„wie mit dem erleben von ohnmacht umgegangen wird“ Benedikt Steiner, Dichter & Künstler _ Wien 14.5.2022

Lieber Benedikt, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

vormittags und bis in den früheren nachmittag hinein arbeite ich jeweils an unterschiedlichen texten und projekten. meist entwickle ich mehrere texte gleichzeitig. sei es für einen auftrag, für eine lesung oder als schreibübung für mich selbst, um in den tag zu kommen. zwischendurch arbeite ich auch an übersetzungen und text-dialogen mit befreundeten dichter:innen, tatsächlich eine meiner liebsten tätigkeiten und eine ganz eigene form des austauschs. an jedem zweiten nachmittag hole ich meine tochter vom kindergarten ab, danach gehen wir je nach wetter raus zum spielen, treffen freunde oder gehen zu mir nach hause. derzeit leite ich zudem jeden zweiten dienstagnachmittag eine schreibwerkstätte mit pensionist:innen – das sind jedes mal sehr bereichernde und lebendige stunden.

Benedikt Steiner, Dichter & Künstler 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

vor- und nachsicht im miteinander, geduld und liebevolles, aufmerksames zu- und hinhören – nach außen wie auch nach innen. zudem glaube ich, dass es wichtiger denn je ist, im kleinen und bei uns selbst zu beginnen, frieden zu stiften. seit geraumer zeit lasse ich mich daher von der frage „wo stiftest du frieden?“ begleiten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

ich glaube fest, dass kunst und literatur uns dabei unterstützen können, unsere vorstellungskraft lebendig zu halten; unsere fantasie und unser potential, utopien zu denken und widersprüche auszuhalten. literatur erzählt und schafft bzw. vermittelt dadurch erst welt(-en). kunst vermag es, unsere seh-, hör- und fühlgewohnheiten zu irritieren. zwei wichtige aspekte, wenn es darum geht, in bewegung zu kommen bzw. zu bleiben und wach zu sein für die uns umgebenden welten und die welten in uns.

zudem glaube ich, dass alle sich in zukunft die frage, „wie wollen wir leben“, noch viel intensiver werden stellen müssen und den darauf gefundenen antworten auch taten folgen sollten. ich würde sagen, im alltag lassen sich gewisse antworten vergleichsweise einfach leben, sobald die macht der gewohnheit durchbrochen ist. doch im großen bedingt dies auch eine politik, die gehör für die neu gefundenen antworten einer gesellschaft hat und keinen aufwand scheut, um auch im sinne dieser gesellschaft zu handeln. denn nur so fühlen sich menschen gehört und ernstgenommen und bleiben nicht ohnmächtig und mit dem gefühl, nichts bewirken zu können, zurück. ich meine, eine hauptursache für lethargie, unfrieden und gewalt in allen formen, im kleinen wie auch im großen, ist ohnmacht. also das erleben von kontrollverlust, von nicht-gehörtwerden und von der unwirksamkeit eigener handlungen mit damit einhergehenden gefühlen der sinn- und ausweglosigkeit. natürlich kommt es trotz allem auch darauf an, wie mit dem erleben von ohnmacht umgegangen wird. manchmal gilt es sie vorerst vielleicht auch einfach auszuhalten, bis veränderung möglich wird.

Was liest Du derzeit?

architectures of healing (david bergé, milica ivić, antigone samellas, valentina karga), das primat der wahrnehmung (maurice merleau-ponty), wie zusammen leben (roland barthes), wir zukunftslosen (johannes siegmund).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„der mensch steht der welt nicht gegenüber, sondern ist teil des lebens, in dem die strukturen, der sinn, das sichtbarwerden aller dinge gründen.“ (das sichtbare und das unsichtbare, maurice-merleau ponty)

Vielen Dank für das Interview lieber Benedikt, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Benedikt Steiner, Dichter & Künstler 

Foto_Romina Achatz.

29.4.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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