„Mir ist das Kunsterleben als soziales Zusammenkommen sehr wichtig“ Esther Holland-Merten, künstlerische Leitung WUK performing arts _Wien 28.11.2021

Liebe Esther, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tatsächlich ist nur eine Routine unter der Woche wiederkehrend und das ist das Klingeln des Weckers um 6.30Uhr, damit die Tochter rechtzeitig in die Schule kommt. Dann ist tatsächlich jeder Tag anders, mal fängt er direkt mit beruflichen Zoom Meetings an, die dann bis in die Nachmittagsstunden hinein dauern, mal beginne ich den Tag mit Laufen, dann arbeite ich Emails ab, die ich unbedingt beantworten muss und dann kann ich mich auch den Anfragen widmen, die schon viel zu lange unbearbeitet im Posteingang liegen. Dann schaue ich, ob ich Veranstaltungen online am Nachmittag „besuchen“ kann, um mich immer wieder auch mit geistigem Input zu versorgen. Dann gibt es ab und zu private Telefonate, um im Familien- und Freund_innenkreis zu erfahren, wie es allen geht. Und am Nachmittag ist dann wieder Quality Time in Familie, wobei am Abend dann wieder online Veranstaltungen oder digitale Freund_innentreffen dran sind.

Mir geht ganz viel im Kopf herum, das ich sonst vor Ort in der Arbeit sofort immer mit den Menschen um mich herum teilen kann, was gerade eben durch den Lockdown und die räumliche Trennung nicht geht. Es fehlt mir sehr, nicht zielorientiert Gespräche führen zu müssen, sondern Gedanken miteinander zu teilen, die unfertig sind, die viele Fragezeichen mit sich bringen, die keine klare Position beziehen können, die nie eine Antwort erhalten werden.

Esther Holland-Merten_ Künstlerische Leitung WUK performing arts _Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht für alle sprechen, ich kann das nur für mich tun. Mir ist es wichtig, alles zu tun, das Leben in und mit der Pandemie so verantwortungsbewusst wie möglich zu gestalten. Durch meine Arbeit als künstlerische Leiterin denke ich dabei nicht nur an meinen privaten Bereich, sondern vor allem auch an die Menschen, mit denen ich täglich arbeite und an die Menschen, die als Publikum zu uns kommen. Ihnen und uns über diese Zeit zu helfen, beieinander zu bleiben, sich zuzuhören, den Austausch nicht zu verlieren, das sind gerade die Dinge, die mich beschäftigen und die mir wichtig sind.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Musik, der Kunst an sich zu?

In meiner Arbeit als Kunstermöglicherin stehen immer die Menschen im Vordergrund, sowohl hinter als auch auf als auch vor der Bühne. Mir ist das Kunsterleben als soziales Zusammenkommen sehr wichtig. Ich erlebe es immer wieder, dass eben nicht nur das Anschauen von Kunst wichtig ist, sondern vor allem der Austausch. Und so dauern Events bei uns am Abend weitaus länger als nur die reine Vorstellung. Menschen bleiben beieinanderstehen, um miteinander zu sprechen, um miteinander Zeit zu verbringen, um ihre Erfahrungen zu teilen. Und darin sehe ich die große Chance des Kunstbereichs, um derzeitiger Vereinzelung, Verlorenheit etwas entgegen zu halten, nämlich das persönliche Miteinander. Dafür die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass es geteilte Erfahrungen geben kann, darin sehe ich gerade für mich die wesentliche Rolle als Veranstalterin und Kuratorin.

Was liest Du derzeit?

Ich lese von Emilia Roig „Why we matter. Das Ende der Unterdrückung”. Das Thema von Machtverhältnissen, von Ausschlussverfahren, von Abgrenzung, von Erniedrigung liegt mir sehr am Herzen, weil ich glaube, dass wir als europäische demokratische Gesellschaften immer noch unterschätzen, welche Mechanismen in unserem Alltag zu Kränkungen und zu Exklusion führen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was ist das Mutigste, das Du jemals gesagt hast?“, fragte der Junge. „Hilf mir!“, antwortete das Pferd. „Was willst Du werden, wenn Du groß bist?“ „Freundlich“, sagte der Junge. (aus Charlie Mackesy: „Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd“)

Vielen Dank für das Interview liebe Esther, viel Freude und Erfolg weiterhin für die großartigen Kunstprojekte im WUK Wien und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Esther Holland-Merten, künstlerische Leitung WUK performing arts

WUK Werkstätten und Kulturhaus _performing arts _ Wien

https://www.wuk.at/

Foto_privat.

25.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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