„Ich gehe schreibend in den Tag“ Isabella Huser, Schriftstellerin _ Zürich 17.10.2021

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Alltag derzeit? Zunächst nicht anders als vor Corona. Ich gehe schreibend in den Tag. Entweder arbeite ich an einer Übersetzung oder am neuen Roman, der sich aus Momentaufnahmen verschiedener Leben speist – ich habe erst begonnen, bin tastend unterwegs. Noch schöpfe ich aus den Recherchen für meine beiden ersten Bücher, „das Benefizium des Ettore Camelli“ und nun meine geliebten „Zigeuner“, beide Romane erschienen bei Ricco Bilger, Bilgerverlag, Zürich. Mein Arbeitsplatz ist mein Zimmer in diesen Tagen, ich arbeite zuhause (in Zürich derzeit), ein Tisch, ein Computer. Für eine meiner Figuren werde ich ins vierte Untergeschoss der hiesigen Zentralbibliothek hinabsteigen: dort lagern die alten Zeitungsausgaben. Ich werde allein in der unterirdisch kühlen Halle an einem langen Tisch sitzen, und vor mir entfaltet sich Tag um Tag eines fernen Jahrs im frühen 20. Jahrhundert. Dann werde ich in die Ostschweiz fahren, einen Weiler besuchen, in den Nachbargehöften eine in der Ortsgeschichte oder der Erinnerung bewanderte Ansässige kennenlernen vielleicht, im Gemeindearchiv nach den Ausgewanderten forschen, dort womöglich Briefe vorfinden, wer weiß, aus einer amerikanischen Fremde an die schwangere Braut in der alten Heimat gesandte Nachrichten studieren. Auch das ist machbar in dieser vorherbstlichen Coronazeit, ohne dass ich mich und dadurch meine Nächsten zu sehr gefährde, obwohl die angekündigte „vierte Welle“ schon da ist. Die Familie, die Freunde, die hier leben: Inzwischen sind wir alle geimpft. Doch das Land insgesamt, die Schweiz, liegt bei den Covid-Impfungen weit zurück im Vergleich mit den anderen westlichen Industrienationen, viele werden sich in den kälteren Tagen anstecken hier und das Virus weiterverbreiten.

Jetzt im Herbst sind Lesungen meines jüngsten Buchs geplant, Literaturhaus Zentralschweiz, Alon Rennes Rahmenhandlung in Zürich. Weitere stehen an, und ich hoffe, das Tessin und im Westen das Wallis werden folgen. Beide Kantone spielen eine wichtige Rolle in meinem Roman „Zigeuner“. Meine Leute reisen großräumig durch die Jahrhunderte, die einen freiwillig, die anderen kraft ihrer Ausgrenzung zum reisenden Leben gezwungen. Sie reisen als Händler, zuletzt als Musikanten. Als Musiker prägten sie die schweizerische Volksmusik. Ich stamme aus einer jenischen Schweizer Musikantenfamilie, habe über meine Vorfahren geforscht, Unerhörtes zum Vorschein gebracht. Die „Zigeuner“ sind eine Geschichte über mich und meine Leute in der Schweiz seit napoleonischen Zeiten.

Isabella Huser, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Der Austausch mit Familie und Freunden ist überlebenswichtig, auch die Begegnung mit Unbekannten, in der Trambahn, an der Kasse im Supermarkt, wo zum Glück neben vielen Apparaten zum Selbsteincannen noch immer ein Mensch sitzt, meistens eine Frau, die in den meisten Fällen aus einem anderen Land und einem anderen Leben in die Schweiz gekommen ist oder deren Eltern hierher „ausgewandert“ sind. Haben sich über Berge und durch Täler die Sohlen abgelaufen bis hierher, wo es Frieden und Arbeit gibt. Mit Maske konzentriert sich alles auf die Augen. Es gibt Menschen, ja, die scheinen die Augen vor Einflüssen von außen so weit wie möglich zu schützen, überschatten den Blick (mit den Lidern, ihrem Haar, und die Kopfhaltung hilft mit) oder wenden ihn dorthin, wo kein Austausch droht. Bei anderen hingegen sammelt sich das ganze Wesen im Blick für den Moment der Begegnung. Nie zuvor habe ich so viele Seelen gesehen, für Augenblicke in der Begegnung aufeinander konzentriert, wie in diesen Coronatagen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es schaffen, das plötzliche Bremsmanöver, mit der wir in der reichen Welt auf die Pandemie reagiert haben, für eine Veränderung zu nutzen, die noch immer unvorstellbar scheint. Umweltzerstörung stoppen, Klassengesellschaft auflösen, dem Nord-Süd-Gefälle entgegenwirken. Die Literatur und Kunst schafft Einblicke, schält die Blickwinkel heraus, legt sie frei, rüttelt auf.

Was liest Du derzeit?

Hengameh Yaghoobifarahs großes Werk „Ministerium der Träume“ lese ich gerade zum zweiten Mal. Der Roman der jungen deutschen Autorin, die als Kind an der Hand einer fliehenden Mutter aus dem Iran nach Deutschland kam, verschafft mir Einblick in eine nahe Welt, die mir unbekannt ist. Ich will wiederlesend nochmals erfahren, wie mir Hengameh Yaghoobifarah auch durch die Tonalität der Sprache, auf ähnliche Weise wie in einem Musikstück, Zugang in ihre Welt verschafft, hier in ein Leben als Fremde in einer kaputten Gesellschaft, die es zulässt, dass Glatzköpfe Jagd auf Migrant*innen machen. Dann stecke ich mitten in Eva Menasses Dunkelblum, das mich im ersten Teil zuweilen seltsam selbstgefällig und sprachlich platt zurückstieß, bis mir klar wurde, dass es die Figur ist, für die „der See glitzert“ und die Tannen rauschen mögen oder so ähnlich, ich mich also neu in die Geschichte des österreichischen Grenzdorfs und seiner Bewohner eingelassen habe. Mal sehen, wie es mir ergeht in diesem Hort des Wegschauens. Auf meinem Nachttisch liegen außerdem Charlotte Wiedemanns kluge und präzise formulierte Gedankenbilder im Buch „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“, das mir Erkenntnisse eröffnet, die nachwirken. Bei jedem Wiederlesen entdecke ich neue Facetten in den Essays dieser Denkerin. Sie zeigt mir die Perspektiven im Agieren westlicher Gesellschaften auf, die bis heute vorherrschen – und liest sich dabei federleicht, sodass der Erkenntnisgewinn auch ein Lesegenuss ist. Und da liegt auch Patricia Büttikers stiller Roman „Nacht ohne Ufer“, den ich in diesem Frühling langsam, gleichsam Schluck für Schluck, gelesen habe, nun immer wieder zur Hand nehme, um zu staunen, wie beredt die Stille sein kann.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„She is dizzy because they have turned her around and around. Much of life has been like that – trying to feel one’s way forward sightless.“ Siri Hustvedt, Memory of the Future.

Isabella Huser, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Isabella Huser_Schriftstellerin

https://www.bilgerverlag.ch/index.php/Autorinnen/Isabella-Huser

Fotos_Daniela Huser

18.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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