„Literatur gibt uns einen unermesslichen Raum“ Dincer Gücyeter, Schriftsteller, Verleger _ Nettetal/D 14.8.2022

Lieber Dincer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Lieber Walter, ich bin erst seit einer Woche wieder hier in Deutschland. Davor die fünf Wochen habe ich mich zurückgezogen und die Zeit mit meiner Familie in Ägäis verbracht. Dort steht auf dem menschenleeren Gebiet das Haus meiner Großeltern, das mir mit seinen Herausforderungen gut tut. Das Wasser ist knapp, der Strom wird immer wieder eingestellt, dann kommen die Öllampe, die Kerzen in Einsatz. Die Natur hat ihre, eine eigene Sprache, Geschichten, wenn man gut zuhört. In der Nacht die Glühwürmchen beobachten, oder ein paar Worte mit dem Hirten tauschen, alte CD´s (meistens Rembetikos) laufen lassen, in der Morgendämmerung einen Spaziergang durch das Dorf machen, das alles hat mir geholfen, nach einer langen Lesereise im Frühjahr wieder meine eigene Stimme zu hören. Jetzt bin ich hier, das neue ELIF-Programm will betreut werden, in kommenden Tagen erscheinen hintereinander zehn Bücher, im September beginnt eine neue Lesereise. Die Kinder haben natürlich auch ihre Wünsche, z.B. heute fahre ich mit meinem Sohn nach Venlo zu C&A, er braucht neue Jeans-Hosen.

Dinçer Güçyeter_Schriftsteller,Verleger _
Peter-Huchel-Preisträger 2022

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich will auf gar keinen Fall romantisches oder sprirituelles Zeug labern. Jeder soll für sich entscheiden, was für ihn wichtig ist. Einen Wunsch hätte ich doch: die Welt wird lauter und lauter, zu schnell wird ein Urteil getroffen, abgestempelt, ausgegrenzt, die Medien machen es sich auch zu einfach, statt einer objektiven Analyse bekommen wir private Meinungen hingeworfen. Es gibt nicht immer eine einzige Perspektive. Dazu kommt, dass wir in diesem Chaos viele schönen Dinge übersehen, die gibt es und sind nicht weit weg. Der Mensch braucht auch eine Inspektion, das darf man nie vergessen. Du kannst nicht alles retten, Verluste gehören zu unserem Alltag.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es ist nichts Neues, die Menschheit steht seit ihrer Existenz vor diesen Herausforderungen. Ich kann mich nie an eine Zeit erinnern, wo es mal der Welt besser ging. Kriege, Ausbeutungen … Vielleicht nicht so nah, aber es gab sie. Die Machtkämpfe zwischen Lobbies, Managern in der Wirtschaft sind wieder ein anderes Kapitel, ich bin gespannt, wo es hinführt, ich habe immer einen bitteren Geschmack im Mund, wenn ich daran denke. Auf der anderen Seite kommt eine junge Generation, die mir Hoffnung schenkt. Die Rolle der Literatur/Kunst will ich auch nicht belasten. Es sind Orte, die uns einen unermesslichen Raum geben, wichtiger ist, wie sensibel wir diese Räume besetzen wollen. Darin liegt sehr viel Kraft, ich hoffe, wir werden es zu schätzen wissen. 

Was liest Du derzeit?

In Ägäis habe ich mir sehr viele Gedichtbände (meistens Debüts) besorgt. Es ist mir wichtig, was die neue Literatur in dieser Geographie erzählen möchte, und ich muss sagen: sehr viel, ich bin begeistert! Seit meiner Ankunft beschäftige ich mich mit zwei Büchern. Das eine ist “Werden sie uns mit Flix-Bus deportieren?“ von Mely Kiyak, ich bin ein grosser Fan ihrer Kolumnen, liebe ihren direkten/humorvollen/hochsensiblen Dialekt.  Den Gedichtband “Mutantengarten“ von Volha Hapeyeva hatte ich schon im Frühjahr gelesen, muss zugeben, in der Hektik war ich kein guter Leser und deshalb lese ich ihre Gedichte nochmal und kann diesen Band (übersetzt von Matthias Göritz, Martina Jakobson und Uljana Wolf) allen empfehlen. Beim Lesen entdeckt/spürt man ganz neue Kräfte …

#Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

in unseren Wunderkammern bergen wir seltsame Dinge … Nancy Hünger

Dinçer Güçyeter wuchs als Sohn eines Kneipers und einer Angestellten auf. Er machte einen Realschulabschluss an einer Abendschule.Von 1996 bis 2000 absolvierte er eine Ausbildung als Werkzeugmechaniker. Zwischenzeitlich war er als Gastronom tätig. Im Jahr 2012 gründete Güçyeter den ELIF VERLAG. Dieser hat sich Lyrik zum Schwerpunkt gesetzt. Seinen Verlag finanziert Güçyeter bis heute als Gabelstaplerfahrer in Teilzeit. Sein letzter Gedichtband “Mein Prinz, ich bin das Ghetto“ wurde mit dem Peter-Huchel-Preis 2022 ausgezeichnet. 

Vielen Dank für das Interview lieber Dincer, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Dinçer Güçyeter, Schriftsteller, Verleger _ Peter-Huchel-Preisträger 2022

https://elifverlag.de/

Foto_Yavuz Arslan

13.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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