„Und viel schreiben/telefonieren mit (mir) lieben Menschen“ Helmut Frauenlob, Schauspieler und Kabarettist_ Wien 7.12.2021

Lieber Helmut, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Lockdown gerade an einigen Projekten feilen, mir einreden dass ich Bildungslücken fülle (indem ich zb Filme von meiner Filmliste abarbeite oder Podcasts süchtle) und mir sonst verhasste Tätigkeiten (aufräumen, sortieren, putzen, etc) liebgewinnen.
Ansonsten ist auch social media durchaus was, wo mich ein Wurmloch manchmal erst nach ein paar unproduktiven Stunden wieder auswirft.
Und viel schreiben/telefonieren mit (mir) lieben Menschen.

Helmut Frauenlob, Schauspieler und Kabarettist

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich bin kein Experte (abseits der Kunst vielleicht) und (leider) auch (noch) kein Guru, aber mal ein paar Überlegungen, die ich von mir geschätzten Personen geliehen habe:

Zuerst einmal Empathie für und Solidarität mit den am schwersten Betroffenen der Pandemie:
Kranke, Gefährdete und Menschen, die Freunde/Angehörige verloren haben, Systemerhalter*innen aller Art und nicht zuletzt die Gruppen, die von den Maßnahmen am meisten betroffen waren (Kinder, Frauen, Arme sowie marginalisierte Gruppen). Die Liste ließe sich noch lange fortführen.

Aber auch nicht den Fehler machen, die Empathie soweit auszuweiten, dass die Toleranz für Andersdenkende, die natürlich unbedingt ratsam ist, mit einer völligen Ohnmacht gegenüber unwissenschaftlichen (Nicht-) Argumenten verwechselt wird. Freiheit ist etwas, das wir nur gemeinsam (wieder) erreichen können und ich würde mir wünschen, trotz aller Differenzen, doch den gemeinsamen Nenner und das gemeinsame Ziel (auf die schwächsten in der Gesellschaft zu schauen) nicht aus den Augen zu verlieren, weiter versuchen zu überzeugen statt zu bekämpfen und nicht den vermeintlich “einfachen” Lösungen zu folgen und damit auch den (Rechts-) extremen Hetzern und Demagogen auf den Leim zu gehen.

Ich persönlich kann mangels Expertise in den angesprochenen Bereichen nur versuchen, mein Vertrauen in meiner Meinung nach glaubwürdige Institutionen sowie kompetente Personen zu setzen und darauf zu hoffen, dass diese mich nicht enttäuschen. Eine andere Möglichkeit sehe ich für mich nicht (übrigens auch in vielen anderen Themenbereichen).

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Kunst ist und bleibt essentiell, auch wenn sie sich während akuten Krisen wie dieser meiner Meinung auch manchmal für einige Zeit zurückziehen sollte (und anderen eine Bühne bieten). Aber nicht um zu verschwinden oder nichts zu tun, sondern um mal für kurze Zeit die eintrainierten Beissreflexe abzulegen und wieder in eine Beobachterrolle (als Kunstschaffende, nicht als Privatpersonen) zu kommen, aus der das revolutionäre und verbindende Element der Kunst gedeihen kann, das nur mit wirklicher Radikalität und daher ein wenig Distanz gelingen kann, weil man dann auch die eigene Menschlichkeit wieder wahrnimmt und nicht nur den Lärm, der einen heutzutage immer und überall umgibt.

Was liest Du derzeit?

Generell zu wenig (ein Stapel von ungelesenen Büchern erinnert mich täglich daran), weil meine Aufmerksamkeitsspanne mittlerweile  auch schon “instagramisiert” wurde, aber im Lockdown grad (mit einem neuen Versuch): “RIOT DO’NT DIET” von der Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner über die Normierung von Körpern und wie Abweichungen von der Gesellschaft und unserem Wirtschaftssystem bestraft werden (vor allem bei Körpern von marginalisierten Gruppen).

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Hab ehrlicherweise googlen müssen, weil mir aus dem Stehgreif kein berührendes/geniales Zitat eingefallen ist und bin dann auf diese Zuspitzung vom großartigen David Graeber gestoßen (der letztes Jahr leider viel zu früh von uns gegangen ist):
“Je sinnvoller eine Tätigkeit für die Gesellschaft ist, desto schlechter wird sie bezahlt.”

Helmut Frauenlob, Schauspieler und Kabarettist

Vielen Dank für das Interview lieber Helmut, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Kabarettprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Helmut Frauenlob, Schauspieler und Kabarettist

Fotos_ 1 Nina Siutz; 2 Michael Giefing.

3.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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