Liebe Anna Sanner, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?
Ich wecke unseren Sohn auf, mache ihm Frühstück und „Raupenfutter“ und bringe ihn in den Kindergarten, während mein Mann meiner Tochter hilft, sich für die Schule startklar zu machen und gut loszukommen. Danach mache ich Wäsche und andere alltägliche Haushaltsaufgaben. Dann arbeite ich. Das kann darin bestehen, zu einem Dolmetscheinsatz zu fahren oder aber, wie meistens, darin, am Schreibtisch zu arbeiten – an Übersetzungen und, wenn die Seele drängt und Zeit und Geld es zulassen, an eigenen Werken. Danach Willkommenheißen meiner Tochter nach der Schule, Kümmern um alles Mögliche (Stichwort Sorgearbeit und mentale Belastung), Abholen meines Sohnes und Beschäftigung mit den Kindern. Abends bringe ich unseren Sohn ins Bett, während mein Mann unsere Tochter ins Bett bringt. Danach ist, falls die Energie noch ausreicht, vor dem Schafengehen noch ein wenig Zeit für Lesen und andere Genüsse.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Anerkennen, dass jeder etwas anderes wichtig findet, dies respektieren, miteinander reden, einander zuhören, mild zu anderen, streng zu uns selbst sein, und unser Bestes geben, zu einem harmonischen Miteinander beizutragen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
In Kunst und Literatur sollten wir ehrlich miteinander darüber kommunizieren, wer wir sind und was für Erfahrungen uns auf welche Weise geprägt haben. Dadurch können wir zu uns selbst und zueinander finden, und uns gesellschaftlich und persönlich auf den richtigen Weg machen.
Was liest du derzeit?
So We Look to the Sky, die englische Übersetzung meiner Freundin Polly Barton von Misumi Kubos Roman ふがいない僕は空を見たfugainai boku ha sora wo mita – ein berauschendes Buch über die Frage: Was macht die Lust mit uns, und was machen wir mit ihr?
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?
Schreibe von Herz zu Herz, nicht von Kopf zu Kopf.
Vielen Dank für das Interview, liebe Anna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen: Anna Sanner, Schriftstellerin
Zur Person/über mich: Anna Sanner, geboren 1980 in Hannover, studierte Japanologie in Schottland und Japan, sowie Dolmetschen und Übersetzen in England und verbrachte sechs Jahre in Japan. Seit 2012 lebt sie mit ihrer Familie in Hannover und arbeitet freiberuflich als Dolmetscherin, Übersetzerin und Autorin. Sie veröffentlicht Gedichte, Essays, Kurzgeschichten und Memoiren. 2019 erhielt sie den dritten Platz beim Bonner Literaturpreis, 2021 das „Translasien“-Stipendium der Universität Heidelberg und des Deutschen Übersetzerfonds für Übersetzende ostasiatischer Sprachen, und 2025 den JLPP-Literaturübersetzerpreis des Japanischen Kultusministeriums für Moderne Literatur.
2022 erschien der erste Teil ihrer Japan-Memoiren: „Wie man in Japan Ninja wird“ beim Reisedepeschen Verlag, im Herbst 2025 _ 15.9. _ folgt der nächste Teil: „Wie man in Japan Go-go-Girl wird“ (Reisedepeschen, 2025).

„Ein persönlicher, humorvoller Erfahrungsbericht über das Leben einer deutschen Lehrerin in Japan, die nachts als Go-go-Girl auf der Bühne steht – zwischen Kulturschock, Selbstfindung und dem Mut, eigene Wege zu gehen.“ Pressetext/Verlag
Erscheint September 2025
ISBN: 978-3-96348-032-4
20,00 €
Foto: Portrait _ @katiatangian/ Cover_Verlag.
Walter Pobaschnig 8/9/25