50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur

Im Interview _ Sabine Scholl, Schriftstellerin, Wissenschaftlerin _ Berlin
Bachmannpreisnominierte 1992 _ Bachmannpreisjurorin 1996

Liebe Sabine, Du warst 1996 Jurorin beim Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
Eine falsche Zahnarztentscheidung. Unbedingt sollte ein Backenzahn gezogen werden, obwohl der sich massiv wehrte. Meine Wange war danach extrem geschwollen, ich musste Antibiotika nehmen, die ich nicht vertrug. Mit diesen Voraussetzungen und viel Stress, ob ich nicht vor Kamera zusammenklappen würde, fuhr ich nach Klagenfurt und war die ganzen Tage schwer beeinträchtigt vom Verlust des Backenzahns. Folgewirkungen bis heute.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Aus Perspektive der Lesenden das Live Vortragen und Beurteiltwerden, sowie das zum Schweigen Angehaltenwerden und Dasitzenmüssen. Aus der Perspektive der Jury: Damals erhielten wir die Texte nicht vorab, wir mussten also spontan Kriterien ausfindig machen, nach denen wir über die Texte sprachen. Das war sehr viel schwieriger und anfälliger für Fehlurteile, da ein Text auch in die Zeit wirkt, also nach dem Lesen noch ein Verarbeitungsprozess stattfindet. Seit jedes Jurymitglied jeden Text vorab erhält, sind die Diskussionen auch profunder geworden, weniger ungerecht und subjektiv.
Wie hast Du als Juror/Jurorin die Lesungen, die Jurydiskussionen, die Preisverleihungen und die Begegnungen rundum erlebt?
Aufgrund der oben geschilderten gesundheitlichen Anstrengungen sehr ermüdend.
Wie gelingt es als Jurorin Objektivität zu bewahren?
Genaue Vorablektüre, siehe oben, hilft.
Wie hat sich diese Funktion auf Deinen weiteren beruflichen Weg ausgewirkt?
Null. Ich bin kurz darauf nach Chicago gegangen, um dort an der Universität zu unterrichten. In Klagenfurt konnte ich keine nennenswerte Verbindungen aufbauen, die mir in irgendeiner Weise weitergeholfen hätten. Es war sozusagen wie ein Sprung ins kalte Wasser des Literaturbetriebs, Schock und Rückzug. Österreich blieb ich danach bis 2019 fern…

Was braucht der Bachmannpreis für eine zukünftige gute Entwicklung?
Geld.
Was möchtest Du aktuellen Juroren:innen, Teilnehmer:innen und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Keep up. Der Wettbewerb ist nur eine Station im Leben des Schreibenden. Da kann noch viel nachkommen. Für Juror:innen gilt das gleiche. Wie gesagt, ich habe danach meine Arbeit als Lehrende an diversen Universitäten fortgesetzt, aber meist im Ausland, schreibe weiter Romane, Rezensionen, Essays.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.


Foto: Sabine Scholl _ privat.
Foto: Humbert Fink _ privat
Fotos: Bachmannpreis _ Studio/Jury/Wörthersee/Rathaus Klagenfurt _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 7.6.2026