
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview_ Friedrich G.Paff, Schriftsteller
Lieber Friedrich, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Das Glück gehabt, sie nie in der Schule oder an der Uni lesen zu müssen.
Auf Einladung der Kärtner Slowenen war ich mal in Klagenfurt, den großen steinernen Lindwurmdrachen dort gesehen, in einem Gasthof gewesen und dort vernommen, wie ein Literaturpapst dort immer speiste und Hof hielt, ehe die Bachmann-Wettbewerbe begannen. Vom Präsidenten des Kärntner Landtages Josef Schantl habe ich noch einen großen Bierkrug als Erinnerung.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Wind, Salz und Klang. Und das Wort ein Funke, ein Vers, ein Atem.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ihre Gedichte.
Zum Beispiel : “Das Spiel ist aus“ oder “Wahrlich“.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie hat gerochen, dass gesellschaftliche Zerstörungen tiefer liegen als Rollen, Klischees, Zuweisungen und Schablonen. Gebrandmarkt flieht das aufgescheuchte Wild in die Einsamkeit der Wälder oder in die Leere der Gassen oder in den abendlichen Trubel. Wie zerstörerisch ist allein dieses „heute“, was in den Feuilletons gerade angesagt Mode, heute ist, was “in“ ist. Aber in der Dichtung ist das heute immer auch schon ein ex.
Die Spannungsfelder der Geschlechterrollen weiß Elfriede Jellinek besser auszuleuchten. Aber interessant – Bachmann schreibt in ihrem Gedicht Exil, „ein Toter bin ich. Abgetan lange schon und mit nichts bedacht“. Sie schreibt nicht „eine Tote“.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Was wäre Liebe denn, wenn sie heilbar wäre. Liebe erklärt sich nie. Das Zittergras würde sofort verbrennen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ja.
Um mit ihren Worten es zu sagen, sonst leuchten wir das Dunkel mit den Fingerspitzen nicht aus. Rollen die Blutorangen nicht.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Über den Tag hinaus den Horizont zu sehen. Die Weite des Meeres und in sich den Auftrag, der selbstzerstörerisch und schöpferisch zugleich, den eigenen Vater zu erfassen und zu bewältigen. Der Auftrag in ihr, auch wo sie diesen nicht äußert, welches Du der Opfer hat überlebt, das uns von unseren eigenen Schatten erlöst.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Böhmen liegt nicht am Meer
und der Hades nicht nur in der Unterwelt
Orpheus durchstreift die Reiche
wo ungeschieden Leben und Tod
Sensen und Blühen des Grases
in der höchsten Lust der Tod
schon zuckt, in den Fossilien noch
rauscht das Meer, Franziskus
seine Gebeine jetzt sichtbar
füttert die Vögel, Gott wartet
auf Dante wenn er die Höllen
durchstreift, an der ligurischen
Küste in Lerici einem einsamen
Fischerdorf brennen die Kähne
verspannen die Netze sich
glänzen Muscheln weiß im Sand
lösen alle Netze sich auf
knoten nie mehr sich zu
geht die Sonne auf oder unter
über den sieben Hügeln von Rom
plätschern die Brunnen
stauben sich Plätze und Straßen
dass Du ist immer der andere
nie erreichbar, nur ersehnt
es zählt nur die Dichtung
das Wort, Atem ist nur
im Schweigen das sich
dem Geplärre entzieht
in den Nischen der Wände
ruht das Licht in Schatten sich aus
wenn die Nacht hereinkommt
vom Fluss her noch Lichter
was bleibt ein Funke, ein Vers
ein Atem, zieht alles sich glatt
zündet eine Zigarette sich an
schreibt eine Dichterin der Schritt
ins Leere ist der letzte Schritt
doch das Lied überm Staub danach
wird uns übersteigen
* * *
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Meine Texte sichern. Fortfahren auf facebook meine autonome Gedichtproduktion. Leider keine Hilfe bei homepage, Wikipedia-Artikel usw.
Mich abfinden damit, dass meine geliebten Italienaufenthalte in Cartosio mir wohl nicht mehr gegönnt sind. Was sagt Ingeborg Bachmann über Italien: Hier hab ich leben gelernt.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Im Gewitter der Rosen ist die Nacht von Dornen erhellt.
Ich seh den Salamander durch jedes Feuer gehen. Kein Schauer
jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.
Herzlichen Dank für das Interview!
Zur Person: http://www.friedrich-g-paff.de/

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Friedrich G.Paff _ privat.
Walter Pobaschnig 24.2.26