50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Annette Pehnt, Schriftstellerin _ Freiburg/Breisgau/D
Bachmannpreisnominierte 2002
Gewinnerin des Preises der Jury
Liebe Annette, Du hast 2002 am Bachmannpreis in Klagenfurt, dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum, teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Der verbundene Finger von Raphael Urweider; die gnadenlosen Wetten der Journalist°innen; allgemein Pferderennbahn-Vibes.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Mitzuerleben, wie sich Literaturkritik über viele Stunden hinweg life darstellt, welche Dramaturgie die Besprechungen entwickeln, mit welchen Kriterien argumentiert wird. Junge und/oder frische Literatur im TV, das ist nach wie vor großartig.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Ich war noch sehr unerfahren und absolut befremdet vom ganzen Spektakel. Die Jury fand ich erstaunlich textbezogen und sachlich. Leider war aber damals, anders als jetzt, die Solidarität unter den Autor°innen noch nicht sehr ausgeprägt, jede°r saß allein für sich – ich würde das heute ganz anders angehen.
Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?
Es war ja ‚nur‘ der zweite Preis – ich musste damals lernen, dass es mediale Aufmerksamkeit nur für Sieger gibt. Ich habe danach beschlossen, kompetitive Situationen anders zu überstehen. Seit mehreren Jahren arbeite ich in einem Kollektiv, solche gemeinsamen Formen sind mir seitdem wichtig. Trotzdem war natürlich die Preissumme enorm hilfreich für mich als junge Freiberuflerin, und die Unterstützung meines Mentors Burkhard Spinnen werde ich ihm nie vergessen.
Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?
Ich würde ihm wünschen, dass er an der klassischen Form der langen Textgespräche festhalten kann, das gibt es sonst nirgends in den Medien – die Jury sollte aber so divers wie möglich aufgestellt sein, und die gesamte mediale Umgebung könnte weniger wettbewerbsorientiert sein.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Ich wünsche den Teilnehmer°innen, dass sie sich nicht als Konkurrent°innen verstehen, sondern sich unterstützen und austauschen, dann hält man es besser aus. Der Jury wünsche ich die Geduld, Texte sorgfältig durchzuarbeiten, aber das machen sie eh meistens recht gut! Dem Publikum möchte ich mitgeben, dass es beharrlich bleiben und sich die Neugier auch auf formal wildere Texte erhalten möge.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Annette Pehnt, geboren 1967 in Köln, lebt mit ihrer Familie in Freiburg i.Br. und in Hildesheim. Nach einem Jahr Freiwilligenarbeit in Belfast verbrachte sie mehrere Jahre in Irland, Schottland und den USA. Nach einem Studium der Anglistik, Keltologie und Germanistik in Köln, Galway, Berkeley/California und Freiburg promovierte sie über irische Literatur. Freie Mitarbeit bei der FAZ und der Badischen Zeitung, Schreibwerkstätten, Lehraufträge. Seit 2007 Dozentur an der PH Freiburg. Seit 2018 leitet sie als Professorin für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus das Literaturinstitut an der Universität Hildesheim.
Annette Pehnt | Autorin | Autorin

Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Annette Pehnt _ Peter von Felbert
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/Studio/Klagenfurt/Ursulinengymnasium _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 8.6.2026