„Es braucht Würdigung, die sich auch finanziell äußert“ Daniela Kocmut, Schriftstellerin _ Graz 15.2.2022

Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich – zum Glück – nicht sehr verändert, da meine Chefin und ich abwechselnd im Büro sind und Homeoffice machen und außerdem beide auch selbständig sind und sowieso immer schon auch „Heimbüro“ gemacht haben. 😉 Ich bin sehr froh, dass das Leben für mich und meine Kinder – so die Kinderbetreuung läuft, was derzeit ein etwas unsicherer Faktor ist – recht „normal“ weitergeht … aber ich weiß, dass das bei vielen Menschen nicht der Fall ist und sie an zahlreiche emotionale, finanzielle, berufliche Belastungsgrenzen stoßen, daher bin ich umso dankbarer, wenn sich derzeit nicht zu viel verändert und es auch beruflich so weitergehen kann, bitte, danke! 🙂

Daniela Kocmut, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir haben jetzt eine Möglichkeit inne zu halten, eine (durch eine aufgedrückte Stopptaste) gesellschaftliche Pause einzulegen und uns zu überlegen wie wir weiterleben wollen (das schreiben gewiss viele Leute hier ;-). Eine Entschleunigung tut dem rastlosen, optimierungswütigen Menschen gut. Daher greifen wir wieder öfter zum Buch, denn wir haben plötzlich etwas Zeit gewonnen oder manche widmen sich vergessenen Hobbies, kramen alte Schallplatten und Tagebücher hervor oder entdecken sich wieder neu (was auch immer das heißen mag) usw. … Wir müssen neugierig bleiben und etwas lernen wollen …  Vor allem aber denke ich, dass es jetzt essentiell ist menschlich und Mensch zu bleiben und dass wir uns weiterhin in Selbstreflexion üben, in Empathie und Toleranz – mir scheint dieses Wort wieder wichtiger denn je – in gegenseitigem Respekt, statt Dinge und Anschauungen – wie es es manchmal unabsichtlich passieren kann – schwarz-weiß zu betrachten, ohne die unzähligen feinen Farbnuancen und Schattierungen zu berücksichtigen. Die Welt ist schließlich zum Glück immer noch bunt und das ist auch gut so. Wir sitzen ALLE in diesem selben Boot, das Erde heißt und sollten uns tagtäglich dessen bewusst sein. Und es ist unerlässlich, dass wir im Dialog bleiben mit unseren Mit-Menschen und unsere Umgebung nicht nur aus unserer privilegierten Bubble betrachten, die gebildet und ziemlich wohlbehütet ist, vor allem in Mitteleuropa. Ich nenne das, was ich ständig höre, Jammern auf hohem Niveau, das bringt uns nicht weiter. Man muss einfach tun, es zumindest probieren und Punkt, was auch immer es sei, es hilft nichts immer irgendjemandem an irgendwas die Schuld zu geben; Verantwortung zu übernehmen, heißt in erster Linie Verantwortung für das eigene Leben und auch für andere zu übernehmen …  und wenn man – wie jetzt viele Menschen – zu sehr belastet ist, darf man keine Scheu davor haben sich Hilfe zu holen und zu reden … das hilft in jeder Lebenssituation, erfordert aber auch Mut … bedarf aber auch genug geschulten Personals …

Zusammenfassend würde ich sagen es bedarf einer vorsichtigen Zuversicht … oder um es mit anderen Worten zu sagen: stets pessimistisch-optimistisch bleiben, haha!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Vor einem Aufbruch kann man immer stehen, nicht nur jetzt, wie schon Heraklit sagte ist die einzige Konstante im Universum die Veränderung, und der Mensch ist lediglich ein anpassungsfähiges Wesen, wir passen uns ständig an, ob wir jedoch etwas daraus lernen, ist eine andere Geschichte bzw. die Geschichte zeigt uns, dass das eher schleppend vorangeht mit dem Lernen, obwohl wir technisch und wissenschaftlich schon so viel erreicht haben, wieso aber immer noch Krieg? Vielleicht hat der Mensch noch ein paar Jahrhunderte die Möglichkeit doch noch etwas zu lernen oder es herauszufinden, wer weiß …

Die Kunst allerdings ist unsere Hoffnung, Motor und Motivation, zwar steht als letztes ganz oben in der Maslowschen Bedürfnispyramide die Selbstverwirklichung, aber für viele von uns ist die Kunst unser eigentliches täglich Brot, das nahrhafter sein kann als tatsächliche Nahrung. Dennoch braucht es schlicht und einfach auch Kohle und die Würdigung künstlerischer Berufe. Ebenso pädagogischer und medizinischer auf allen Ebenen, nicht auf den höheren. Es braucht Würdigung, die sich auch finanziell äußert, Applaus ist zu wenig, davon kann man sich keine Scheibe Brot abschneiden und da wären wir wieder beim Brot …

Kunst in verschiedensten Formen macht das Leben schöner, lebenswerter, aufregender, kritischer, sichtbarer, spürbarer, manchmal auch erst erlebbar usw. usf. und sie ist vor allem eines; für alle da … Kunst muss für alle da sein, wie Marina Abramović so treffend gesagt hat.

Was liest Du derzeit?

Hmm … hunderte begonnene, nicht zu Ende gelesene Bücher, meine regelmäßige Dosis an slowenischer Kinderliteratur beim Vorlesen, ich bemühe mich um ein tägliches Gedicht und ansonsten lese ich immer auch das, was ich übersetze … von Jugendliteratur über Gebrauchstexte für Menschen mit Migrationshintergrund, Text-Einsendungen im Büro … meistens versuche ich aber die Werke von KollegInnen und Freunden zu lesen, da ich durch meine Tätigkeiten das Glück habe viele Autorinnen und Autoren kennenzulernen. Ich nenne hier keine Titel, weil die Liste zu lang wäre und das wäre dann frustrierend, weil ich nur langsam vorankomme, haha! 😉 Niemand sagt einem bevor man Kinder bekommt, dass man dann ein paar Jahre nicht mehr wirklich so zum Lesen kommt wie früher, als man ca. 1 Buch die Woche geschafft hat. Das waren Zeiten, aber die kommen hoffentlich auch wieder! 😉

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vor meinem Schreibtisch hängen mehrere schöne Zitate darüber was Literatur alles vermag und feine literarische Postkarten, aber eines liegt mir besonders am Herzen:
„Ein mögliches Entkommen liegt im Traum und in der Poesie.“
von Philippe Quesne

und dieses scheint auch irgendwie zeitlos und „richtig“:

„I can sum up everything I’ve learned about life. It goes on.”

Robert Frost

Und ganz wunderbar durch uns wirbelnde Zeiten bringt uns der Herr Wondrak von Janosch – und das durch alle Lebenslagen, das ist meine absolute Leseempfehlung für alle, die gerne schmunzeln und lachen, also für die meisten von unserer Spezies! 🙂

Kurze Zusammenfassung; weitermachen … mit Kunst und Literatur und der Neugierde und Menschsein und so … 😉

Vielen Dank für das Interview, liebe Daniela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Daniela Kocmut, Schriftstellerin

Foto_Lupi Spuma

Daniela Kocmut _ Kurzvita:

Geboren 1980 in Maribor, wuchs ab 1991 zweisprachig in Kärnten / Koroška auf. Lebt seit 1999 in Graz als literarische Übersetzerin, Dolmetscherin, Sprachtrainerin für Slowenisch, sowie Redakteurin und Mitarbeiterin der Literaturzeitschrift Lichtungen. Studium der Germanistik, Slowenistik und Translationswissenschaft in Graz und Dublin.

Seit 2004 zahlreiche Veröffentlichungen literarischer Übersetzungen aus dem Slowenischen ins Deutsche (u. a. Drago Jančar, Maruša Krese, Katarina Marinčič, Veno Taufer, Zofka Kveder, Miha Mazzini, Stanka Hrastelj, Barbara Simoniti, Tomaž Šalamun, u. a. …). Mehrere Übersetzungsstipendien. Regelmäßige Mitveranstaltung, Moderation und Dolmetschung zweisprachiger Lesungen. Schreibt Lyrik auf Slowenisch und Deutsch.

3.2.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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