulichten mir „Malina“, „Der Fall Franza“, „Requiem für Fanny Goldmann“ sowie nicht wenige der abgeschlossenen Erzählungen, wie man – vor allem als weibliches (d.h. als weiblich ge/verformtes) Ich – von Kindesbeinen an behindert, beeinträchtigt bis ruiniert wird.

Für mich bedeutete die Beschäftigung mit Literatur, die den riesigen „Friedhof der ermordeten Töchter“ („Malina“, Traumsequenz) thematisiert, schließlich eine notwendige Ergänzung zur Lektüre der Klassiker feministischer Theorien bzw. historischer, philosophischer, soziologischer Standardwerke zur Erforschung der Entwicklung kontinuierlicher und scheinbar selbstverständlich sich perpetuierender Unterdrückung von Frauen und Mädchen. Zugleich wurde mein Umgang mit dem Bachmannschen Universum während meines Studiums ein literaturwissenschaftlich geprägter. Der Reichtum des Repertoires der verhandelten Sujets faszinierte mich: das „Mängelwesen Mensch“; explizite und verborgene Herrschafts- und Machtverwobenheiten; die Verobjektivierung und „Zurichtung“ von Personen (eine beachtliche Palette an Traumata; Ängste, Zwänge usw.; das, was man in aktuellen Social-Media-Gefilden „toxische Scham“ nennt); die Bevormundung, Demütigung bis Vernichtung von Frauen und Mädchen in (heterosexuellen) romantischen Beziehungen, in der Ehe und Familie; Libido und Todessehnsucht; die Entwürdigung, Ausbeutung, Kolonialisierung, Auslöschung des/der „Anderen“; der (nicht friedliche) Friede; der Krieg; der Faschismus, der Nationalsozialismus; die Gegenwart nach der Shoah.

Des Weiteren schaute ich aufmerksamer auf Details der Kompositionen, die formale Gestaltung, und mich beeindruckte der sorgsame Einsatz literarischer Stilmittel. Zunehmend widmete ich mich im Übrigen – die Hörspiele, Radio-Essays und „Frankfurter Vorlesungen“ im Fokus – den sprachphilosophisch reizvollen Elementen, existentialistischen Fragestellungen, phänomenologischen Facetten. 

Noch einen weiteren Zugang möchte ich erwähnen: Seit meinen späten Zwanzigern, mehr noch seit den Dreißigern und Vierzigern – soziologisch bewanderter als „früher“ (Wie ackert und erntet wer was warum auf welcher Parzelle des literarischen Felds? Welche wie entstandenen Literaturmarkt-Dynamiken bzw. (Hoch-)Kulturbetriebs Konditionen ermöglichen, erleichtern, verlangsamen, sabotieren Publikationen, Aufnahmen/Interpretationen/Aneignungen  (Lobpreisungen/Verrisse/abwinkendes „Ned-amoi-Ignorieren“), Kanonisierungen welcher Werke welcher AutorInnen in welchen Zeiträumen?) und vom „Genie“-Tamtam oder „Dichterfürst/-in“-Getue feuilletonhöriger BildungsbürgerInnen generell angeödet – interessiere ich mich für die Rezeptions- und Wirkungsverläufe künstlerischer Kreationen. Im Zuge dessen hörte ich peu à peu mit dem „Anhimmeln“ einzelner Kunstschaffender und/oder LiteratInnen auf. (Mittlerweile erlaube ich mir sogar, die eine oder andere Passage Bachmanns als äußerst konventionell oder langatmig berechenbar und manche Auftritte und Attitüden ihrerseits als unangenehm anbiedernd oder der patriarchalen Weiblichkeitsklischeereproduktion dienlich (… hilflos zerstreut, der männlichen Galanterie und Entscheidungs- plus Tatkraft bedürftig …) zu bezeichnen und die Frage, ob sie – bei aller Rigorosität und Originalität, mit all den experimentellen Methoden – ohne jenen „traditionellen“ Anteil ihres Opus und ohne einen insgesamt gefälligen Habitus (bzw. ohne (unbewusste, einverleibte) Finten, ohne die eine oder andere Liaison (mit einem einflussreichen Hansi), ohne ehrgeiziges Networking) derart reüssiert hätte, mit einem nonchalanten, nona nicht zu beweisenden „Vielleicht gar nicht oder nicht so rasant.“ zu beantworten.)  (Eine (mir als Feministin wichtige) Anmerkung, was solche – im weiteren Sinne literatursoziologisch, rezeptionsgeschichtlich orientierte – Erwägungen betrifft bzw. jene Reflexionen, welche die in der Öffentlichkeit sich abspielende Resonanz, tonangebende Auslegungen inkl. dominante Deutungen biographischer Vorfälle ins Visier nehmen: Auch feministische Stränge der Bachmann-Rezeption waren nicht davor gefeit, ihre Vorurteile zu pflegen. Arg spekulativ fand ich schon als Studentin die zumindest in meiner Germanistik-„Todesarten“-DiskutantInnen-Blase gängige Be- und Verurteilung von (dem meinerseits geschätzten) Max Frisch als „normal krankes, skrupelloses, die hochgradige Sensibilität seiner Partnerin nicht verstehendes, ihr Privat- und Intimleben für sein Schreiben verwertendes und insofern eines unverzeihlichen Verrats schuldig gewordenes Monster“, dessen betrügerische Kaltherzigkeit Bachmann ins Verderben katapultiert habe. (Der 2022 publizierte Briefwechsel „Wir haben es nicht gut gemacht.“ demonstriert die Komplexität der Beziehung der beiden und widerlegt die vereinfachend verzerrende „Frisch/Täter _Bachmann/Opfer“-These.))

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus? 

Ihr Schreiben verpflichtete sich (quasi eine über die oft irreführend simplifizierend gestellte Frage, was gute, was schlechte Literatur sei, hinausweisende moralische Grundhaltung) einer – um’s mit Worten Adornos auszudrücken – „Kultur, die dem eigenen Sinn nach nicht bloß den Menschen zu Willen war, sondern immer auch Einspruch erhob gegen die verhärteten Verhältnisse, unter denen sie leben, und die Menschen dadurch ehrte“. (Dass Bachmann ebenso von ansonsten vorwiegend Produkten der Kulturindustrie (Adorno: „Das Vergnügen befördert die Resignation, die sich in ihm vergessen will.“) zuneigenden Printmedien, Rundfunk- und Fernsehanstalten, Bildungsinstitutionen, KonsumentInnen gefördert, gehuldigt oder „abgenickt“ wurde, mag zum einen mit der für gönnerhaft gestattete Spielräume konservativer Beurteilungsraster vertretbaren Mischung aus konventionellen und radikal kompromisslosen, couragiert kritischen Komponenten zahlreicher ihrer Texte zusammenhängen und zum anderen damit, dass sich die anfangs als Lyrikerin in die Literaturszene tretende Urheberin – freilich meine ich die öffentlich modellierte Figur – bestens als Projektionsfläche eignete. Denn Mitte des letzten Jahrhunderts erlaubte man dem zweiten/anderen, als alogisch verunglimpften Geschlecht allemal, Gedichte zu verfassen. Wenn mächtige männliche Fürsprecher – die Mädchenhaftigkeit betonend, die Fragilität („viel blondes Haar, sanftbraune Augen, still und scheu in Ausdruck und Rede“ (SPIEGEL, 1954)) – in nicht selten paternalistischer Manier das Ausnahmetalent lobten, wurde dasselbe rasch bewundernd beäugt. Und in Ausnahmefällen durfte man als Ausnahme-Dichterin Richtung Kanon gerühmt werden. (Die jeweiligen Prozesse der Inklusion oder Exklusion von Literatinnen (und Literaten) zu recherchieren, ist eine spannende und lehrreiche Angelegenheit. Wie ebnen sich die Wege etwaiger Anerkennung? Man vergleiche Bachmanns Erfolgsgeschichte zum Beispiel mit jener Marlen Haushofers oder mit der Reputationsgenese von Friederike Mayröckers Opus.)

Zurück zum „Besonderen“: Bachmanns das Menschsein unter gewissen historisch gewachsenen Bedingungen schildernde Schriften bergen – u.a. – einen Schmerz, eine klassen-, schicht-/milieu- sowie genderübergreifende Entfremdungsgewissheit. Dazu bringt sie Erscheinungsbilder moderner struktureller Gewalt aufs Tapet. In ihren Arbeiten eröffnet sich ein allgemein und konkret gesellschaftlich relevanter Gedankenkosmos, in dem Geflechte der Relationen zwischen unterschiedlichsten Dimensionen eines dissoziierten Existierens bewusster erlebbar beziehungsweise so reinszeniert werden, dass man das komplexe und uns in Alltagsroutinen verdeckt bleibende Aufeinanderbezogensein etlicher Faktoren besser in den Blick kriegt, sogar das eigene umfassende Verstrickt- und Verwirrtsein intensiv zu vergegenwärtigen vermag. 

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben? 

Mich beeindrucken die meisten Texte. Müsste ich mich für drei, vier Bücher Bachmanns entscheiden, so würde ich auf die Schnelle folgende auflisten: –

Der Fall Franza – – –

Frankfurter Vorlesungen

Die Hörspiele

Vor den Linien der Wirklichkeit 

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Sie erweist sich als höchst aktuell. Selbstverständlich handelt es sich bei Bachmanns Gesellschaftskritik um eine in künstlerische Form gebrachte, mit literarischen Verfahren gestaltete bzw. bewältigte. Wenn ein grundlegend vielschichtiges Verstehen von Macht- und Herrschaftsbedingungen, in deren Rahmen „gender“ eine (allerdings zentrale) sozial strukturierte und strukturierende Variable unter anderen meint, durch die Lektüre der sozusagen Schritt für Schritt er- und aufklärenden, empirisch fundierten und logisch argumentierenden Werke von SoziologInnen, TheoretikerInnen, PhilosophInnen erreicht werden kann, schafft’s Literatur auf andere Weise, verheerende Verhältnisse sicht- und nachvollziehbar zu machen, desaströse Verwicklungen zu illustrieren. Dass das Private politisch ist, dass der Mangel an zwischenmenschlichem Respekt, Wertschätzung, Wohlwollen respektive das als nicht außergewöhnlich, als „normal“ geltende „aversive Gehabe“ als feindseliger Umgang mit Menschen und Menschengruppen etwas bedeutet, was zu erörtern bzw. „aufzudröseln“ enorme soziale Relevanz hat, offenbart sich nicht bloß im „Todesarten“Zyklus.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns – „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) – ; wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Wer wäre hier „wir“? Ein riesiges Gelände an Lebens- und Beziehungsformen tut sich bei einer solchen Frage auf, denn Menschen lieben so und so und völlig anders: je nach Herkunft bzw. Gesellschaftsstrukturen, je nach Individuations- und Sozialisationsprozessen, je nach Kindheits- und Jugendtagen bzw. Bindungsprägungen und inneren Arbeitsmodellen, je nach Charakterentwicklung, diversen Erfahrungen und sich dazu gesellenden Ängsten, Bedürfnissen, Handicaps, Vermeidungsstrategien, Vorlieben, Wünschen, Zwängen etc. 

Zu Bachmanns Anfang der Siebziger getätigtem Ausspruch ein hoffentlich nicht allzu ausschweifender Kommentar: In einer „Herr-Knecht“-Weltordnung empfinden, denken, agieren oder reagieren weder Herr noch Knecht frei und offenherzig. Die Beeinflussung durch nicht nur institutionell bewahrte, in individuellen wie kollektiven Hinsichten wirksame Muster, mit deren Hilfe sich die Realität massiver Ungleichheit (als scheinbar einzig mögliche oder bestmögliche) festigt und fortführt, betrifft alle – den Knecht und den Herren. Aber letzterem, dessen privilegierte Situation ihm in der Praxis die Kenntnis oder Erkenntnis der Gesamtheit der sozialen Tatsachen erschwert (zumindest die permanente aufrichtige Akzeptanz dieser Erkenntnis), geht’s eindeutig besser, und zwar auf Kosten des Knechts. Da mag der feine Herr (oder die feine Dame) noch so gebildet sein und Cicero zitieren können: Aus der begünstigten Position, auf dem hohen Ross dahintrabend, kann man immerwährend blind für die Nöte des Fußvolks bleiben, auf dessen Schultern letztlich alles lastet, dessen Maloche die eigene behagliche Lebensführung überhaupt erst ermöglicht. Und insofern hat man nicht verstanden, was wie läuft. Die sämtliche Bereiche durchdringende, auf unfairer Verteilung von Vermögen (ökonomischem, kulturellem, sozialem Kapital) und echten Chancen (nicht lediglich de jure) basierende hierarchische Konstellation stellt eine ganz und gar gewalttätige dar, verstümmelt jedes Selbst und beschränkt, verfälscht, negiert „den unvoreingenommenen Blick“ auf das, was ist. Dessen ungeachtet kommen Reproduktionen der Herrschaftsverhältnisse de facto den Herrschenden zugute. Sie profitieren davon. Das Tückische: Was im Grunde willkürlich, sozial konstituiert ist, vermittelt sich als naturgegeben oder gottgewollt oder wird TINA-mäßig (there is no alternative) propagiert. So verteidigen leider auch Ausgebeutete die Argumentations- oder Rechtfertigungsschemata des sie ausbeutenden Machtgefüges beziehungsweise bedienen sich des üblichen Legitimationsapparats. Denn das ist der Rahmen, in dem sie, in dem „wir“ Wirklichkeit zu erfahren lernen, in dem sie, „wir“ als Selbst (auf)wachsen oder schrumpfen. Etliche Benachteiligungen und Grausamkeiten werden „uns“ von klein auf als „well, that’s life!“ eingetrichtert. Leute, die konstatieren, dass Frauen, die ihren Leib zu einem ständig zu optimierenden Ding, zu einem Bild, degradieren, die nicht nur ihr Äußeres, die körperliche Erscheinung, sondern damit ihre Existenz mittels eines Individuen vergegenständlichenden Male Gaze „abchecken“, selbst schuld seien, haben mitunter nicht begriffen, wie hiesige heutige patriarchale Macht funktioniert. (Und wie sollen sie, wenn sie sich nicht genauer damit beschäftigen (konnten/wollten/mussten)?) Was die Verachtung von Mädchen und Frauen anbelangt, so wissen wir mittlerweile, dass sie sich nicht als „Nebenwiderspruch“ fassen oder bekämpfen lässt. Dennoch ist’s meiner Meinung nach ungemein bedeutsam – und ich schreibe das als Feministin –, nicht in isolierten „sex/gender“ Hinsichten zu urteilen, sondern andere Kategorien zu integrieren, die komplexeren Zusammenhänge zu eruieren bzw. jeweils zu differenzieren. (Als wohlhabende Direktorin eines renommierten Museums führe ich vermutlich ein komfortableres, luxuriöseres, selbstbestimmteres Leben als ein Feldarbeiter in Süditalien. Nichtsdestotrotz ist die Wahrscheinlichkeit, domestic violence zu erleiden, um ein Vielfaches höher.)

Bachmanns Satz, dass Männer unheilbar krank seien, bringt also den Umstand zur Sprache, dass jene eben nicht nur Nutznießer des Patriarchats, sondern – qua Geburt zu „künftigen Befehlenden“ auserkoren, wenigstens fürs „Oikos“-Umfeld – in der Entfaltung sozialer Intelligenz heftig minderbemittelt sind, in der Ausbildung und Ausübung zwischenmenschlicher Fähigkeiten immens beeinträchtigt wirken, z.B. in Sachen „Empathiepotential“ einiges zu wünschen übrig lassen. (In Sozialen Medien wird derzeit gerne der Terminus der „Toxischen Männlichkeit“ verwendet – eine „Männlichkeit“ als armselige, besitzergreifende, das weibliche Gegenüber  erniedrigende, verobjektivierende, vernichtende Verweigerung von Menschlichkeit. Und Misogynie ist ja nirgends passé. Ganz im Gegenteil: Denken wir an die Millionen, die an den Lippen stupider Manosphere-Apologeten hängen!)

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ein Blick auf Bestseller-Listen genügt, um den Kopf zu schütteln und zu entgegnen: „Offenkundig nicht immer.“ Beziehungsweise: „Anscheinend nicht.“ Aber: Wenn man „Martyrium“ nicht bloß als „Schmerz, Leidensgeschichte, Dornenweg“ interpretiert, sondern sich – ein wenig zwischen Wortgebrauchsfunktionsebenen switchend – in einem der Bedeutungshorizonte des griechischen Substantivs (η/ο μάρτυρας: die Zeugin/der Zeuge (jemand, die/der etwas erleidet oder erlitt (im Sinne von „gesehen/gehört/gerochen hat“ usw., im Sinne von „präsent gewesen ist“, „mittendrin“)) bewegt, könnte man eventuell behaupten: Sogar kitschige oder triviale oder stereotype Wahrnehmungs- und Urteilsmuster wiederkäuende oder verstärkende Literaturerzeugnisse, sogar schauderhafter Verdummung dienende Kulturindustriewaren, legen – nämlich notwendigerweise, ob die Autoren und Autorinnen dies intendieren oder nicht – von irgendetwas Zeugnis ab: und sei’s „die jeweilige Beschaffenheit der Aufmerksamkeitsökonomietechniken des Bücher- und Kunstmarkts“, „die Ansammlung blinder Flecken in einer bestimmten Gesellschaft/Epoche“, „der gängige Erfolgs-, Liebes-, Glücksbegriff“, „der oberflächliche Zeitgeist“ etc. (Alles, was „geschaffen wird“, entspringt Kontexten, die weit über die schöpferischen Leistungen Einzelner hinausreichen.) Kritische Literatur (auch kritische Kunst) bemüht sich mehr oder weniger bewusst und redlich, ein Zeugnis abzulegen, indem sie davon berichtet oder das veranschaulicht, was ist und/oder war, oder indem sie davon erzählt oder phantasiert, was wann wo sein könnte. 

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben? 

Um mich zur Abwechslung mal kurz zu fassen: Vgl. Antworten auf Frage eins plus Frage zwei. 🙂

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt? 

Oh, ich fürchte, ich hätte ihr wohl Löcher in den Bauch gefragt. Jede Menge würde mir da einfallen, sowohl zu ihren Schriften, z.B. zu den Radioessays, insbesondere den Ausführungen bzgl. Simone Weil, Musil und Wittgenstein, als auch zu einigen biographischen Begebenheiten. Erschiene sie jetzt plötzlich im Kaffeehaus und könnte ich länger mit ihr sprechen, würde ich ihr die „Schwarzen Hefte“ Heideggers überreichen und sie fragen, ob sie sich derartige antisemitische Tiraden des Schwarzwaldphilosophen je hätte vorstellen können. Auch wüsste ich gerne, wie sie seinerzeit ihr Studium (v.a. bzgl. Philosophie; Viktor Kraft, bei dem sie promovierte; jedoch auch Typen wie den Austrofaschismus unterstützenden Leo Gabriel) und den Literaturbetrieb erlebt hatte. Und über ihre Reise nach Ägypten würde ich gerne mehr hören.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne? 

Zum einen: Das Entstehen meiner Lyrik entziehe ich jeder geschäftigen Projekt- und Verwertungslogik. Seit Jugendtagen gehört’s zu meiner Lebensform, den einen oder anderen Vers zu notieren. Es passiert im Alltag, hat sich mir einverleibt.

Zum anderen: Sobald ich wieder weniger Stunden in der Erwachsenenbildung unterrichte – was mir ab Herbst möglich sein sollte, eines kleinen Stipendiums wegen –, möchte ich mich einer neuen Romanidee widmen.

Drittens hoffe ich, nicht zu vergessen, mir seit Jahren vorgenommen zu haben, irgendwann ein Drehbuch zu verfertigen. Da muss oder möchte ich vorher zumindest Grundlagen des nötigen Handwerks lernen.

Außerdem finde ich die Vorstellung verlockend, mit Essays zu beginnen. (Man sieht: Weniger ausgereifte Pläne, eher ausladende Blüten treibende Wunschträume.)   

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten? 

Bevor ich zu lang überlege, welchen Textausschnitt ich auswähle, nehme ich drei. 

Zwei Zitate aus den „Frankfurter Vorlesungen. Probleme zeitgenössischer Dichtung“:

• „Mit einer neuen Sprache wird der Wirklichkeit immer dort begegnet, wo ein moralischer, erkenntnishafter Ruck geschieht, und nicht, wo man versucht, die Sprache an sich neu zu machen, als könnte die Sprache selber die Erkenntnis eintreiben und die Erfahrung kundtun, die man nie gehabt hat.“ 

(„Fragen und Scheinfragen“)

• „So ist die Literatur, obwohl und sogar weil sie immer ein Sammelsurium von Vergangenem und Vorgefundenem ist, immer das Erhoffte, das Erwünschte, das wir ausstatten aus dem Vorrat nach unserem Verlangen – so ist sie ein nach vorn geöffnetes Reich von unbekannten Grenzen.“ 

(„Literatur als Utopie“)

Und zum Abschluss die erste Strophe ihres Gedichts 

„WAS WAHR IST“ (in: „Anrufung des Großen Bären“)

„Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen,

was wahr ist, bitten Schlaf und Tod dir ab

als eingefleischt, von jedem Schmerz beraten,

was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab.“

Herzlichen Dank für das Interview!

 Isabella BreierSchriftstellerin _ Wien

Zur Person_Isabella Breier

*1976 in Gmünd/NÖ; aufgewachsen in Wels; Studium der Philosophie und Germanistik in Wien; 2000: Geburt ihrer Tochter Hannah Medea; 2005: Dissertation zu Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ und Wittgensteins „Sprachspielbetrachtungen“; seit damals u.a. Lehrkraft für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache; regelmäßige Aufenthalte in Südmexiko; zahlreiche Veröffentlichungen (Lyrik, Prosa) in Literaturzeitschriften und Anthologien

Aktuelle Veröffentlichung: Kosmo, Roman. Septime Verlag. 2026.

Kosmo, Isabella Breier. Roman. Septime Verlag. | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Isabella Breier _ privat

Walter Pobaschnig, 19.7.2026

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