„das muss sich radikal ändern“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Peter Wawerzinek, Schriftsteller _ Berlin 7.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur

Peter Wawerzinek _ Bachmannpreisträger 2010, Publikumspreisträger 2010 _ Bachmannpreisnominierter 1991

Im Interview _ Peter Wawerzinek, Schriftsteller _ Berlin  

Bachmannpreisträger 2010, Publikumspreisträger 2010 _ Bachmannpreisnominierter 1991

Lieber Peter, Du hast 1991 und 2010, sehr erfolgreich, am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

1991 kannte ich diesen Wettbewerb und auch die Stadt in Österreich gar nicht, als mir davon erzählt worden ist – von einem Juror, der mich auf dem Bürgersteig vor meiner Berliner Wohnung von seinem Fahrrad aus darauf ansprach, er hätte mich mit meinem Buch NIX vorgeschlagen, dort zu lesen. Ich bin dann mit meinem Verleger Erich Maas hingefahren. Wir haben Spaß gemacht und Jux gehabt. Ich wurde nach Marcel Beyer sogar vierter, also fast einer der drei Ersten, obwohl wir das alles nicht so ernst genommen haben, etwas aufgeblasen albern fanden, ich einen Text las, den ich die Nacht zuvor einfach so in die Maschine getippt und dort in unterschiedlichen Betonungen vorgelesen habe.

2010 war alles anders. Da habe ich im Vorfeld bereits angeberisch im Freundeskreis herumposaunt, dass ich den Preis gewinnen werde, und auch das Publikum für mich gewinnen will + genauso kam es. All das wäre ein Jahr später nicht mehr möglich geworden. Heimkinderziehung war grade das mediale Hauptthema zwischen Ost/West gewesen. Ich stieß da genau hinein und es passte, was ich las, wie Faust aufs Auge.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Die Stadt, der nahe See, die Bewohner der Stadt und ihr wahres Interesse an dem Wettstreit der Lesenden. Unangenehm ist nur, dass du da nach deiner Lesung eine unzumutbare lange halbe Stunde schweigend sitzen und den Juroren zuhören musst, ohne dich zu Wort melden zu dürfen, Kontra zu geben. Das haben die Gründer dieses Wettlesens so gewollt und alle halten sich dran. Mir ist das unsäglich schwer zuzumuten gewesen. Ich habe es einmal dann auch nicht ausgehalten, musste etwas antworten, denn ohne Reaktion von uns Lesenden können die Juroren sich ausschwatzen und Schellen verteilen, sogar bösartig werden, ohne dass man Gegenwehr abhalten kann. Das ist ein Riesenmanko und macht die Sache einseitig bieder.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Es gab da vor allem einen Juroren, der hat meinen Text herabgewürdigt, um seinen Kandidaten gute Chancen erhalten zu können. Er nannte meinen Text krude. ich musste erst einmal nachsehen, was das in sich Böses meint. Er wiederholte das Wort ungeniert und zum Glück sprang eine mutige Jurorin für mich ein und verbat ihm derartiges Madigmachen. Und unfreiwillig hat d a s genau den Ausschlag gegeben und mich nach vorne gebracht, was er verhindern wollte. Ich werde lebenslang diesen Juror weiterhin meiden und unparteiisch schimpfen, was er auch wirklich dauerhaft war. Der hatte zu viel Hintergrund-Ränkeleien am Stecken.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Was sich ändern muss ist die Würdigung der Person als Ereignis, die mitreden darf. Man darf dem Vortragenden nichts auferlegen, maßregeln, zum schweigenden Part verdonnern. Die Angst davor, dass er reden könnte, braucht es nicht. 

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Die Teilnehmer sollen nicht weiter daran gebunden sein, dass sie bereits mit einem Verlag in Verbindung stehen. Das wahre Talent soll dort entdeckt werden. Es muss sich selbst bewerben können, einfach so, ohne Reglement. Zum Jahrestag wünsche ich mir und dem Bachmann-Wettlesen, dass die Form lustiger, lockerer wird, es mehr ein Austausch werden möge, und am Ende haben alle gewonnen, auch wenn man sich auf die verschiedenen Sieger in den jeweiligen Sparten festlegen muss. Wenn sich an der Präsentation nichts dahingehend radikal ändert, soll der Bachmann-Preis als Leseereignis mit diesem Jubiläum beendet sein und Geschichte bleiben.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Peter Wawerzinek, Schriftsteller

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Peter Wawerzinek _ Wikipedia

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 25.5.2026

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