„Es steht alles auf dem Spiel“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Josef Golderer, Schriftsteller _ Köln 11.7.2026

Ingeborg Bachmann _ Josef Golderer

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Josef Golderer, Schriftsteller _ Köln

Lieber Josef, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Meine erste Begegnung mit ihrer Poesie war in meiner Schulzeit – ganz klassisch mittels des Deutsch-Lesebuch. Da war ein Ton, der mich jungen Schüler sehr mitgenommen hat, ohne dass ich es damals in eigene Worte zu fassen vermochte – zu begreifen, was mich ergriff. Viele Jahre später denke ich, es war gut so. Die Wortlosigkeit gegenüber dem poetischen Wort darf sein, auch wenn das nicht in den Schulalltag passt. Das Gedicht ist mir noch immer als schwebende Erinnerung gegenwärtig. Jedenfalls hatte es mich so beeindruckt, dass ich einen Auszug daraus viel später in einem eigenen Romanentwurf übernommen habe. Ein Zitat daraus wird an späterer Stelle in diesem Interview noch folgen.

Hinzu kommt, dass ich Bachmanns Dichtung und dann biographische Informationen als junger Schüler fast genau zu der Zeit kennenlernte, als sie auf so tragische Weise ums Leben gekommen war. Schon aus dieser persönlichen Erfahrung heraus ist ihre poetische Sprache für mich mit einer in der Tiefenstruktur angelegten existentiellen Verlorenheit konnotiert, vielleicht so, wie es vielen mit der Musik von Mozart ergeht, die hinter den luftig schwebenden vordergründig so schönen Klängen den frühen Tod in der Struktur der Musik zu erahnen vermögen.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Das, was ich in jungen Jahren schon erahnen durfte, sollte sich bestätigen, als ich im späteren Leben einen breiteren und tieferen Zugang zu ihrem Werk fand. Ich fühlte mich angesprochen – von ihren Gedichten, von ihren Essays, ihrem erzählerischen Werk –  in einer tief beunruhigenden und verstörenden Weise, Kafkas Axt im gefrorenen Meer. Ich lernte, ihre Sprache mit den Mitteln der Literaturwissenschaft zu untersuchen, die metrische Form ihrer Gedichte zu bestimmen, die Stilmittel ihrer Prosawerke mit dem Werkzeugkasten der Literaturwissenschaft zu analysieren – und fand: Nichts! Jedenfalls keine Antworten, die jenseits des formal technischen Aufbaus und der poetischen Struktur mir eine befriedigende Erklärung liefern konnte, was die manifeste Dunkelheit in der Tiefenstruktur hinter der sprachlichen Schönheit ausmacht. Es zeigt sich etwas zutiefst Unauflösbares: „Es gibt keine letzte Verlautbarung“, schreibt Bachmann in ihrer Untersuchung über „Das schreibende Ich“, und weiter, es gäbe über das „Ich keine Einigung – als sollte es keine Einigung geben über den Menschen, sondern immer nur neue Entwürfe. (…) Als wäre eine Fastnacht für das Ich veranstaltet, in der es bekennen und täuschen, sich verwandeln und preisgeben kann, dieses Ich, dieses Niemand und Jemand, in seinen Narrenkleidern. (…) Es gibt keine letzte Verlautbarung.“
Wenden wir dies auf ihr wohl bekanntestes Prosa-Werk an, den Roman Malina, so erweist sich das in literarischer Praxis in aller phänomenologischen Abgründigkeit des auktorialen weiblichen Ichs. Sehen wir sie, in Venedig, an Wien denkend:
 „“Ich allein bin eine dunkle Geschichte. Es ist nur der Motor zu hören, es ist schön auf dem See, ich stehe auf und halte mich am Fensterrahmen fest, am anderen Ufer sehe ich schon eine schäbige Lichterkette, verloren und übernächtig, und meine Haare wehen im Wind.“ Und dann aus dem off: „und kein Mensch außer ihr lebte, und sie hatte die Orientierung verloren“.
Es steht immer etwas auf dem Spiel. Es steht alles auf dem Spiel.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
 
Ich mag ihre frühen Gedichte, nicht nur, weil dort die erste Begegnung der Jugendzeit mitschwingt. Das, was Michael Maar an Bachmann als Erfindungsreichtum der Sprache rühmt, weniger eine Form von Neologismen als vielmehr eine oft verblüffende Übertragung von Worten, die phänotypisch in einen anderen, genuin unpoetischen Bereich gehören. Siehe etwa die „gestundete Zeit“-  Stundung, ein Terminus, der in die Finanz- und Juristensprache gehört.

Von ihren Prosawerken sicherlich Malina – ein Brennpunkt ihrer Themen zu Fragen nach Identität, Ichzersplitterung, Gewalt in Beziehungen und Grenzen von Sprache, gerade weil sich nichts darüber hinaus Verweisendes finden lässt. Alles was das Ich ausmacht, ist seine Sprache. Dahinter ist nur die metaphysische Leere.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Immer geht es ihr auch um Machtverhältnisse in ihrem Schreiben. In ihrer Sprache, in den dort verhandelten Beziehungen und Selbstzuschreibungen, als Muster, dass sich bis heute vielleicht in ein wenig subtilerer Form aber offensichtlich erschreckend hartnäckig bewahrt hat, gegen alle Bewegungen, Aufklärungsansätze, die es in den letzten 50 Jahren gegeben hat. Insofern ist ihr Schreiben erschreckend aktuell.
Beunruhigend wirken auch die Formen, deren sich die Autorin bedient um das Zerstörerische bis hin in die Psyche festzustellen, teils als eine furchtbare Form von Masochismus, die sich vielleicht als dunkler Ausweg erweist, wenn gegenüber der Ohnmacht des unerbittlichen  Ausgeliefertsein an die Grausamkeit der Machtstrukturen nichts, aber auch gar nichts übrigbleibt. Michael Maar hat das ein wenig ratlos als eine subtil-schwarze Form von Humor katalogisiert, wenn die Erzählerin konstatiert: „Ich, zum Beispiel, war sehr unzufrieden, weil ich nie vergewaltigt worden bin. (…) Aber außer ein paar Betrunkenen, ein paar Lustmördern (…) hat kein normaler Mann mit normalen Trieben die naheliegende Idee, daß eine normale Frau ganz normal vergewaltigt werden möchte.“
Wie kann man die Zerstörung einer Seele durch den Überdruck patriarchaler Gewalt drastischer zum Ausdruck bringen?


Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

„Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe“ – so heißt es der Preisrede der Dichterin von 1959 mit dem Titel „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“.
Darin drückt sich explizit ihr erlebtes und geschriebenes Verhältnis zur Liebe aus. Nicht nur die Wahrheit über sondern auch die Liebe selbst bleibt dem Menschen zumutbar. Darin spricht natürlich auch ihre eigene Erfahrung in den komplizierten Herzensbeziehungen zu den Dichterkollegen Paul Celan und Max Frisch. Heute würde man wohl beide Beziehungen als mehr oder wenige toxische einstufen. Sie hat es versucht – so wir es heute dennoch immer wieder versuchen. Wir lieben also vielleicht nicht anders als Bachmann – wir lieben mit Bachmann. Und immer noch wird weiter gerungen um das Phänomen, auch poetisch, wie schon immer, seitdem die Menschen ihre Welt literarisch zu verarbeiten suchen, ob sie nun Sappho oder Ovid heißen, Ingeborg Bachmann oder in jüngster Zeit Elke Schmitter oder Thomas Hettche.

Für Bachmann stellt sich Liebe als ein „dunkler Erdteil“ dar (so der Titel eines Gedichtes), welcher der Logik des Bildes nach sowohl als unheimlich unvertrauter Ort ängstigt als auch den Forscher- und Abenteuergeist des Menschen herausfordert.
„Der Panter steht allein im Liebesraum.
Er setzt herüber aus dem Tal des Todes,
und seine Pranke schleift den Himmelssaum“

Und wenn Bachmann als weltverlorenes Wesen aus der dunklen Abgründigkeit des Wassers, als mythopoetisches weibliches Ur-Wesen, als Undine, notwendig scheitert am Ideal der Liebe und in dialektisch-tragischer Wandlung nur den Tod hinterlassend, wie schon in der dunklen Romantik Friedrich de la Motte-Fouqués, aus der Tiefe nur ihre Trauer, ihre Wut hinausrufen kann – dann ist hier dennoch die Bewegung bemerkenswert.
Von Bitterkeit und Wut über die „Ungeheuer mit Euren Frauen“ über Verständnislosigkeit (haben sich Liebende je verstanden in der Tiefe außerhalb des Wassers), bis hin zu vorsichtig tastender Anerkennung und dem erstaunlichen Finale, nicht mehr als ein hauchzarter, fast schon wieder im Moment des Aussprechens verklungener Ruf, transportiert zwischen den Elementen Luft und Wasser:

„Komm. Nur einmal.
Komm“


Wir machen weiter. Dennoch.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Daraus würde ich kein apodiktisches Urteil bilden. Ich kenne die Person der Autorin natürlich nicht, ich habe nur ihre Texte und keine wirklich intime Innenschau, von der ich sprechen könnte.

Ich kann ihr nur wünschen, dass ein wenig Wandlungskraft neben persönlichem Leid aus Schreibkraft flösse, ein wenig so, wie Goethe seinen tragischen Dichterhelden Torquato Tasso sprechen lässt:
„Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide.“


Vielleicht dies – oder ist es zu schmerzhaft, dieses „to turn blood into ink“, mit T.S: Eliot zu sprechen? Spricht daraus eine Wahrheit, die nicht nur den Lesern zumutbar ist sondern auch für sie eine Zumutung bleibt? All das bleibt wohl für immer verborgen – irgendwo in der Tiefe des Wassers.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Das – so scheint mir – habe ich in den vorhergehenden Fragen implizit schon mit erörtert und herausgehoben. Der Rest sei Schweigen.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Sie ist nun schon lange verstorben, und zu ihren Lebzeiten war ich noch Kind, viel zu jung für die substantiellen Fragen, die mich heute bewegen würde. Eine Zeitmaschine zurück in ihre Zeit, schwer vorstellbar. Nach einem halben Jahrhundert liegt doch schon eine Ferne zwischen ihr und uns, den Epigonen des 21. Jahrhunderts. Aber ich möchte etwas aufgreifen, was ich schon in einer vorhergehenden Frage dargestellt habe:

Am ehesten in der Phantasie vorstellen kann ich mir eine Séance – bei der ich ihren melancholischen Geist (ich kann mir nicht anders vorstellen) fragen würde, ob sie eine Möglichkeit gesehen hätte, irgendwann auch im Leben Frieden und Ruhe zu finden in der Kraft ihrer Sprache, ihrer Poesie, durch all die Unruhe hinter ihren Worten hindurch – oder ob beides, Sprache und Leben, immer ein Kampfplatz bleiben müsse.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Längst begonnene Projekte (eine Erzählung und ein Romanentwurf, weitere Gedichte) warten darauf, sie bald wieder aufzunehmen. Ich hoffe, das gelingt mir bald, in den nächsten Wochen.


Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

Herzlichen Dank für das Interview!

Josef Golderer, Schriftsteller

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto_ Josef Golderer _ privat.

Walter Pobaschnig, 10.5.26

https://literaturoutdoors.com

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