„In der Liebe ist alles erlaubt“ Phoebe Violet_Künstlerin _Romanjubiläum Malina _ Wien 4.11.2021

Phoebe Violet_Künstlerin _
am Romanschauplatz Malina _ Wien

Herzlich willkommen liebe Phoebe Violet, Künstlerin, hier im „Ungargassenland“ des Romans „Malina“ von Ingeborg Bachmann! Schön, dass Du gekommen bist und am Jubiläumsprojekt „50 Jahre Malina“ in Wort und szenischem Porträt teilnimmst!

Was bedeuten Dir Orte?

Orte haben immer mit einer gewissen eigenen Realität zu tun, mit Erinnerungen, Geschehen.

Ich habe Architektur studiert und bin sehr begeistert wie vielfältig Menschen mit einem Ort, Platz umgehen.

Die Wand ist die Grenze eines Platzes, auf den man sich begibt und so entsteht die Erinnerung in Freude, Trauer, eine Emotion.

Ein Ort hat eine bestimmte Energie, um eine Situation in eine Richtung zu lenken.

Ein Ort kann auch dieses „Höhlenkonzept“ des Menschlichen, sich einen Schutz zu suchen, ausdrücken oder eben Schutzlosigkeit.

Je nachdem wo sich die Wände befinden, kann man eine Realität weiterentwickeln. Die Entfernung, Nähe von Wänden ist für einen Raum bedeutsam.

Ein Ort ist in jedem Fall eine emotionale Wahrnehmung. Es ist eine unbewusste Internalisierung, die etwas macht und Haltung und Handlung beeinflusst.

Jeder Mensch braucht eine Umgebung, um zu wohnen, um zu überleben. Man kann da von drei Nischen sprechen, die sich auf kochen, waschen und schlafen beziehen. Je besser es Dir geht, umso mehr kannst Du Dich ausbreiten. In den heutigen Wohnbaukonzepten findet man immer weniger das Konzept von Freiheit darin aus angeblich ökonomischen Gründen; Gründe, die eine Politik zuteilt, weil sie Werte woanders festlegt als an Menschlichkeit. Ich finde das Wichtigste was ein Ort anbieten kann, ist Freiheit, Freiheit zu denken.

Ein Ort ist ein Platz, um eine Realität für sich selbst festzuhalten.

Ein Ort spiegelt das Zwischenspiel von Menschen und Umgebung. Ich spüre das auch im Unterschied von Costa Rica und Österreich. Eine andere Umgebung verändert auch das Menschsein.

Die Ungargasse und auch die Umgebung hier, die ja unmittelbarer Lebensraum der Romanverfasserin waren, wurden zum Mittelpunkt eines Kunstwerkes. Wie siehst Du als Künstlerin diesen Prozess, diesen Bogen, die Verbindung von Lebensort, Realität und Kunst zu schlagen? Wie siehst Du diese Wechselbeziehung, diesen Transfer?

Wieso trennst Du diese zwei? Grundsätzlich wenn ich etwas tue, spielt ein Ort eine Rolle, dies passiert bewusst und/oder unbewusst. Auch Kleidung ist etwa eine Kunst, um sich selbst zu erklären, zu identifizieren. Die Umgebung prägt das auf jeden Fall wie man das macht. Ich sehe keine Trennung von Ort und Kunst. Das Eine fließt in das Andere.

Welchen künstlerischen Impuls, wie ja auch etwa hier in der Ungargasse, kann ein Ort für ein Kunstwerk geben? Wie wird dieser gleichsam zur literarischen Bühne?

Ich weiß es nicht. Den Impuls gibt die Existenz von Menschen bzw. die Abwesenheit von Menschen. Und diese Art von Nähe und Einsamkeit in Verbindung einer bestimmten Ästhetik, Umgebung oder auch Wetter führt zu Gedanken, Gefühlen, die etwas ganz Wunderschönes oder Dunkles erschaffen können.

Ich habe meine Kindheit in Costa Rica verbracht. In Costa Rica gibt es keinen Winter. Man lebt sehr linear was Tag und Wetter betrifft. Hier in Österreich gibt es den Rhythmus der Jahreszeiten, das bringt auch eine gewisse Unruhe und man arbeitet dann anders. Die künstlerische Arbeit an einem wunderschönen Ort wie diesen hier ist auch anders. Wenn man hier steht und etwa den Brunnen sieht, das gibt bestimmt Impulse, Gedanken. Es ist dann die individuelle Umsetzung dieser Wirkung in Verbindung zur Persönlichkeit.

Wir sind jetzt im Herbst hier. Was bedeuten Dir Jahreszeiten als Lebens- und Kunstimpuls?

Nostalgie. Dieser Reichtum an Farben, diese Farbpalette, das ist Poesie pur. Ich liebe die Langsamkeit, mit der sich Wärme verabschiedet.

Die Blätter fallen langsam runter und der Wind bewegt alles, damit es einschläft. Ich liebe diesen Prozess, es ist wie ein langsamer Tod. Und ich finde das extrem schön, dieses langsame Einschlafen. Ich liebe es.

Auch die Geräusche werden leiser und leiser bis es ganz still ist. Wie in der Musik ein langsames Decresendo, das finde ich fantastisch.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Ich bin auf dem Weg ihr Werk zu entdecken. Es ist düster und spannend und ich bin neugierig.

Was sind jetzt erste Eindrücke des Romanschauplatzes für Dich?

Ich verstehe, wie man ein düsteres Buch an diesem Ort schreiben kann (lacht). Der Ort hat eine klare Geometrie und gibt das Gefühl jetzt hier im Hof aufgrund der großen Fenster auch drinnen zu sein. Diese Ästhetik gefällt mir sehr gut.

Es ist auch etwas von Klaustrophobie, Gefangenschaft, die in der Architektur hier zu spüren sind, aber auf eine sehr edle Weise. Wie etwas sehr Mächtiges, das auf einen zukommt. Ich fühle mich klein, wenn ich hier stehe, sehr klein.

Auch eine gewisse Art von Benommenheit wird erzeugt, weil man nicht auf die andere Seite hinter den umgebenden Fenstern, Wänden sieht.

Man sieht nur den viereckigen Himmel und der Brunnen bei der Öffnung zum Garten fühlt sich etwas wie ein Friedhof an. Die zwei Tore zum Garten und die mythologische Brunnenskulptur sind sehr zentral. Es ist etwas wie ein Altar und ein Grab.

Erst im Garten gibt es einen Baum, Grün. Die „Befreiung“ passiert gleichsam dort, hinter den Mauern.

Auch der Eingang zum Hof ist düster, auf eine sehr elegante und minimalistische Weise. Die Architektur und die Wahrnehmung sind sehr spannend hier.

Wir haben jetzt weitere Schritte am Romanschauplatz in Haus, Garten gemacht. Was sind jetzt weitere Eindrücke von Dir?

Es hat das bestätigt, was ich schon vorhin sagte. Es ist sehr düster hier, es fließt nicht, es stagniert und hat auch viel Schwere und man hat nicht das Gefühl, dass da etwas Frisches hereinkommen kann.

Ein sehr reifer Platz, an dem viel passiert ist und man spürt diese Erinnerung.

In Wien passiert dies erstaunlicherweise öfters, dass man sich gleichsam gefangen fühlt in dieser Ästhetik der Vergangenheit, der Erinnerung. Das spürt man sehr stark an vielen Plätzen hier.

In Bukarest etwa ist auch viel Vergangenheit aber auch viel Frische zu spüren. In Wien ist eine Stagnation der Vergangenheit da. Es ist noch immer 1971 hier im Hof zu spüren.

Mich hat die Stimmung an einem Ort immer interessiert und die Gründe dafür. Ich bin da sehr rational und finde die Variabilität in Europa, welches ja insgesamt im Weltmaßstab ein kleinerer Lebensraum ist, sehr interessant.

Es bleibt ein Rätsel warum Menschen in Wien anders sind als in München und wie sich da Ästhetik aufbaut.

Kann diese Architektur hier mit ihrer Stimmungskraft auch ein Bild einer unerfüllten Liebe, an der man hängt und die gefangen hält, wie es im Roman dargestellt ist, sein?

Sehr plausibel. Ich finde ja Wien sehr romantisch.

In Wien, da ist es wie im Roman „Hotel Savoy“ von Joseph Roth, aus viel Düsternis entsteht eine wunderschöne Blume aber vielleicht kann man sie nicht berühren.

Dieser Ort hier ist vielleicht der perfekte Platz für eine total frustrierende Liebesgeschichte, aus der man nicht entfliehen kann.

Hier fließt es nicht. Man kann nicht zu einem glücklichen Ende kommen an diesem Ort.

Ist Kunst in Österreich auch immer mit Geschichte, Vergangenheit verbunden, der schönen wie schweren umgebenden wie hier?

Ja und Nein. Meine Künstler*innen Generation kämpft damit und ist geprägt von Migration, Ausländerinnen*en und da kommt unfassbar viel Einfluss von außen auf konservative Denkweisen.

Die Leute lieben in Wien was sie kennen und was sie nicht kennen, ist nicht ok. Bis die ganze Welt es annimmt, dann ist es ok und dann wird gesagt – das gehört uns – das war immer etwas mein Krampf hier.

Anderseits wenn man die Menschen überzeugt, dass das Neue gut ist, dann umarmen sie es vollkommen. Aber man muss sie lange überreden (lacht). Menschen hängen sehr stark an ihrer Kultur und ihren Werten hier.

Architektonisch ist Linz etwa viel freier als Wien. Hier wird noch sehr stark an Tradition festgehalten. Neue Gebäude zu bauen ist eine Katastrophe (lacht).

Wien kennt keine Definition des Neuen. Nur das Alte, die Tradition. Und das wird umarmt und an Touristen verkauft. Das ist schwierig, weil andere Städte diese Schritte machen, etwa Berlin.

In der Kunst passiert schon einiges Neues hier aber nach wie vor underground. Die Themen sind vielfältig. Es bewegt sich viel.

Wie war Dein Weg zur Musik, Kunst?

Das war in meinem Leben immer dabei. Ich habe mit drei Jahren begonnen Geige zu spielen wie auch meine Schwester. Ich definiere mich durch das was ich künstlerisch tue, sei es Musik, Malerei. Ich sehe es als Reichtum an Kommunikation.

Kunst ist alles für mich.

Es war immer schon teil von mir, ich habe aber sehr lange gesucht, auch bis ich verstanden habe, dass der akademische Weg nicht mein Weg ist. Das war auch für meine Familie nicht leicht.

Ich habe Architektur, Soziologie studiert und das geliebt. Ich wollte aber nicht Musik studieren, weil ich da meine Freiheit bewahren wollte und Musik so interpretieren wollte wie ich sie fühle. Natürlich war ich da mit achtzehn Jahren viel radikaler als jetzt (lacht).

Ich wollte in der Kunst immer eine eigene Welt erschaffen und das ist nach wie vor meine Suche.

Ich will in der Kunst eine komplett authentische, ehrliche Art und Weise erzeugen, um etwas zu kommunizieren was ich für wichtig halte und auf der Bühne zu stehen und mit Leuten meine Meinung zu teilen, die inspiriert oder Widerspruch hervorruft.

Kunst ist ein wunderschönes Medium, um einen Dialog zu führen.

Am 10.November erscheint mein neues Album. Es war eine wunderschöne Arbeit. Ich arbeite sehr gerne mit einem Gesamtkonzept. Das Konzept heißt „Zwischen Himmel und Erde“ und jedes Lied wurde dafür gemacht. Es geht um die Vereinbarung von Träumen und Realität. Es ist auch sehr gesellschaftskritisch und hinterfragt Konzepte der Liebe, Identität, Zielstrebigkeit. Das ist natürlich auch autobiographisch, weil ich sehr lange nach der Balance gesucht habe. Es ist ein sehr einsamer Weg, wenn man sagt, dass was die Gesellschaft, die Familie anbieten will, ist nicht das, was zu mir passt, aber es ist ein ehrlicher Weg, sehr langwierig und anstrengend und ich stecke nach wie vor drin (lacht). Aber jetzt langsam merke ich, dass es eine gewisse Reife bekommen hat und ich auch andere Leute ansprechen kann und das ist ein wunderschönes Gefühl.

Auch mein Weg der Komposition bekommt eine neue Wende. Ich habe ein Musical komponiert, das in Costa Rica uraufgeführt wird. Das ist sehr spannend mit einem großen Orchester zu arbeiten. Auch ein weiteres Musicalprojekt über „Eurydicke“ ist in Realisierung. Und dazu auch meine Gemäldeprojekte. Langweilig wird es nicht (lacht).

„Himmel und Erde“ ist der Titel Deines neuerscheinenden Musikalbums. Himmel und Erde der Liebe ist ja auch Thema des Romans „Malina“. Was hat sich in der Liebe, die ja zu Erscheinen des Romans 1971 sehr patriarchal dominiert wird, in den letzten 50 Jahren verändert?

Es ist ein schwieriges Thema. Es gibt einen offeneren Diskurs darüber aber es passiert gleich. Es ist so wie wenn ein Hungerbild auf fb gezeigt wird und alle geben wütende Finger drauf aber es passiert trotzdem. Das ist nur trendy.

Es ist eine Verantwortung sich selbst zu definieren als Frau und was man will in der Liebe. Das sollte nicht von der Gesellschaft repräsentiert sein. Ich sehe es in den Filmen, in denen immer ein gewisser Status verkauft wird, wie man sich verhalten soll als Frau, Mann in einer Beziehung. Das ist eine unnatürliche Art und Weise mit sich selbst umzugehen.

In der Liebe ist alles erlaubt. Es hat nur mit Deiner eigenen Meinung zu tun und diese geht niemanden etwas an.

In der Liebe gibt es gesellschaftlich aufgebaute Ideologien. Aber die Definition muss von mir selbst als Frau gemacht werden.

Wir haben heute extrem viele Worte, Definitionen für Liebe – offen, polygam, monogam… – wozu? Wozu wollen wir uns einsperren in unseren Möglichkeiten?

Ich finde das Wichtigste in der Liebe ist ein Gespräch und eine Ehrlichkeit zu sich selbst aufzubauen.

Es ist unfassbar respektlos von einer Gesellschaft eine Definition in der Liebe zu verlangen.

Wir sind Menschen, das ist das was wir sind.

Phoebe Violet_Künstlerin _
am Romanschauplatz Malina _ Wien

Herzlichen Dank, liebe Phoebe, für Deine Zeit in Wort und Bild hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle musikalischen, künstlerischen Projekte!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Phoebe Violet_Künstlerin

https://www.phoebeviolet.com/

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_10_2021.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 10_21

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s