„Eine radikale Offenheit“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Clemens Schittko, Schriftsteller _ Berlin 20.7.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _ Clemens Schittko, Schriftsteller _ Berlin

Lieber Clemens, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

Ich schreibe Lyrik, seitdem ich 15 oder 16 bin. Da kommt man um Bachmann eigentlich nicht herum. Ihre Gedichte habe ich das erste Mal mit 18 oder 19 gelesen. Und dann immer wieder. Wenn auch in den letzten Jahren seltener. Aber vielleicht ändert sich das mit ihrem 100. Geburtstag.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Eine radikale Offenheit. Das Festhalten an der Liebe, obwohl gerade Bachmanns Zeit von so viel emotionaler Kälte geprägt war. Das Existentielle. Die Ernsthaftigkeit – bis hin zur Melancholie. Eine gewisse Zartheit. Die Suche nach (einer) Wahrheit, sofern so etwas überhaupt gibt.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?

Natürlich Die gestundete Zeit und Anrufung des Großen Bären. Warum? Weil da etwas Dunkles ist, etwas, das nicht aufgeht und von Hölderlin über Trakl bis zu etwas reicht, das noch zu schreiben ist. Außerdem ist da eine Kraft in den Gedichten, in den Bildern, die Individuelles und Politisches auf einzigartige Weise zusammenführen und sie bis heute sowohl für Konservative als auch für Progressive interessant machen.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ob sie Rolf Dieter Brinkmann gelesen hat und was sie von seiner Lyrik hält. Beide hätten sich 1972/73 in Rom begegnen können. Ein Treffen ist aber nicht belegt.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich möchte ein dreiteiliges Langgedicht über den Anfang, die Gegenwart und das Ende des Universums schreiben. Zudem suche ich für zwei bis drei Manuskripte mit Langgedichten einen neuen Verlag.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Einen einzigen Satz haltbar zu machen,

auszuhalten in dem Bimbam von Worten.

(zit. aus dem Gedicht Wahrlich)

Herzlichen Dank für das Interview!

Clemens Schittko, Schriftsteller

Zur Person: Clemens Schittko, geboren 1978 in Berlin (Ost). Ausgebildeter Gebäudereiniger und Verlagskaufmann. Arbeitete u. a. als Fensterputzer, Lektor, Kirchwart, Gärtner, Empfangskraft und Lagerarbeiter. Recherchestipendium des Berliner Senats 2021. Zuletzt erschienen: nur Sex(XS-Verlag, Berlin 2024). Lebt in Berlin(-Friedrichshain).

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Clemens Schittko _ privat

Walter Pobaschnig, 13.5.26

https://literaturoutdoors.com

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