„Wir müssen uns umschauen und fragen, wo wir helfen können“ Nikoletta Kiss, Schriftstellerin _ Wien 4.4.2022

Liebe Nikoletta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Normalerweise gebe ich morgens die Kinder in der Schule ab und setzte mich mit einem Kaffee vor den Bildschirm, hoffe, dass die Gedanken fließen. Dieser Tage aber fließen in unserer heimischen Krankenstation nur die Stunden. In der vergangenen Woche lag ich mit einer banalen Grippe flach, nicht einmal Corona war’s, das ganze Leiden wie für die Katz. Nun ist mein Mann an der Reihe, heldenhaft und positiv getestet, fristet er im Bett. Die Kinder springen putzmunter herum, zum Glück, wir homeschoolen, backen, kochen, was mich seit Tagen daran hindert, deinen Fragebogen zu beantworten, lieber Walter. Vielen Dank für die Fragen!

Nikoletta Kiss, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Immer sind die Menschen, die wir lieben, am wichtigsten. Aber in diesen schwierigen Zeiten müssen wir uns umschauen und fragen, wo wir helfen können.

Und besonders wichtig finde ich, miteinander im Gespräch zu bleiben. Es existieren kaum noch leichte Unterhaltungen, Gräben tun sich auf in Freundeskreisen und Familien, wie schnell eskaliert ein Familienessen an politischen Themen. Im Small Talk mit Fremden wird gegenseitig die Gesinnung abgesteckt, gibt es die Übereinstimmung nicht, bricht die Kommunikation zusammen. Das alles führt zur Verstummung, Entfremdung und Radikalisierung.  Wir müssen uns weiterhin um einander bemühen, miteinander reden, auch wenn es manchmal weh tut.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich weiß gar nicht, ob wir schon bei Aufbruch und Neubeginn sind oder noch in Schockstarre verharren. Wir werden uns unsere Welt neudenken müssen. Die alte, in der wir uns in Sicherheit wiegten, in der, zumindest in meiner Generation, Krieg etwas war, was für uns direkt keine Bedrohung darstellte, gibt es nicht mehr. Wir haben uns in den letzten Jahren in einer Folge immer krasser werdender Ereignisse vor Augen führen lassen, dass Beständigkeit trügen kann, dass gesellschaftliche Normen nichts Festgeschriebenes sind und sich schneller verschieben können, als man es für möglich hält.

Eine der großartigen Eigenschaften des Menschen ist seine Fähigkeit, sich anzupassen, im Extremen über sich hinauszuwachsen, auch das haben wir erlebt, und dies gibt mir Vertrauen in die Zukunft. Externe Schocks wie die Pandemie, ja sogar dieser schreckliche Krieg sind Katalysatoren für Entwicklung. Wir haben gesehen wie schnell ein Impfstoff gegen eine lebensbedrohliche Krankheit entwickelt werden kann, wenn die Welt zusammenarbeitet. Vielleicht führt die Aggression Putins, weil wir nun alternativlos geworden sind, die so notwendige Klimawende schneller herbei – Gedanken, die zynischen klingen in Anbetracht eines so grausamen Krieges.

Die Aufgabe der Kunst ist es, gesellschaftliche Verhältnisse kritisch zu beleuchten, auf Missstände aufmerksam zu machen. Unter allen Umständen müssen wir Kunstschaffenden uns der um sich greifenden Lähmung entgegensetzen und weitermachen. Das ist leichter gesagt als getan.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer dann, wenn ich nicht schreibe, und das Schreiben fällt auch mir dieser Tage schwer, so flüchte ich mich viel in die Literatur.

“Kreisläufe” von Andrea Scrima (Droschl 2021) habe ich letzte Nacht beendet, einen sprachlich dichten, poetischen Roman, der mich tief beeindruckt und mit schwerem Herzen zurückgelassen hat. Es geht um die Frage, wie wir zu dem werden, wer wir sind. Ist es möglich, unserer stofflichen Beschaffenheit zum Trotz, mit der wir in die Welt gesetzt wurden, der eigenen Herkunft zu entkommen?

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Ich musste wehrloser, machtloser Zeuge sein des unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in längst vergessen gemeinte Barbarei mit ihrem bewußten und programmatischen Dogma der Antihumanität. (…)

Aber paradoxerweise habe ich auch in eben derselben Zeit, da unsere Welt im Moralischen zurückstürzte um ein Jahrtausend, dieselbe Menschheit im Technologischen und Geistigen sich zu ungeahnten Taten erheben sehen, mit einem Flügelschlag alles in Millionen Jahren Geleistete überholend (…)

Alles stand in diesem weiten Reichen fest und unverrückbar an seiner Stelle und an der höchsten der greise Kaiser; aber sollte er sterben, so wusste man (oder meinte man), würde ein anderer kommen und nichts ändern in der wohlberechneten Ordnung. Niemand glaubte an Kriege, an Revolution und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.”

aus “Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers” (1944)

Stefan Zweig schrieb diese erschreckend aktuellen Zeilen kurz vor seinem Tod 1939 bis 1941 im Exil.

Es ist alles schon einmal dagewesen, wir dürften gewarnt sein.

Vielen Dank für das Interview liebe Nikoletta, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Nikoletta Kiss, Schriftstellerin

Foto_privat.

1.4.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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