50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Yla Margrit von Dach, Schriftstellerin, Übersetzerin _ Paris
Bachmannpreisnominierte 1980
Liebe Yla Margrit von Dach, Du hast 1980 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
Meine erste und bleibende Erinnerung ist der Anblick eines Teilnehmers, den ich am dritten Tag des Wettbewerbs in der Hotellounge am Tresen hängen sah. Er hatte am ersten Tag seinen Text vorgetragen und war bei den Kritikern sehr gut angekommen. Am Nachmittag sah man ihn umgeben von einem ganzen Schwarm von Journalisten und Bewunderern herumspazieren.
Am nächsten Tag lief ihm ein anderer Wettbewerbsteilnehmer den Rang ab. Der Schwarm der Journalisten und Bewunderer wandte sich dem neuen Favoriten zu, der erste fand sich völlig verlassen in einer wohl ziemlich unerträglichen Leere wieder, die er dann mit irgendwelchen alkoholischen Getränken aufzufüllen versuchte.
Auf mich wirkte dieses Erlebnis wie eine warnende Erkenntnis: Anerkennung und das damit einhergehende Hochgefühl können von einem Tag auf den andern in ihr Gegenteil umschlagen. Also verlass dich nicht darauf!
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Einerseits der Bezug zu Ingeborg Bachmann, dann auch die Ausstrahlung, die dieser Wettbewerb sehr früh schon bekam, und natürlich die Begegnung der Autor:innen mit Kollegen und Kolleginnen, aber auch die direkte Konfrontation mit den anwesenden Kritikern.
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Eher anstrengend. Auch ziemlich hart. Als Autorin hatte ich den Eindruck, dass einige Kritiker davon ausgingen, dass ungefähr alle, die an diesem Wettbewerb teilnahmen, von ihren schriftstellerischen Fähigkeiten derart überzeugt waren, dass man ihnen schon einmal eins auf den Deckel geben musste, um sie von ihrem Größenwahn zu befreien.
Zum Glück gab es in meinem Fall nicht nur den damaligen Literatur-Papst, der zu dieser Sorte zählte, sondern auch ein paar Jurymitglieder, die nachfühlen konnten, dass der oder die Schreibende immer auch ein Wagnis eingeht, dass man sich damit aussetzt und verletzbar macht, gerade wenn es sich um einen Text handelt, der nicht den gängigen formalen und stilistischen Kriterien entspricht. Ich bin dann aber doch während der restlichen Wettbewerbstage mit einem Gesicht herumgelaufen, das sich anfühlte, als wäre es zu einer Maske geworden.
Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deinen literarischen Stil wie auf Deine literarische Öffentlichkeit ausgewirkt?
Ich habe mich danach vor allem auf meine Arbeit als Übersetzerin konzentriert und mich auch nie in erster Linie als Autorin (und schon gar nicht als Romanautorin) verstanden, obwohl ich im Laufe der Zeit doch dann und wann wieder einen eigenen Text veröffentlichte.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Auf diese Frage kann mit gutem Gewissen nicht antworten. Ich habe die bisherige Entwicklung aus zu großer Distanz verfolgt.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Vielleicht ein Bewusstsein für dieses Menschliche, das ich oben angesprochen habe. Eine gewisse Behutsamkeit im Umgang mit den Autor:innen und ihren Texten. Der Bachmannpreis ist ja kein Autorennen. Auch kein Kurz- oder Langstreckenlauf. Schreiben ist doch auch nicht einfach die Produktion einer Ware, die sich am Ende möglichst gut verkaufen lässt, obwohl die Buchmessen allenthalben den Verdacht aufkommen lassen, dass es in vieler Hinsicht so ist.
Gerade Ingeborg Bachmann erinnert uns daran, dass dem Schreiben eine existentielle Notwendigkeit zu Grunde liegt, und dass die Form, die der oder die Schreibende dafür findet, ein nie endender Versuch ist, mit Sprache etwas auszudrücken, was sich der Sprache eigentlich entzieht. So dass man selbst nie ganz zufrieden sein kann und entsprechend dankbar ist, wenn sich jemand zwar kritisch, aber doch einfühlend auf den Text einlässt. Denn auch das Urteil der Kritiker dürfte letztlich nicht über alle Zweifel erhaben sein.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zu Person/Werk: Yla Margrit von Dach
BIOGRAFISCHE ANGABEN & BIBLIOGRAFIE JUNI 2026
Geboren am 24. Juni 1946 in Lyss (BE). Lehrerinnenseminar in Bern, ein paar Jahre Unterricht an einer Primarschule, Neuorientierung zu Journalismus und Publizistik (Arbeit beim Züricher Tagesanzeiger, Diplom für Publizistik an der Schule für Angewandte Linguistik Zürich, Schwerpunkt Schweizer Literatur), Zwischenspiel bei Pro Helvetia, Mitarbeit beim Aufbau des ersten Schweizer Kulturzentrums in Paris, lebt seit 1977 freischaffend abwechselnd in Biel und Paris.
Erste Aufträge als literarische Übersetzerin, vor allem Titel der ch-Reihe ab 1981, die in den ersten Jahren ausschliesslich beim Verlag Benziger erschienen.
Danach Zusammenarbeit mit verschiedenen Verlagen (s. Werkliste).
1990-91 Translator in Residence am Centre de Traduction littéraire (CTL) der Universität Lausanne.
In der Folge regelmässige Zusammenarbeit mit dem CTL wie auch mit dem Literaturinstitut in Biel (Seminare, Mentorate), sowie mehrere Jahre Leitung von Übersetzungsseminaren im Künstlerhaus Boswil.
Besorgte mehrere Jahre die Übersetzung der Zweimonatszeitschrift ANIMAN vom Französischen ins Deutsche.
EIGENE PUBLIKATIONEN:
– Geschichten vom Fräulein – ein Wörter-Buch Sauerländer, Aarau, 1982
– Niemands Tage-Buch – ein Trauman Zytglogge, Gümligen 1990
sowie Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften.
– PhiloZoo – Cortège der Tiere / Un Cortège des Animaux –Texte in 3 Sprachen zu einem erweiterten Carnaval des Animaux von Saint Saëns, Verlag die brotsuppe, Biel, 2007
– Kaleidoskop und Konterfei – Eine Welt in Spiegelsplittern, verlag die brotsuppe, Biel, 2019.
– MERCI LA VACHE – Histoires célestes et histoires terrestres en images et en mots – Éditions des Sables, Genève, 2025
Würdigungen:
Buchpreise des Kantons Bern für Geschichten vom Fräulein und Niemands Tage-Buch
1998 Förderpreis der ch-Reihe
2000 Prix Lémanique de la Traduction für ihre übersetzerische Arbeit.
2016 Terra Nova-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung für Melken mit Stil von Jean-Pierre Rochat.
2018 Spezialpreis Übersetzung des Bundesamts für Kultur.
ÜBERSETZUNGEN F- A
– Michel Layaz Les vies de Chevrolet – brotsuppe, Biel, 2023
– Antoinette Rychner Peu importe où nous sommes – Wo auch immer wir sind, brotsuppe, Biel, 2022
– Nathacha Appanah Tropiques de la Violence : Das grüune Auge – Lenos, Basel 2021
– Yvette Z’Graggen Juste avant la pluie : Kurz vor dem Regen – Lenos, Basel 2020
– Michel Layaz Louis Soutter probablement : Louis Soutter sehr wahrscheinlich –
verlag die brotsuppe, Biel, 2020
– Jean-Pierre Rochat Petite Brume : Nebelstreif – verlag die brotsuppe, Biel, 2019
– Antoinette Rychner Le Prix : Der Preis – verlag die brotsuppe, Biel, 2018
– Marius Daniel Popescu Les Couleurs de l’Hirondelle : Die Farben der Schwalbe – verlag die brotsuppe,
Biel, 2017
– Michel Layaz Le Tapis de Course : Auf dem Laufband – verlag die brotsuppe, Biel 2016
– Jean-Pierre Rochat L’Ecrivain suisse allemand : Melken mit Stil – verlag die brotsuppe, Biel 2015
– Markus Hediger Va t’en. Oublie. Geh. Vergiss. Gedichte – Wolfbach 2014
– Michel Layaz La Joyeuse Complainte de l’Idiot : Die fröhliche Moritat von der Bleibe – verlag die brotsuppe, Biel 2014
– Nicolas Bouvier Il faudra repartir : Es wird kein Bleiben geben – Lenos, Basel 2013 – TB 2016
– Henri Roorda Le roseau pensotant : Das denkelnde Schilfrohr – Ausgewählte Chroniken – verlag die brotsuppe, Biel 2013
– Henri Roorda Mon internationalisme sentimental : Ein lauwarmer Planet mit Läusen –
verlag die brotsuppe, Biel 2011
– Sandrine Fabbri La Béance : Dieses endlose Schweigen – Lenos Verlag, Basel, 2011
– Henri Roorda Mon Suicide :Mein Selbstmord – verlag die brotsuppe, Biel. 2010
– Pierre Rouyer Am Puls der Wildnis – Der Schweizerische Nationalpark –Les éditions du Midi, Lausanne, 2008
– Jean-Pierre Richardot Une autre Suisse : Die andere Schweiz, Aufbau, Berlin 2005 ( mit Gabriela Zehnder)
– Nathacha Appanah Blue Bay Palace Blue Bay PaLACE, Lenos, Basel 2006
– Jean-Claude Boré/Gil Pidoux Worte der Wüste (Fotoband mit Gedichten) Slatkine 2003
– Janine Massard Trois mariages : Drei Hochzeiten – eFeF-Verlag, Bern 1999
– Henry Troyat Rasputin: Rasputin – Artemis 1998
– Sylviane Châtelain Le Manuscrit : Das Manuskript – eFeF-Verlag, Bern 1998
– Alice Ferney L’Elégance des Veuves Eine Kette schöner Frauen –Rowohlt 1997
– Catherine Colomb Pile ou Face Kopf oder Zahl – eFeF-Verlag, Bern 1997
– Jean-Michel Thibaux Das Eisige Gold – Benziger 1996
– Sylviane Roche Le Salon Pompadour Der Salon Pompadour – Benziger 1995
– Jean-Michel Thibaux Les 7 Esprits de la Révolte : Die sieben Geister der Revolte Benziger, 1993
– François Debluë Trouble Fêtes : Jubel Trubel – 1992
– Jean-Michel Thibaux Les Ames Brûlantes : Die brennenden Seelen –Benziger, 1991
– Christophe Gallaz Mozart –La Joie de Lire, Genève 1990
– Marie-Claire Dewarrat Carême Im Winter des Kometen – 1989
– Marc Vuilleumier Flüchtlinge und Immigranten in der Schweiz – Pro Helvetia, Zürich 1989
– Jean-Michel Thibaux L’Or du Diable : Das Gold des Teufels –Benziger, Zürich 1989
– Monique Laederach Trop Petits pour Dieu Zu klein für den lieben Gott – 1988
– Anne Marie Im Hof-Piguet Fluchtweg durch die Hintertür – Im Waldgut, 1987
– Catherine Safonoff Retour Retour Die Umkehr – 1986
– Monique Laederach La Femme séparée Allein durchs Labyrinth – Schweizer Verlagshaus, Zürich 1985
– Alexandre Voisard L’année des Treize Lunes Das Jahr der dreizehn Monde – 1985
– Marie Féraud Wie Engel ohne Flügel Sauerländer, 1982
– Michel Campiche L’Enfant triste : Das traurige Kind – 1981
Theaterstücke (F-A) :
– Olivier Chiacchiari Hypothese 667 (dans le cadre de VOX, 2009)
– Michel Beretti Darwin (commande de la snat 2009)
– Nacer Khemir Disparition oder Ich will hier raus 2007 – joué au Spiegeltheater Zürich
– Michel Beretti De la Nature des Choses : Die Natur der Dinge, SSA 2003
– Isabelle Daccord Les Rats les Roses : Die Ratten, die Rosen publié par la SSA, 2001, mis en scène par Gisèle Sallin au Théâtre des Osses Fribourg
– Isabelle Daccord Le Grabe : Der Grabe, publiziert durch die SSA, 2000
– Gisèle Sallin/Marie-Hélène Gagnon les enfants de la truie – tragicomédie 1993
Theaterstücke (A-F) :
– Marianne Freidig Neger im Schnee : Des nègres dans la neige, 2012 – Lecture scénique auThéâtre des Osses, Avril 2013
– Marianne Freidig Top Kids : Top Kids, 2012 – Lecture scénique au Théâtre des Osses, April 2013
– Laura de Weck SumSum Dramatique radiophonique (A-F) 2010
– Marianne Freidig Poison– La restitution du Paradis (2009) Lecture scénique au, Thèâtre des Osses, 2009
Verschiedene Texte
– Dominique de Rivaz Un Selfie avec Tchekhov (essai filmique, documentaire) 2021
– Chtistiane Yvelin Patrimoine en héritage – Kulturerbe als Vermächtnis – Till Schaap Edition, 2021
– Catherine Bolle Des eaux nomades (trad. : un texte de Sylviane Dupuis) – Till Schaap Edition, 2021
– Matthieu Enard Kommando Dürrenmatt – Texte paru dans l’ Anthologie en hommage à Friedrich Dürrenmatt, Vom Dorf um die Welt und zurück, Diogenes, Zürich, 2021
Beiträge in Zeitschriften. u.a. :
Revue Versants Henri Roorda – le charme d’un suicide
Revue La cinquième saison (no 10) Disparaître, pour être là
Viceversa Nr. 17 (Trotz) François Debluë, Der Kindheit in dir (Gedichte)

Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Yla Margrit von Dach _ privat
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/Wörthersee _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 27.6.26