„Undine als Sirene spielt natürlich ein doppeltes Spiel“ Katharina J.Ferner, Schriftstellerin_Salzburg_60 Jahre Undine geht_14.9.2021

Katharina J.Ferner_Schriftstellerin, Performerin_

Liebe Katharina, was bedeutet Dir Natur?

Natur findet sich in meiner Lyrik stark wieder, kann Erholungsort sein, kann aber auch Einsamkeit hervorrufen.

Du bist in Salzburg aufgewachsen und lebst auch heute in Salzburg, eine große Zeitspanne warst Du in Wien. Was bedeutet Dir diese Stadt heute und welche Impulse bekommst Du von Wien als Lebens- und Kunstraum?

Wien ist nach wie vor Sehnsuchtsort und ein zentraler Angelpunkt meines Literatur- und Kulturschaffens. Ich schätze den vielfältigen Begegnungsraum, die heimelige Atmosphäre, den offenen und regen Diskussionsraum und die vielen parallelen Möglichkeiten, Kultur zu schaffen und zu erleben.

Bist Du bisher mit dem Text „Undine geht“ in Kontakt gekommen?

Ja, mehrmals. Das erste Mal noch in meiner Schulzeit, seither hat er mich begleitet.

Wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?

Für mich ist es unter anderem eine Abrechnung mit dem Patriarchat. Die Figur der Undine als Sirene spielt natürlich ein doppeltes Spiel. Einerseits verlockt sie, andererseits wird auch sie verlockt.

Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?

Die feministische Perspektive, den kritischen Blick auf Machtverhältnisse und die Mehrdeutigkeit. Die Entscheidung, immer wieder aus der Komfortzone zu gehen, aber auch andere aus dieser hinaus zu locken, in die eigenen Gewässer.

„Undine geht“ wurde vor 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?

Das Ich in Undine ist ein starkes und ich glaube das steigende weibliche Selbstbewusstsein ist ein zentrales Element im heutigen Frausein. Die Liste, was sich noch ändern sollte, ist ziemlich lange und traurig aufzuzählen, ohne hier ein allzu pessimistisches Bild zeichnen zu wollen. Es fehlt oft an Achtung, Respekt, überholte Rollenverständnisse sind immer noch zu diskutieren (bei beiden Geschlechtern) Das schlägt sich wiederum in Themen wie Arbeit, Familie, Gehalt nieder und weiterführend auf die sehr verschiedenen Vorstellungen eines selbstbestimmten Lebens, den Umgang miteinander im öffentlichen Raum, Wertvorstellungen usw. Natürlich sind das alles nicht ausschließlich geschlechterspezifische Themen. Unsere Lebensbedingungen befinden sich in einem ständig wandelnden Prozess und müssen stetig neu verhandelt werden. Aber der Diskurs zur Geschlechterfrage ist groß und die Veränderungen minimal. Häufig finden sie im privaten Rahmen statt und nicht in der breiten Masse.   

Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute in Leben und Gesellschaft?

Laut aktuellem Diskurs fallen den meisten wahrscheinlich genug Phrasen zu diesem Thema ein, die ich hier nicht wiederhole, weil ich sie ziemlich überstrapaziert finde. Die patriarchalen Strukturen sind in vielen Bereichen nach wie vor vorhanden, was aber stattfindet ist eine Stärkung der Frauenpositionen auch untereinander und da sehe ich eigentlich das Potenzial zur Veränderung. Leider sind wir aber immer noch in so vielen Kategorien verhaftet, von denen ich mir oft wünschen würde, diese bereits überwunden zu haben.

Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Poesie, der Liebe und des gesellschaftlichen Lebens aus? Ist eine Poesie darin möglich – zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Natur?

Das sind für mich drei komplett unterschiedliche Dinge, auch wenn der textliche Zusammenhang besteht. Das Scheitern generell sehe ich als Möglichkeit, den Weg zu ebnen für die zwischenmenschliche Poesie oder die natur-menschliche. Obwohl für mich Poesie berufsbedingt ein zu konkreter Begriff ist, um ihn hier metaphorisch zu verwenden.

Wie kann der moderne Mensch Poesie/Harmonie in Liebe und Welt/Umwelt leben?

Muss der moderne Mensch Harmonie als hehres Ziel haben, um in der heutigen (Um-) Welt zu bestehen?

Ist „Hans“ auch heute prototypisch?

Es gibt sie schon noch, die Hans(ln).

Was hat sich in der Liebe in Beziehung und Gesellschaft seit 1961 verändert?

Aus eigener Erfahrung kann ich hier nicht schöpfen. Für mich offensichtlich verändert hat sich die rechtliche Lage, die Beziehungsspektren sind sichtbarer geworden, die Gesellschaft lernt mit und lässt wohl auch mehr zu, urteilt eventuell differenzierter. Beziehungen sind öffentlicher geworden, nicht zuletzt durch Online-Dating und die sozialen Medien.

Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?

Respekt und Vertrauen.

Was lässt Liebe untergehen?

Eifersucht.

Welche Impulse gibt es von der Natur her für Dich als Schriftstellerin?

Sie fließt direkt in meine Texte ein, entweder bildhaft oder thematisch. Im Schreibprozesse befördert sie meinen Gedankenfluss und baut mir Brücken im Text.

Was sind Deine derzeitigen und ausblickenden literarischen Schwerpunkte und Projekte?

Auch da gibt es eine lange Liste, ich beschränke mich einmal auf das Unmittelbare.

Zunächst fahre ich auf das Luaga & Losna Theaterfestival für junges Publikum. Im Rahmen der DramatikerInnenbörse werden mein Kollege Alexander Estis und ich ein gemeinsames Projekt vorstellen.

Ständiges Dichten für meine wöchentliche poetische Kolumne „Ferner dichtet“ in der Salzburger Krone.

Gemeinsam mit Burlesque-Performerin Kalinka Kalaschnikow Organisation des ersten real stattfindenden Termins der Lesereihe „das nackte Wort“ (https://www.instagram.com/das.nackte.wort/)

Was bedeutet Dir das Element Wasser?

Sternzeichen Wassermann. Liebstes Getränk. Eine reinigende Wirkung, nicht nur im hygienischen Sinne, sondern auch im psychischen.

Schwimmst Du gerne, wo/wie hast Du schwimmen gelernt?

Ich glaube, ich habe zuerst Tauchen gelernt und erst später schwimmen.

Von meinem besten Freund in der Kindheit.

Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?

Hängt davon ab, wo ich gerade bin. Schreibtechnisch fällt es mir leichter in den kühleren Jahreszeiten, inspirativer finde ich die wärmeren.

Welches Zitat aus „Undine geht“, möchtest Du uns mitgeben?

„Wenn dir nichts mehr einfiel zum Leben, dann hast du ganz wahr geredet, aber nur dann. Dann sind alle Wasser über die Ufer getreten, die Flüsse haben sich erhoben, die Seerosen sind gleich hundertweis erblüht und ertrunken, und das Meer war ein machtvoller Seufzer, es schlug und rannte und rollte gegen die Erde an, daß seine Lefzen trieften von weißem Schaum.“

Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Achrostikon zu „Undine geht“ bitten? (Wortassoziation zu der Buchstabenfolge – U=Stichwort, N=…..)

Ungeheuer

Niedergang

Demut

Insel

Natur

Erde

Grün

Einsamkeit

Haut

Trunkenheit

Katharina J.Ferner_Schriftstellerin, Performerin_
Katharina J.Ferner_Graben _ Wien
Katharina J.Ferner_Donauinsel_Wien

Herzlichen Dank, liebe Katharina!

60 Jahre_Undine geht _Erzählung _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Katharina J.Ferner, Schriftstellerin, Performerin_Salzburg

https://bachmannpreis.orf.at/stories/3102027/

Station bei Ingeborg Bachmann_Wien.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_9_2021.

https://literaturoutdoors.com

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