„Man darf Menschen nicht zu früh aufgeben“ Katrin Seddig, Schriftstellerin _ Hamburg 24.2.2022

Liebe Katrin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf sieht ungefähr so aus, wie vor der Pandemie. Aufstehen, schreiben, Büro, Spazierengehen, noch mal schreiben?, vielleicht Sport, vielleicht einkaufen. Nichts Besonderes. Für mich, die ich zu Hause arbeite, hat die Pandemie im täglichen Alltag nicht viel verändert. Aber natürlich sind Lesungen abgesagt worden, es kommen weniger Leute zu unserer Lesebühne, es sind andere Überlegungen im Zusammenhang mit Veranstaltungen zu treffen.

Katrin Seddig, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, es sind die gleichen Dinge wichtig, wie schon immer: Liebe, Freundschaft, Solidarität. Aber abgesehen davon, wir müssen uns, mehr denn je, positionieren und Stellung beziehen, denn das gehört zu all dem Liebeszeug dazu, wir müssen uns streiten, privat und gesellschaftlich, unermüdlich und hitzig! Man darf Menschen nicht zu früh aufgeben. Und die eigene Position muss man natürlich auch immer wieder in der Auseinandersetzung neu ausrichten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das Wichtigste ist, Fehler zu erkennen und Veränderungen herbeizuführen, um diese Fehler in Zukunft zu vermeiden. Aber was das angeht: Ich bin da nicht sehr optimistisch. Wir sind alle, fast alle, zu sehr Opportunisten, und das hängt wohl mit dem System zusammen, das ja irgendwie im Ganzen darauf beruht. Aber es gibt auch jetzt Menschen, die idealistisch und klug sind und was riskieren, die hat es ja immer gegeben. Ich denke da, zum Beispiel, an die recht jugendliche Klimaschutzbewegung, die auch eine Gerechtigkeitsbewegung ist. Auf diese Jugend sehe ich mit einem Fitzelchen Hoffnung.

Wenn Kunst überhaupt eine Aufgabe hat, dann vielleicht die, den Zustand der Welt zu reflektieren. Auf eine Weise, die im besten Fall mehr aus uns macht. Das ist kein erzieherischer, sondern ein eher verletzender Vorgang. Durch Schmerz, Schönheit und Arbeit können wir wachsen. Wir Schriftsteller*innen stehen immer und auch aktuell vor der Aufgabe, Geschichten zu erzählen, in denen Positionen verhandelt werden, die uns anstrengen, über Menschen, die uns vielleicht sogar fremd sind, Geschichten , die die Absurdität und Hilflosigkeit menschlichen Agierens ausloten. Es ist schwierig, aktuell und schnell auf Vorgänge zu reagieren, wo wir noch mittendrin sind, in dieser speziellen Krise, die vielleicht nur der Vorbote einer größeren ist? Das weiß man ja nicht. Es ist schwer, den nötigen Abstand zu halten und man ist oft ein bisschen zu sehr Teil des Stückes, um immer intelligent zu bleiben. Ich halte es im Moment so, dass ich die Pandemie, zum Beispiel, als Hintergrund nutze, als Alltagsumstand, wenn man so will.

Was liest Du derzeit?

Ich bin gerade fertig mit der Forsyte Saga von John Galsworthy.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Wogen der Veränderung schäumten heran, brachten die Verheißung neuer Formen erst dann, wenn ihre zerstörende Flut ihren Höhepunkt überschritten hätte. Er saß dort und war ihrer unbewusst gewahr, aber seine Gedanken waren entschlossen auf die Vergangenheit gerichtet – wie vielleicht ein Mann in einer stürmischen Nacht reiten mochte, das Gesicht dem Schweif seines galoppierenden Pferdes zugewandt.“ (Das bezieht sich auf Soames, den „Besitzmenschen“ aus der Forsyte Saga / Übersetzung von Jutta Schlösser)

Vielen Dank für das Interview liebe Katrin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Katrin Seddig, Schriftstellerin

Foto_Cenk Bekdemir.

31.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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