„Liebe Frau Bachmann, ich würde mich so gern bei einer Schachtel Zigaretten mit Ihnen über Ihre Sicht auf die heute herrschenden Machtverhältnisse unterhalten.“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Sonja M. Schultz, Schriftstellerin _ Berlin 16.8.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Sonja M. Schultz, Schriftstellerin

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Sonja M. Schultz, Schriftstellerin _ Berlin.

Liebe Sonja, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ich habe mich für mein Filmbuch über zehn Jahre lang in die Themen Nationalsozialismus, Holocaust, deutsche Erinnerungskultur und deren Abwehr gegraben. Dabei war für mich zentral, dass der Faschismus kein fernes, abgeschlossenes Kapitel der Historie ist, sondern eine ständige Möglichkeit menschlichen Denkens und Handelns. Ein Ereignis, das seine strukturellen Wurzeln in Autoritarismus, Nationalismus, patriarchalem Besitzdenken und Gewaltlust hatte. Eine Geschichte, die weiter in uns wirkt und fortgeschrieben wird, wenn man sich ihr nicht bewusst entgegenstellt. Diese Sicht war, nach meinem Verständnis, auch die von Ingeborg Bachmann – bei ihr mit einem speziellen Fokus auf die Geschlechterverhältnisse. Sie hat gegen das faschistische Gift in den zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Machtbeziehungen angeschrieben.

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?

Mich interessiert, wie sie mit den Mitteln der Sprache das Instrument Sprache selbst kritisch befragt, auseinandernimmt, auf Tauglichkeit und Versagen prüft. Wo ist Sprache Propaganda, Ideologe und führt zu Gewalt? Wo lügt und verschleiert sie? Verkitscht sie die Zustände? Wo wird sie untauglich, hilflos, Stotterei? Wie ist es möglich, nach Auschwitz Poesie zu schreiben? Wie viel mehr Wahrheit über die Menschen lässt sich in einem Gedicht unterbringen als in einem wissenschaftlichen Text? Und: Wie klingt dieses Gedicht?

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?

Kein einzelnes Werk – mehr mein ganz persönliches Bachmanngefühl. Für mich liegt eine große intellektuelle Sexyness in ihrem Spektrum zwischen scharfer Analyse und experimenteller Sprachlust. Gepaart mit ihrem tief empfundenen ethischen Anspruch an Literatur.

Bevor ich je etwas von ihr gelesen hatte, wusste ich nur, dass sie mit einer Zigarette im Bett eingeschlafen war, und ich kannte ihren Satz „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“. Den habe ich viel zitiert: ohne Wahrheit keine Entwicklung, keine Mündigkeit. Mit den Jahren bilde ich mir ein, immer mehr gelernt zu haben, was für ein weites Feld „Wahrheit“ sein kann, schwer zu erreichen und teils bis aufs Blut umkämpft. „Wahrheit“ ist der Begriff, den ich am meisten mit Ingeborg Bachmann verbinde.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Liebe Frau Bachmann, ich würde mich so gern bei einer Schachtel Zigaretten mit Ihnen über Ihre Sicht auf die heute herrschenden Machtverhältnisse unterhalten. Die zwischen den Geschlechtern, zwischen den superreichen Klassen und dem großen Rest, aber auch über die neuen Faschismen und ihre Auslöschungsfantasien, den Radikalkapitalismus und die sich zuspitzende globale Ökokatastrophe – und wie das alles zusammenhängt. Welche Marke rauchen Sie? Ich besorge vorsichtshalber eine ganze Stange.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Sie haben mit deutschen Kolonien in Afrika, einem Elefanten, einer abgezogenen Pferdehaut und einer lautstark platzenden Fruchtblase zu tun.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Lösch die Lupinen!

Herzlichen Dank für das Interview!

Sehr gern!

Sonja M. Schultz, Schriftstellerin

Zur Person: Sonja M. Schultz lebt, liebt, arbeitet als Autorin in Berlin.

2012 erschien ihr Filmbuch „Der Nationalsozialismus im Film. Von Triumph des Willens bis Inglourious Basterds“ im Bertz+Fischer Verlag, das auf ihrer Doktorarbeit und auf über zehn Jahren Auseinandersetzung mit der filmischen Verarbeitung menschlicher Abgründe basiert. 2015 fasste sie den Entschluss, sich nicht mehr nur monofokussiert mit Nazizeit, Krieg und Holocaust zu beschäftigen – und schon gar nicht mehr universitär –, sondern endlich ernsthaft literarisch zu schreiben. 2019 erschien ihr Debütroman „Hundesohn“ bei Kampa, 2025 ihr Ostpunkroman „Mauerpogo“ bei Blumenbar/Aufbau.

2026 erhielt Sonja M. Schultz den Anna Seghers-Preis.

Insta: sonja.m.schultz

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Sonja M. Schultz _ Maurus Knowles

Walter Pobaschnig, 6.7.2026

https://literaturoutdoors.com

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