„dass der Autor Lothar Seiler nach mehreren Stichwahlen den Bachmannpreis 2007 gewonnen hätte“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Lutz Seiler, Schriftsteller _ Wilhelmshorst/D 23.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Lutz Seiler, Schriftsteller _ Wilhelmshorst/D

Bachmannpreisnominierter 2007

Lieber Lutz, Du hast 2007 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?

Ich erinnere mich, dass die weithin etablierte Nachrichtenagentur dpa nach der Bekanntgabe des Bachmannpreises 2007 die Nachricht herausgab, dass „der 47jährige in Berlin lebende Schriftsteller Lothar Seiler nach mehreren Stichwahlen“ den Ingeborg-Bachmann-Preis 2007 gewonnen hätte – nichts davon stimmte: Weder das Alter noch Wohnort Berlin, weder „Lothar“ noch „Stichwahl“. Alle großen Medien haben dann, wie üblich, erstmal die dpa-News übernommen … Eine Zeit lang war es lustig, sich vorzustellen, wo der Mensch von dpa bei der Preisverkündung eventuell gerade war und in welchem Zustand – oder was er eigentlich gemacht hat in diesem Moment, ehe er seine Nachricht erfunden hat …

Jedenfalls war traumhaft schönes Wetter damals in Klagenfurt. Am schönsten war der Nachmittag des Fußballspiels, ich glaube eine deutsche Autorenauswahl gegen eine österreichische Auswahl, bei sehr guter Stimmung. Auch Trinkpausen wurden schon damals gemacht, weil es so heiß war. Den Lesewettbewerb hab ich vom Hotelzimmer aus im Fernsehen verfolgt. Eine Stunde vor meinem eigenen Auftritt bin ich losgegangen und hab in der Maske ein großes Bier getrunken – zur Beruhigung, denn aufregend ist das Ganze in jedem Fall.     

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Ohne Zweifel ist das die Situation des Auftritts vor laufender Kamera plus öffentliche Diskussion nach der Lesung plus Live-Übertragung in einem Fernsehsender. Jede und jeder muss sich vorher sehr gut überlegen, ob sie oder er sich dem aussetzen möchte. Gut finde ich den Modus, dass die Jurymitglieder Vorschläge für den Kreis der teilnehmenden Autorinnen und Autoren machen können, damals jedenfalls war es so, jedes Jurymitglied brachte zwei Leute mit. Die Jury ist auf diese Weise mitverantwortlich für das Niveau des Wettbewerbs.    

Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?

Ich hatte das große Glück, von Ilma Rakusa vorgeschlagen worden zu sein. Ilma war dafür bekannt, dass sie auch in schwierigen Diskussionen zu „ihren“ Autorinnen bzw. Autoren stand, ihnen zur Seite stand, auch wenn der Zug vielleicht gerade in eine andere Richtung fuhr. Sie wäre nie auf diesen Zug aufgesprungen, was ja gar nicht so selten geschah, öfter auch mal nur, um als Kritikerin oder Kritiker für den Moment zu glänzen und ein irgendwie gelungenes Bonmot anzubringen.

Die Veranstaltung selbst, die Menschen im Raum und das Geräusch der kleinen Brandung, wenn im Publikum die Seiten des gerade gelesenen Textes umgeblättert wurden – diese ganze Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit, auch in der Diskussion der Texte, war schon sehr besonders. Bewegend auch die Lieder auf dem Schloss und grandios das Schwimmen im See, dazu die phantastische Gegend mit Musil-Museum, Christine Lavant und Ingeborg Bachmann; ich glaube, der Ort ist ideal für ein paar Tage Literatur.   

Wie hat sich Deine erfolgreiche Teilnahme, der Preisgewinn, auf Deinen literarischen Stil wie auf Deine literarische Öffentlichkeit und weiteren Weg ausgewirkt?

Die Erzählung „Turksib“, die ich damals gelesen habe, war meine erste veröffentlichte Erzählung, mein Eintritt in die Prosa, von den Essays einmal abgesehen. Der Stoff beschäftigt mich bis heute – „Auszug aus einem langen Prosatext“ stand damals noch im Untertitel, aber es ist mir in Folge nicht gelungen, diesen Roman auch zu schreiben, die Idee schien mir dann doch zu speziell, aber irgendwie ging es immer weiter damit, jedenfalls in meinen Notizen und Notizbüchern der letzten zwanzig Jahre, und auf gewisse Weise habe ich jetzt diesen Roman geschrieben: „Das tickende Herz“ wird in diesem Herbst erscheinen.

Und davon abgesehen: Durch die Auftritte im Wettbewerb bin ich auf Autoren aufmerksam geworden, die ich seitdem regelmäßig lese und großartig finde, Thomas Stangl zum Beispiel; „Reisen und Gespenster“, das damals ein paar Jahre nach Klagenfurt erschien, ist noch heute eines meiner Lieblingsbücher.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Mehr Werkstatt vielleicht – was hieße, dass die lesende Autorin oder der Autor stärker eingeladen werden, mitzureden in der Diskussion des Textes.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

„Ein Geld muss eins da sein“, sagt der Mann vor dem Supermarkt in Fassbinders Film  „Katzelmacher“ (ich glaube, bevor er den Laden ausraubt). Also: Reichlich Finanzen durch Land und Sender, mindesten für nochmal fünfzig Jahre. 

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Lutz Seiler, Schriftsteller

Zur Person: Leben / Lutz Seiler 22.6.2026

Website des Autors: Lutz Seiler

Bachmannpreis _ ORF Studio

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Bachmannpreisgründer und langjähriger Juror _ Autor und Journalist Humbert Fink
Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Musilmuseum Klagenfurt
Wörthersee

Foto: Lutz Seiler _ Jürgen Bauer

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis_Klagenfurt/Wörthersee _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 22.6.2026

https://literaturoutdoors.com

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