„Kunst besitzt die Kraft, die Gesellschaft, in der wir leben und die Erde zu verschönern“ Sakina Teyna, Sängerin _ Wien 3.9.2021

Liebe Sakina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Für mich sind tägliche Rituale und ein geplanter Ablauf wichtig. Aber manchmal gebe ich mich auch einfach dem Lauf des Tages hin. Drei Tage der Woche verbringe ich als Beraterin in der Beratungsstelle „Volkshilfe Wien/FAIR“. An diesen Tagen bin ich schon sehr früh mit dem Zug von Wien nach St. Pölten unterwegs und verbringe dann den gesamten Tag bis abends im Büro. Ich stehe dort beratend und unterstützend Menschen bei, die mit einer Flüchtlingsgeschichte in Fragen zum Aufenthaltsrechts, zur Klärung bürokratischer Angelegenheiten, aber auch beim Prozess der Arbeitsstellensuche sich an uns wenden und in ihrer Muttersprache Hilfe benötigen.

Ich empfinde tiefe Verbundenheit zu diesen Menschen, da ich all die schwierigen Fluchtgeschichten und die damit verbundenen Traumata aufgrund meiner eigenen Fluchterfahrung sehr gut nachvollziehen kann. Es sind natürlich keine heiteren und unterhaltsamen Themen, denen ich mich widme, aber Menschen helfen zu können, die nach so viel Leid- und Verlusterfahrungen versuchen, ein neues Leben aufzubauen, erfüllt mich mit Freude.

Wenn ich dann abends nach Hause kehre, nutze ich den Weg vom Bahnhof nach Hause zu Fuß, um die untergehende Sonne noch auf mich wirken lassen zu können und versuche die Schwere solch belastender Themen auf diese Art und Weise von mir abzulegen.

Die restlichen Tage verbringe ich mit verschiedenen künstlerischen Tätigkeiten; Musik, Proben, Aufnahmen, Austausch mit Freunden und versuche die nun wieder stattfindenden künstlerischen Tätigkeiten zu verfolgen und oft auch Sport zu machen.  

Wenn ich nicht arbeite, habe ich bestimmte Routinen: morgens beim Kaffee schaue ich mir an, was in der Welt so passiert, beantworte anschließend Mails und erledige administrative Angelegenheiten auf meinen sozialen Accounts im Web.

Mich reizt es sehr, neue und unbekannte Länder zu entdecken und neue Kulturen kennenlernen zu dürfen, aber im Sommer ist es auch wirklich schön, einfach in Wien zu sein. Man kann jederzeit und an den verschiedensten Orten der Stadt Freiluftkinos begegnen oder Festveranstaltungen besuchen. Ein Muss für mich ist auch der Zeitvertreib an der Donau und am Kanal.  

Sakina Teyna_singer, songwriter

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig? 

Was für Menschen mal vorrangig oder wichtig war, kann sich verändern. Faktoren wie beispielsweise Geburtsort, das soziale Umfeld, die wirtschaftlichen Verhältnisse, das eigene Seelengemüt und noch viele weitere Einflüsse können hierauf wirken. Daher denke ich, dass jeder für sich selbst feststellen muss, welche Prioritäten man wählt. Das, was für mich besonders wichtig ist, kann für einen anderen belanglos sein. Dennoch glaube ich, dass es für alle Menschen gemeinsame universelle Werte gibt. Auch wenn ich seit 14 Jahren in Österreich lebe, beschäftigen mich die Probleme meines Herkunftslandes auf einer persönlichen Ebene. Mit all diesen Erfahrungen bin ich natürlich besonders sensibel, wenn es um Fragen der Freiheit und Gerechtigkeit geht. Ich versuche, so gut ich kann, aktiv gegen Umweltkatastrophen, faschistische Angriffe, Diskriminierung, Rassismus, Flüchtlings- oder Fremdenfeindlichkeit, Frauenmorde, Kindesmissbrauch, Sexismus, Homophobie, Armut und Hungerleiden Widerstand zu leisten, egal wo auf der Welt diese Gräueltaten stattfinden.

Es gibt natürlich auch Erkenntnisse, die ich aus der fast zweijährigen Zeit der Corona-Krise gezogen habe. Die Gesundheit des Einzelnen und der Gesellschaft im Allgemeinen beeinflussen sich gegenseitig Schicht für Schicht. Selbst, wenn man im Besitz der ganzen Welt sein sollte, kann ein Virus jemanden in die eigenen vier Wände zwingen. Ich bin aber natürlich nicht so naiv, dass ich behaupten würde, dass die Krise einen Ausgleich zwischen arm und reich geschaffen hat. Die Ärmeren haben eindeutig mit größeren Schwierigkeiten und Hürden zu kämpfen.

Es ist wichtig, dass man aus all den Erfahrungen Vor- und Nachteile erkennt und sich bewusst macht, dass das Leben einen nicht immer auf das vorbereitet, was passiert und dass man im Anschluss richtige Strategien für solche Krisen entwickeln sollte. Diese Phase hat mich persönlich in meiner Empfindlichkeit und Empathie gegenüber der Natur, meinem Umfeld, den Menschen, allen Lebewesen und in meinen solidarischen Gefühlen in Bezug zu all dem gestärkt. Der Solidaritätsgeist tut meiner Seele gut. Ich denke, dass Gleichgültigkeit, Hass, Angst und die Abwendung vom gesellschaftlichen Leben einen innerlich auslaugt und eine große Leere schafft.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu? 

Jede künstlerische Disziplin hat eine für sich eigene Eigenschaft, aber egal um welchen künstlerischen Zweig es geht, haben alle Tätigkeiten etwas Heilendes, Wohltuendes, Hinterfragendes und Vereinendes. Wenn ich speziell auf meinen künstlerischen Bereich, der Musik schaue, so hat Musik den Vorteil, dass sie Menschen auf einer visuellen, auditiven und auch seelischen Ebene begleitet. Wenn man eine Kunstausstellung hinter verschlossenen Räumen weiß, dann erreicht man kein Wissen darüber, wohingegen man auf einer Straße laufen und aus dem Fenster eines unbekannten Menschen herausragende Musik wahrnehmen kann, die einen vielleicht sogar ungewollt in den Bann ziehen kann.

Die Musik impliziert daher etwas Magisches. Die Sprache einer Ausstellung beispielsweise spielt auf musikalischer Ebene meistens keine große Rolle. Selbst Menschen, die unterschiedliche Sprachen sprechen, können über die Musik in einer gemeinsamen Sprache kommunizieren, da die Musik den Weg zur Seele eines jeden findet und diese Fähigkeit auf eine natürliche Art und Weise besitzt.

Ich bin mir nicht sicher, ob künstlerische Tätigkeiten die Welt verändern können. Aber als friedfertigste Form des Widerstands kann sie Achtsamkeit schaffen und besitzt zudem die Kraft, die Gesellschaft, in der wir leben und die Erde zu verschönern. Mir persönlich schenkt die Musik Mut und Stärke, um all die Missstände auf der Welt aushalten zu können, mich selbst zu heilen, weitermachen zu können und die Freude über die Musik in Austausch mit anderen Menschen kommen zu dürfen. Deshalb kann ich mir ein Leben ohne die Kunst (die Musik) nicht vorstellen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese den Roman „Seher“, was in deutscher Übersetzung ‘Morgengrauen’ bedeutet. Das ist eine Sammlung von 12 Erzählungen, 12 Schicksalsgeschichten, geschrieben von Selahattin Demirtas.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? 

„Und ich habe etwas Wichtiges gelernt: 

Wenn du nur kräftig und voller Mut voranschreitest, 

kommst du manchmal schneller voran als ein Auto. 

Ich bin Nazan, die Putzfrau.“ 

Sakina Teyna_singer, songwriter

Vielen Dank für das Interview liebe Sakina, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Sakina Teyna_singer, songwriter

www.sakinateyna.com

Fotos_1,5 Georg Cizek-Graf; 4 Özgün Yarar; 2,3,6 Derya Schubert-Gülcehre;

30.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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