„Wie bauen wir aus Düsternis, Trümmern und Verzweiflung etwas Neues?“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Gunther Neumann, Schriftsteller _ Wien 19.7.2026

Ingeborg Bachmann _ Gunther Neumann

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _ Gunther Neumann, Schriftsteller  _ Wien

Lieber Gunther, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

In meiner Schulzeit blieb mir Bachmann verschlossen. Als Erstes hatte ich von ihrem tragischen Tod gehört. Und dann gerade vom Todesarten Zyklus. Wohl nicht zufällig unvollendet.

Meinerseits mehr Fragen als Analysen: Wie bauen wir aus Düsternis, Trümmern und Verzweiflung etwas Neues – nicht nur sprachlich? Wie gehen wir mit Machtansprüchen und den Wunden verheerender Gewalt um. Und wie können wir sie als Einzelne verarbeiten, da sich das Kollektive, Politische nur zögerlich oder in Lippenbekenntnissen damit befassen wollte.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Wie jede große Literatur ist sie unter die Oberfläche der Wirklichkeit, in tiefere Schichten der Realität vorgestoßen.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Ohne Geringerschätzung anderer Werke: Das dreißigste Jahr hat mich schon mit 25 berührt, mit 35 in den Bann gezogen, mit 45. Statt einer Exegese ihrer Werke (das können andere besser) nur eine Ermunterung: Sie lesen.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ihre literarische wie gesellschaftliche Fragen erscheinen mir nicht ortlos, aber zeitlos. Nach dem Scheitern diverser -ismen zur Weltenrettung im 20. Jahrhundert bleibt unser Verlangen nach universell anwendbaren Formeln zur Befreiung – die es nicht gibt. Antworten in einer immer wieder neuen Sprache müssen wir, muss jede Generation neu ergründen, und prüfen. Persönlich UND gemeinsam. Auch das Vertrauen will ertastet werden, aufgebaut, gepflegt.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Frag‘ mich etwas Leichteres … Allzu oft eine Kampfzone, individuell, politisch. Die existentielle Sehnsucht nach Vertrauen bleibt, und auch unsere Verletzlichkeit. Einfache oder gar pauschale Antworten habe ich keine.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Dem Begriff „Martyrium“ haftet etwas Religiöses an. Jede Art von Kreativität und Kunst hat in der nötigen Innenschau etwas Abgründiges und auch Einsames. Wenn es gelingt, das Ergebnis des Ringens zu teilen, dann lohnt es sich. Und wenn es Resonanz bei anderen Menschen findet, dann ist es mehr, als wir hoffen dürfen. Im Schreiben, im Leben.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Was große Literatur oft ausmacht: Die Verflechtung individueller Schicksale und gesellschaftlicher Geschichte. Und das lyrische Schreiben, das Ertasten des sonst Unsagbaren – mit all ihrer Sprachskepsis.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hätte ihr gerne zugehört, ohne etwas zu fragen. Falls doch: Wie kommen wir – unbeschadet an Körper und Seele – durch diese Zeiten?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Über ungeborene Dinge möcht‘ ich lieber schweigen. Und außerliterarische Aufgaben überwiegen im Moment.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Wo sie in Malina ihrerseits Antonio Gramsci zitiert: „Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“

Herzlichen Dank für das Interview!

Ebensolchen Dank meinerseits!

Gunther Neumann, Schriftsteller 

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Gunther Neumann _ privat.

Walter Pobaschnig, 11.5.26 

https://literaturoutdoors.com

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