
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Ulrike Damm, Schriftstellerin und Künstlerin _ Berlin
Liebe Ulrike, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich habe ein Buch über sie gemacht – über sie und Anna Achmatova. „schweige wund das wort“ ist die Gegenüberstellung der beiden Dichterinnen. Es erschien 2015 im Damm und Lindlar Verlag und ist eines der Bücher, die ich bis heute am meisten liebe. Damals war mir Ingeborg Bachmann noch fremd, Achmatova fremder. Gerade deshalb suchte ich ihre Gesellschaft. Wie in der Liebe gibt es Gründe, die Menschen zusammenführen – und wie dort geschieht dies in überschwänglichen Herzens- und Erkenntnisblitzen. Aus ihnen ist das Buch hervorgegangen.

Durch Bachmanns Texte habe ich erkannt, wie sehr das Politische im Intimen verankert ist. Es zeigt sich in ihrem Werk ebenso wie im Leben der anderen Dichterinnen und Dichter, die in dem Buch eine Rolle spielen: Anna Achmatova, Paul Celan und Ossip Mandelstamm. In politisch extremen Zeiten – ein formelhafter Satz, der leider wieder an Bedeutung gewonnen hat – begegnen sich diese vier Menschen immer wieder: in Verehrung, in künstlerisch-kritischer Auseinandersetzung, in Nähe und Distanz. Was sie verbindet, ist das Schweigen. Es ist das Motiv meines Buches – und die gemeinsame, zugleich unterschiedlich ausgelebte Form des Schweigens bei Bachmann, Achmatova, Celan und Mandelstamm. Sie alle haben erfahren, wie Gewalt, Faschismus und Macht als Strukturen in Beziehungen, in Sprache und im Denken wirksam werden und wie wenig das Private dabei unschuldig bleibt. Ihre Texte zeigen, dass dieses Schweigen keine Annäherung an Wahrheit ermöglicht. Also wurde geflüstert und weitergeschrieben. In dieser poetischen Widerstandskraft fanden sie ihre je eigenen Worte.

Im Sinne einer Suchenden bin ich Bachmann nah. Im Sinne abgeschlossener Erkenntnis habe ich sie nie verstanden. Herzens- und Erkenntnisblitze sind Segen und Fluch zugleich: Sie geben Antworten, deren Mittel nicht ausreichen, und die manchmal ihren Kern verfehlen.
Was macht das Besondere am Schreiben von Ingeborg Bachmann aus?
Über ihr Werk ist viel gesagt worden. Erklär mir, Liebe – dieser Satz verlangt etwas und unterläuft sich selbst. Er verlangt zu viel: von der Sprache, vom Gegenüber, von sich selbst. Dem Zuviel steht dem Zuwenig gegenüber. Ingeborg Bachmann weist dieses Ungleichgewicht – das durchaus wechseln kann – in der Beschreibung von Liebesverhältnissen nach. Darin wird sichtbar, wer spricht, wer bestimmt, wer sich anpasst.
In Malina etwa spricht eine Frau mit dem Mann, den sie liebt, und jedes Gespräch zeigt, wie wenig gemeinsame Sprache es gibt: Er hört anders, antwortet anders, setzt andere Maßstäbe. Aus Nähe wird Überlegenheit, aus Zuneigung Ordnung. So funktioniert Sprache, wirkt Macht. Wenn sich der Ton langsam ändert, beginnt man zu verstehen, wie ein Mensch den anderen bestimmt, wie eine Antwort zur Korrektur oder ein Satz zur Festschreibung wird. Gespräche gehen über in Drohung, Nähe wird zu Kontrolle, Verständigung endet im Aneinander-vorbei-Sprechen. Sätze wiederholen sich, verlieren Absicht und Richtung und werden umso insistierender. Dies alles geschieht fast beiläufig. Und ganz beiläufig zeigt Ingeborg Bachmann, wie Beziehungen in Sprache zerfallen.
Auch bei Paul Celan sind Liebe, Verlust und Geschichte miteinander eng verbunden. Aber seine Gedichte arbeiten mit Reduktion: wenige Wörter, harte Fügungen, Brüche im Satzbau. Bedeutung entsteht aus dem, was weggelassen wird. Jedes Wort steht isoliert, oft gegen den Zusammenhang, und gewinnt daraus seine Schärfe.
Sowohl Bachmanns als auch Celans Art der Erkenntnisblitze markieren Momente, in denen etwas klar wird, was im nächsten Satz wieder infrage steht. Und beide Arten – so unterschiedlich sie sind – gehen mir ins Herz.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte Ingeborg Bachmann gefragt, ob die Genauigkeit der Sprache in ihrem Versagen liegt. Und vielleicht hätte sie geantwortet, dass dieses Versagen dazugehört, dass die Sprache es aushalten muss, wenn Wörter etwas anderes tun, als sie behaupten, und dass ihre Genauigkeit darin liegt, zu zeigen, wozu sie nicht in der Lage ist. Es entstehen Löcher, eleganter gesagt: Leerstellen. Wir müssen sie selbst füllen. Vielleicht ist das der Grund, warum ihre Sätze so viel von uns verlangen und manchmal weh tun.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Das Manuskript meines neuen Romans ist abgeschlossen. Der Arbeitstitel ist forget me not. Es geht darin um drei Frauen, die zwischen 1909 und 1920 in verschiedenen psychiatrischen Kliniken gelebt haben. Diese Frauen hat es wirklich gegeben. Getroffen haben sie sich aber nie. Sie lebten und arbeiteten unter unfrohen Bedingungen und wurden während ihres jeweiligen Klinikaufenthalts zu Künstlerinnen. Im Roman überführe ich das historische Setting in ein literarisches, in dem die Frauen aufeinander treffen. Da man über ihr Leben heute wenig weiß, lege ich im Text eine Idee davon über sie und ihr Werk. Im Zentrum stehen ihre jeweilige psychische Disposition und ihr Alltag in der Klinik. Die Patientinnen Agnes, Emma und Jane, für die es die Kategorie Kunst nicht gab, haben Werke geschaffen, die später zu den berühmtesten Exponaten der Sammlung Prinzhorn gehören sollten. In welchem äußeren Umfeld diese Arbeiten entstanden sein könnten, erzähle ich im Roman.
Auf der zweiten Ebene geht es um den Aufbau der Sammlung durch den jungen Assistenzarzt Franz Sternberg. Er ist dem Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn nachempfunden und wird in forget me not literarisch weitergeführt. Im Roman verändert er im Laufe der Zeit seinen Blick auf die Werke und deren Schöpferinnen, auf ihr Leben in der Klinik, auf die Begriffe Medizin und Kunst. Seine eigene Aufgabe stellt er in Frage, hat mit ergiebigen Zweifeln zu tun. Aktuell verschaffe ich mir – wie bei all meinen Romanen – einen visuellen Zugang zu forget me not. Ich möchte wissen, wie dieser Text aussieht.
Ich zeichne – im wahrsten Sinne des Wortes – den Weg der Figuren auf unterschiedliche Weise nach, erzähle sie neu. Da der Roman vielstimmig ist, werden den Stimmen der Protagonistinnen Materialien und Bildformen folgen. Es werden visuelle Psychogramme entstehen, die unterschiedliche psychische Dispositionen abbilden. Daran arbeite ich gerade. Es ist für mich der zweite Teil meiner Auseinandersetzung mit dem Text. Erst dann ist er vollständig für mich, und ich kann ihn loslassen. Erst dann habe ich alles über meine Figuren gesagt und ich kann Abschied nehmen.
Darf ich abschließend um ein Bachmann Zitat/Text bitten?
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.
Als meine Mutter schwer krank wurde, habe ich diesen Satz so schmerzhaft wie hilfreich empfunden.
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: Ulrike Damm studierte Visuelle Kommunikation in Mainz.
Seit 2015 schreibt sie Romane und Kurzgeschichten. Als Künstlerin entstehen neben ihren Büchern begehbare Texte, sichtbar in Ausstellungen und Installationen.
Ihr Roman „Die Poesie des Buchhalters“ erschien im März 2025 bei DRAVA.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Ulrike Damm _ privat
Walter Pobaschnig, 15.5.2026