„Das Klavier ist meine Stimme, die ich wie das Atmen brauche“ Judith Wegmann, Pianistin _ Biel/CH 16.2.2022

Liebe Judith, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt stets mit einer sanft stupsenden Pfote von meinem hungrigen Kater im Gesicht. Dann trinke ich mehrere Tassen Kaffee, lasse dabei den Gedanken freien Lauf und entscheide, worauf ich heute meinen Fokus legen möchte. Meist schreibe ich dazu Tagebuch, um mich von Gedanken zu lösen, die nichts mit meinen anstehenden Vorhaben zu tun haben. Einen festen Rhythmus habe ich nicht, da ich öfters auch bis spät nachts arbeite. So ist jeder Tag neu.

Seit der Pandemie hat sich aber natürlich mein Alltag verändert. Konzerte und Tourneen fielen weg und ich fokussierte mich innerhalb kurzer Zeit auf mehrere CD-Aufnahmen, die eigentlich nicht geplant waren. Dafür konnte ich mir meinen Tagesablauf freier gestalten, da alles ruhiger ablief. 

Judith Wegmann, Pianistin

Wenn ich mich nicht zu Hause ans Instrument setze, geh ich in mein Atelier, das ohne Tageslicht, Telefon und Internetverbindung ist. Es ist für mich eine Art «Kokon». Phasenweise arbeite ich an komplexen Kompositionen, oder an eigenen Kreationen, das kann dann auch mal mehr als acht Stunden am Klavier sein. Gerne ziehe ich mich über einen längeren Zeitraum auch zurück und gebe mich vollkommen der Musik und der damit verbundenen Arbeit hin. Tage, ohne mich ans Klavier zu setzen, gibt es kaum. Das Klavier ist meine Stimme, die ich wie das Atmen brauche. Man kann in der Musik immer an etwas feilen und weiterarbeiten. Es ist nie «fertig». Diese fortlaufende Bewegung hilft auch, sich selbst und sein Schaffen ständig neu zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

Es ist ein Privileg, quasi sein eigener «Chef» zu sein, dadurch entsteht eine grosse Freiheit. Und sich täglich mit Musik zu beschäftigen, empfinde ich als ein enormes Glück und es half mir gerade in dieser Ausnahmezeit eine Struktur zu behalten. Für die CD-Aufnahmen entstandene Zusammenarbeit mit anderen Musiker:innen, die hier in kleinem Rahmen stets möglich war, konnte ich zusätzlich auch immer wieder neue Impulse und Energien schöpfen.

Die Zeit des «Stillstands» sehe ich für mich als eine wichtige Erfahrung an, sie lehrte mich auf eine neue Weise, gewissermassen «in mir zu ruhen» und geduldiger zu sein.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig? 

Nach vorne zu schauen, mit den gegebenen Umständen mitgehen und sich bewusstwerden, dass wir nicht immer alles kontrollieren können.

Ich sehe die Wichtigkeit aber auch darin, immer wieder zu erkennen, dass wir Menschen nur ein Teil eines Ganzen sind, und gewisse Machtansprüche ablegen sollten. Wir leben oft mit dem Glauben, dass wir uns einfach maßlos bedienen können. Ich wünsche mir, dass wir vermehrt zu mehr Achtsamkeit zurückfinden, gerade in der westlichen Welt, wo alles längst im Überfluss vorhanden ist, leben wir oftmals mit wenig Rückbesinnung auf die Konsequenzen, was daran zu Grunde geht. Dass wir eine gewisse Demut bewahren können und mehr dem Rhythmus der Natur folgen. Es ist für uns alle nach wie vor eine herausfordernde Zeit, in der wir nach wie vor mit unerwarteten Ereignissen rechnen und nach neuen Wegen suchen müssen. Ich habe für mich entschieden, meine Energien dort einzusetzen, wo ich konkret etwas unter den gegebenen Umständen machen kann. Das hat sich für mich bewährt: Geduld haben und den Dingen ihren Lauf lassen. Aber ich habe auch vermehrt gelernt, mich von Verschiedenem zurückzuziehen und aus dem, was gerade ist und was man im Moment nicht ändern kann, trotzdem etwas Kreatives entstehen zu lassen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Wie wichtig Live-Konzerte oder der Besuch in einem Museum, so wie die sozialen Kontakte sind, haben die meisten wahrscheinlich erst so einschneidend in dieser Situation erfahren. Dieser Stillstand traf uns alle mit einer Wucht – unvorbereitet und plötzlich. Von heute auf morgen wurde man praktisch auf sich selbst zurückgeworfen, jeder musste seinen individuellen Umgang damit finden. Die wenigsten haben hier zuvor eine ähnliche Erfahrung gemacht, außer vielleicht jene, die sich – etwa durch eine schwere Krankheit – „aus dem Leben gerissen fühlten“. Ich selbst kenne dieses Gefühl und konnte vielleicht daher ziemlich schnell «switchen», und mich trotz der schwierigen Situation, umgehend auf neue Dinge fokussieren.

Mein Bedürfnis, wieder Konzerte spielen, ins Theater oder Museum gehen, wie auch unbeschränkt Gäste einzuladen, ist enorm groß. Online-Konzerte, virtuelle Rundgänge durch Museen, wie auch die Online geführten Gespräche, ersetzen nie das zwischenmenschliche und reale Erlebnis. Auch wenn wir auf Technik, Internet und Medien angewiesen sind, brauchen wir die gemeinsame Erfahrung vom persönlichen Kontakt, Kunst und Musik im realen Raum zu Erleben, um glücklich zu sein.

Was liest Du derzeit?

Meistens liegen mehrere Bücher neben meinem Bett, abends nimm ich dann jenes zur Hand, worauf ich gerade Lust habe. Es gibt Bücher, in denen ich jeweils nur eine Seite lese und dann tagelang darüber nachdenke. Im Moment sind das; „Die Ordnung der Zeit“ von Carlo Rovelli, „Reasons and Persons” von Derek Parfit, Einige Ausgaben der NZZ-Geschichte und «Worthülsen luftlettern dreck» von der befreundeten Schriftstellerin Anja Nora Schulthess.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Achtsamkeit bedeutet, auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein: bewusst im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen. Diese Art der Aufmerksamkeit steigert das Gewahrsein und fördert die Klarheit, sowie die Fähigkeit, die Realität des gegenwärtigen Augenblicks zu akzeptieren. Sie macht uns die Tatsache bewusst, dass unser Leben aus einer Folge von Augenblicken besteht. Wenn wir in vielen dieser Augenblicke nicht völlig gegenwärtig sind, so übersehen wir nicht nur das, was in unserem Leben am wertvollsten ist, sondern wir erkennen auch nicht den Reichtum und die Tiefe unserer Möglichkeiten zu wachsen und uns zu verändern. Achtsamkeit ist eine einfache und zugleich hochwirksame Methode, uns wieder in den Fluss des Lebens zu integrieren, uns wieder mit unserer Weisheit und Vitalität in Berührung zu bringen. – Jon Kabat-Zinn

Judith Wegmann, Pianistin

Vielen Dank für das Interview liebe Judith, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Judith Wegmann, Pianistin

judithwegmann.ch

Fotos_Simone Haug

16.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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