„Ich weiß, wie es ist, von ganz unten anzufangen“ _ Bachmannpreis 2026 _ Nominierteninterview: Kinga Toth, H _ Wien 4.6.2026

Bachmannpreis 2026 _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt _

50 Jahre Bachmannpreis

Kinga Toth _ Bachmannpreisnominierte 2026

Nominierteninterview: Kinga Toth, H

Geboren 1983 in Ungarn. Eingeladen von Brigitte Schwens-Harrant.

Kinga Toth _ Sprachwissenschaftlerin, Visuell-Klang-Poetin,
Illustratorin und Kulturmanagerin

Liebe Kinga, herzliche Gratulation zur Bachmannpreisnominierung! Wie hast Du davon erfahren und was war Deine erste Reaktion? Wie sieht jetzt Deine Vorbereitung aus?

Vielen Dank für die Gratulation, wie auch für die Einladung fürs Interview! Es ist ein Wahnsinn! – das sage ich noch immer laut, ein Kindheitstraum, eine riesige Ehre! Viele wissen von mir wahrscheinlich nicht, dass ich aus einem sehr kleinen Dorf in Westungarn (Nyőgér) und aus bescheidenen Bedingungen stamme, aber ja, mit großen Träumen😊 und meine Gefühle sind momentan unbeschreibbar – ich bin enorm dankbar und freue mich – und ja, aufgeregt bin ich auch😊Den Text lese ich oft vor, probiere, wie er schmeckt, wo ich atmen kann, wie wir uns nähern – aber die Vorbereitung besteht momentan eher darin, wie ich Zeit schaffe. Die Universitätssemesterzeit läuft noch und Gottseidank habe ich einige Lesungen/Performances im Juni, und auf die Gesundheit muss ich auch immer achten, also es ist jetzt „ein bissi a Juggling“ momentan, ich versuche mein Bestes!

Wie war Dein Weg zum Schreiben und was ist Dir in Deinen so vielfältigen Literatur/Performance/Kunst-Projekten wichtig?

Hujé, ja, also wie gesagt, alles fing im Kleindorf an mit viel lesen und schreiben (von Anfang an wollte ich Schriftstellerin und Schauspielerin werden) und träumen, aber der Weg war/ist nicht einfach. Es gab aber damals (wir sprechen über die „vorOrbanZeit“) Literaturorganisationen wie József Attila Kreis (wo ich auch später gearbeitet habe) und die Literaturworkshoptage in Sárvár, wo wir uns mit berühmten Literaten treffen und an unseren Texten arbeiten durften – da habe ich viel gelernt und den Mut genommen, meine Texte an Zeitschriften und Verlage zu schicken. Da ich lange noch nicht in Budapest wohnte und ganz andere Alltagsjobs hatte, aus dem Rande und ohne persönliche Bekanntschaften war dieser Weg langsamer. Aber dann erschienen schon meine ersten Bücher – von Anfang an mit meinen Zeichnungen und später auch mit Musik.

Seit langem schrieb ich auch auf Deutsch, aber erst 2012 habe ich meine Texte an deutschsprachige Magazine – und später Verlage geschickt. Der Weg im Ausland war also „the same“, mit dem Unterschied, dass ich schon mit der Undergroundszene einige Konzerte in Ungarn, in Deutschland und in Österreich hatte, also Bühnenerfahrung hatte ich ein wenig – und die Residencyprogramme, die mein Exil aus Ungarn und aus der Existenzkrise waren, eröffneten mir ein neues Tor für internationalen Austausch und ein bisschen Freiheit. Ich arbeite also seit mehr als 20 Jahren in diesem Bereich, aber der Weg war nie eindeutig, deswegen versuche ich auch KollegInnen weiterzuhelfen: Ich weiß, wie es ist, von ganz unten anzufangen.

Du schreibst in drei Sprachen (Deutsch/Ungarisch/Englisch). Welche Möglichkeiten bietet Vielsprachigkeit in Literatur/Kunst für Dich?

Die Möglichkeit für Kommunikation und Verbindung. Ganz einfach, die Illusion oder doch(!) einige Momente der Freiheit zu erleben, neue Kulturen, Länder kennen zu lernen-aber am wichtigsten: sich mit anderen Menschen zu verknüpfen und das Gemeinsame zu erleben. Das alles klingt hochutopisch und banal, aber nach und in solchen Zeiten, wo unsere Gesundheit, Existenz, Leben (es herrscht doch immer noch Krieg in der Nachbarschaft!!) finde ich nichts anders wichtig mehr.

Was macht den Bachmannpreis einzigartig und auf was freust Du Dich besonders?

Auf dieses Treffen! Das Format ist natürlich einzigartig und meine Füße werden auch kälter, wenn ich daran denke😊aber es ist auch spannend und selbstverständlich freue ich mich auf die Kolleginnen, auf ihre Texte und Geschichten, sowohl „fachlich“, als auch persönlich. Ich freue mich auf nicht-offizielle Gespräche, obwohl ich auch betonen möchte, wie dankbar ich hier bin, auf Fremdsprache und mit der Prosaformat – meine zwei großen Herausforderungen – zu kommen und lesen und Diskussionen zu führen. Ich hoffe, dass mein Text gut ankommt, I do my best!

Was würdest Du mit dem hoch dotierten Preisgeld machen?

Uhhh😊 ich werde ein bisschen in meine Gesundheit investieren 😀 und vielleicht ein bisschen Zeit für mich kaufen, wo ich schreiben darf. Ich arbeite momentan an einem Roman über das Thema meines Bachmanntextes und es braucht Recherche – und natürlich Zeit und Ruhe. Und ich könnte für eine neue Mietwohnung (die jetzige wird umgebaut) ein bisschen sparen. Also kleine Träume, aber viele! Und natürlich mit der Familie ein kleines Feieressen😊

Das Jubiläum des 50.Bachmannpreises fällt heuer mit dem 100.Geburtstag der Namensgeberin Ingeborg Bachmann zusammen. Welche Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann, was schätzt Du besonders an Ihrem Werk?

Viele Verbindungen finde ich mit ihr und ihren Werken: Grenzgebietsein, Aufdemwegsein, Reisen, Gesundheit, Politik, der Schwung deren Sprache, die Musikalität, Wortschöpfungen – falls ich Stichwörter schreiben möchte. Ich sehe eine mutige, kräftige Frau, die Welten mit ihren Wörtern schöpft, deren Mut und Glaube an der Kraft der Literatur wir ziemlich sehr brauchen.

Welches Buch und welche drei weiteren Dinge kommen unbedingt mit in die Reisetasche für Klagenfurt?

Das Buch weiß ich noch nicht: Natascha Gangls, Mara Genschels und Muri Daridas Bücher streiten momentan miteinander, wen ich zuerst beenden sollte 😀 die innere Burg von Teresa von Avila kommt noch sicher und meine Steine bzw. Steine aus Nyőgér- sehr wichtig😊!

Vielen Dank für das Interview, viel Freude und Erfolg beim Bachmannpreis!

Danke schön😊!

„Inge“ _ Hauptpreis _ Bachmannpreis
Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Kinga Toth _ Verena Mayrhofer

Fotos: Bachmannpreis/Wörthersee _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 1.6.2026

https://literaturoutdoors.com

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