„Ich könnte weinen und schreien“ Katia Tangian, Schriftstellerin, Malerin _ Give Peace A Chance _ Hannover 26.1.2023

Katia Tangian (geboren in Moskau, Mitte) mit Schwester Nina (links) und ihrer ukrainischen Freundin Lesja, Kiew, ca. 1983

GIVE PEACE A CHANCE

Lieber Walter,

ich habe mich dran gesetzt und ich habe versucht, zu „Give Peace a Chance“ ein Akrostichon zu schreiben, aber es geht nicht.

Dieser Krieg in der Ukraine nimmt mich zu sehr mit. Mir fehlen komplett die Worte, wenn ich nur in diese Richtung denke. Wie du vielleicht gesehen hast, komme ich ursprünglich aus Moskau. Auch wenn ich seit dem 14. Lebensjahr im Westen lebe, habe ich weiterhin einige Kontakte nach Russland UND Ukraine, viele meiner russischen Freunde hier und da stehen genauso ratlos und schockiert in Anbetracht der Ereignisse, die seit bald einem Jahr vor aller Augen stattfinden, ohne dass der Einzelne dagegen etwas tun kann. Ich könnte weinen und schreien, aber ein Akrostichon dazu schreiben kann ich leider nicht. Wohl weil ich zu nah dran bin. Und es meine persönlichsten Wunden aufreißt.

Das Thema ist für mich aktuell so emotional aufgeladen, dass ich nicht einmal in unserem Familien-Fotobuch, das ich Jahr für Jahr mache, darüber schreiben konnte, sondern den Ukraine Wikipedia-Text per Copy and Pace hineinkopiert habe. Ist es zu glauben? Dass mir eines Tages die Worte fehlen, hätte ich nicht für möglich gehalten…

Katia Tangian _ 16.1.2023  

Katia Tangian, Schriftstellerin, Malerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Katia Tangian, Schriftstellerin, Malerin

www.katiatangian.de

Persönliches

„Im Alter von 14 Jahren bin ich mit meiner Familie von Moskau nach Deutschland umgezogen. Gleich bei unserer Ankunft begegnete uns eine überwältigende Welle von Gastfreundschaft und Empathie. Von wegen, die Deutschen seien kalt, pragmatisch und auf Effizienz bedacht! Ganz im Gegenteil. Immer wieder trafen wir auf Menschen, die mehr taten, als sie mussten: pensionierte Lehrer, die uns Deutschunterricht erteilten; Jugendheim-Leiter, die uns nicht nur beherbergten, sondern zur Schule fuhren, unsere Wäsche mitwuschen und mit uns „zu Abendbrot“ aßen – ein ganzes Jahr lang. Und ja, natürlich gab es auch weniger schöne Begegnungen und in der Fläche viel Misstrauen und Desinteresse. Doch die Hilfsbereitschaft einzelner Menschen hat sie einfach überstrahlt.

Gerade in unserem ersten Jahr in Deutschland, als unser Heimweh am größten und wir am verlorensten waren, hat uns die Unterstützung dieser einzelnen Menschen enorm viel bedeutet. Dank ihnen hatten wir von Anfang an das Gefühl, willkommen zu sein, als Individuen wahrgenommen zu werden: als jemand, der der Gesellschaft nicht etwas wegnehmen, sondern ihr auch etwas zurückgeben würde. Es sind immer einzelne Menschen, die in Erinnerung bleiben. Menschen, die helfen, die Mut machen, die mehr tun, als sie müssen. Wir alle können diese Menschen sein. Lasst uns gleich damit anfangen!“

Als der Krieg losging und die ersten ukrainischen Kinder an die deutschen Schulen strömten, habe ich in meinem Blog http://www.artsetc.de den Blogbeitrag „Welcome, Ukraine! Für einen guten Start an deutschen Schulen“ verfasst. Eigentlich geht es in meinem Blog um (junge) Kunst; aber es war mir ein Bedürfnis, meinen Beitrag zur Integration und dem Willkommens-Gefühl der ukrainischen Kinder und Jugendlichen zu leisten. Diesen Beitrag haben über 30.000 Leute gelesen, hauptsächlich Lehrer-Kollegen und somit Multiplikatoren. Ich höre von vielen Schulen, dass sie mit meinen (und den von mir weiterempfohlenen) Materialien täglich arbeiten. Das macht mich ein bisschen stolz. Aber noch besser wäre es gewesen, wenn ich diesen Blogbeitrag nicht hätte verfassen müssen.

https://www.artsetc.de/post/welcome-ukraine-links-rund-um-die-schule-für-einen-besseren-start

Fotos_privat

Walter Pobaschnig _ 20.1.2023

https://literaturoutdoors.com

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