„Film und Theater machen Standpunkte und Visionen spürbar“ Lisa Olah, casting director _ Wien 12.8.2022

Liebe Lisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein gestreifter Kater weckt mich sehr früh, in dem er sich neben meinen Kopf stellt und mir ins Ohr atmet. Recht irritierende Angelegenheit. Früh aufzustehen habe ich wirklich spät in meinem Leben gelernt. Es hat Vorteile, denn meine Arbeit umfasst auch Lesen, Recherche, Weiterbildung- das sind Dinge, die ich am liebsten morgens ungestört mache. Wenn ich dann zu Mittag ins Training losziehe, hab‘ ich schon fast einen Arbeitstag hinter mir.

Dieser Mittagsbreak mit Sport und Kochen ist wichtig für mich – Stillsitzen vor dem Computer fällt mir echt schwer. Ich liebe die Arbeit mit den Händen und fühle mich am Wohlsten, wenn ich körperlich etwas zu tun habe…meine Arbeit beinhaltet zum Glück viel Rumgerenne, auf Knien Rumgerutsche und Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, die mich fordern..

Castingtagen im Studio blicke ich also meistens mit etwas Unruhe entgegen: komplizierte Dispos, unterschiedliche AnspielpartnerInnen, Szenen, die man noch nie gespielt gesehen/gehört hat. Werden die Kombis funktionieren? Hat jede(r) seinen Text von mir bekommen?

Sobald ich allerdings dann im Studio zwischen den Menschen stehe (oder knie, haha), mit denen ich gerne arbeite, kommt die Freude. Ein Tag vergeht so schnell wie 10 Minuten und ich falle nachts k.o. ins Bett, selbst der Kater, der dann wahrscheinlich meinen Zeh essen will, kann daran nicht viel ändern. Außer in Flugzeugen schlafe ich überall wie ein Stein.

Lisa Olah, casting director _Filmfestival Cannes 2022

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Jetzt und immer besonders wichtig ist das Wissen um ein bestimmtes Paradox:

Wenn ich mir selbst nicht vertraue, gibt’s vielleicht einen Grund. Klingt hart, aber lässt sich ändern! Also los.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wesentlich- gerade jetzt – sind ein Bildungssystem und die Fähigkeit von Eltern, mutige und verantwortungsvolle Menschen zu erziehen, mit einer gehörigen Portion angebrachtem Realismus, Neugierde und Humor ausgestattet. Zumindest wäre das mein Wunsch für einen Neubeginn oder den Ort, wo er zuerst stattfinden sollte.

Schauspiel und Kunst an sich kann sehr differenziert Perspektiven schildern ohne sie zu erklären. Besonders Autorenfilm (und auch Theater natürlich) macht Standpunkte und Visionen, persönliche Wahrheiten spürbar. Je mehr Perspektiven, die man auf so subtile Weise erfährt, desto toleranter und selbstbestimmter wählt man sein eigenes Schicksal, desto genauer werden Prognosen. Man lernt etwas – es gibt ein Wort dafür, aber es ist sehr missverständlich und sein Einsatz in den Medien inflationär und ungenau. Ich verwende es nicht mehr so gern.

Was liest Du derzeit?

Thinking Styles von Robert J. Sternberg

Mardi von Herman Melville

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

It’s a feeling. You don’t have to act on it.

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lisa Olah, casting director

https://lisaolah.at/

Foto_Jan Gassmann.

3.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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