„Dass die Rolle, die Musik im Schlechten teilweise schon spielt, weniger wichtig wird.“ Paul Schuberth, Musiker _Linz 18.10.2021

Lieber Paul, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Immer anders, aber Musizieren und Lesen sind Fixpunkte.

Paul Schuberth, Musiker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das kommt darauf an, wer jetzt mit „uns“ gemeint ist. Sind es wir Menschen insgesamt, dann würde ich klar sagen: Nachdenken darüber, ob ein Wirtschaftssystem, dass alle Menschen zu Konkurrenten untereinander macht, das A und O ist. Ich frage mich, warum angesichts der bevorstehenden Klimakatastrophe, die teils schon Gegenwart ist, nicht mehr darüber diskutiert wird, ob die Versorgung mit dem für Menschen Wesentlichen nicht eher sorgfältig geplant werden sollte, anstatt alles und alle der irrationalen Marktlogik, die immer menschenfeindlich ist, zu unterwerfen. Diese Logik führt zu einem an sich grenzenlosen Wachstum, das sich selbst Zweck genug ist, dem der Mensch aber nur ein Mittel ist. Die Grenzen dieses Wachstums bildet der Planet. Doch wenn dafür erst einmal der allerletzte Beweis angetreten ist, dürfte es zu spät sein. Wär schade drum!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Das kann ich gar nicht beantworten. Ich denke nicht immer sehr konstruktiv, sondern eher negativ. Also will ich es hier auch einmal von dieser Seite angehen. Ich kann nur hoffen, dass die Rolle, die Musik im Schlechten teilweise schon spielt, weniger wichtig wird. Rechtsextremisten erreichen Jugendliche mit Rechtsrock; deutsche Rapper verbreiten Antisemitismus mit eingängigen Reimen; österreichische Volksrocker machen das Heimatgetue wieder salonfähig; Kabarettisten verbreiten die Verharmlosung der Pandemie mit ihren Liedern; mit dem Abspielen von klassischer Musik an Bahnhöfen werden Obdachlose vertrieben; Musik ist oft ein allzu schneller Trost, wo Nachdenken, Kritik und Widerstand der bessere Rat wären. Meine Hoffnung ist immer nur, dass Musik nicht vom Schlechten, vom Unmenschlichen ablenkt oder es übertüncht.

Was liest Du derzeit?

Immer manches gleichzeitig, ich hopse hin und her.

Richard Schuberth: Lord Byrons letzte Fahrt. Eine Geschichte des Griechischen Unabhängigkeitskrieges

Thomas Mann: Der Zauberberg

Anselm Jappe: Das Abenteuer der Ware

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Einen Auszug aus einem Statement der Menschenrechtsaktivistin Doro Blancke, die über ein in Graz von der FPÖ angebrachtes Plakat, das sich an Flüchtlinge richtet: „Graz ist nicht Eure Heimat, garantiert!“, schreibt: „Was macht es mit uns? Die nächste Stiege runter in Richtung „moralischer Verfall bis zum Verderben“? Welchen Angst, welchen Hass, welch emotionale Verstümmelung, welche zivilgesellschaftliche Verrohung akzeptieren wir, die tollen, innovativen, gebildeten, #NieMehrWieder rufenden GrazerInnen noch?“
Meine Ergänzung: Die Grazer Bevölkerung hat eine interessante Antwort gefunden.

Vielen Dank für das Interview lieber Paul, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ebenso Dir vielen Dank.

5 Fragen an Künstler*innen:

Paul Schuberth, Musiker

http://www.paulschuberth.com/

Foto_Marc Daniel Mühlberger

30.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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